
Lass es raus, Sam!
Glücklich, wer den Emotionen so freien Lauf lassen kann wie Sam Kerr, Star des australischen Frauenfussball-Nationalteams. Sie schoss an der Frauenfussball-WM, die den Sport definitiv ins Scheinwerferlicht rückte, ihre Matildas mit einem Penaltytreffer gegen Frankreich in den Viertelfinal. Wir haben Frauen gefragt, die die WM verfolgt haben: Sie sagen Ja zu solchen Gefühlsausbrüchen von Sportlerinnen. Schande über alle, die so ein Verhalten als rein den Männern vorbehalten einstufen. Ein bisschen Sam Kerr täte uns allen nämlich gut. Zeig der Welt, was du fühlst. Egal, ob du siegst oder verlierst. Die Matildas flogen im Halbfinal raus. Wir sind sicher, es flossen Frusttränen. Genau so, aus vollem Herzen.

Schönheit im Desaster
Die findet Chad Ajamian. Der Fotograf und Wissenschaftler der Geografie dokumentiert Naturkatastrophen, liefert Daten und setzt sie bildlich in Szene – gerne mit einer Infrarotkamera. Mit Aufnahmen der Flutkatastrophe in New South Wales im März 2021 gewann der australische Freelancer den damaligen World Press Photo Award in der Sparte Open Format in Südostasien und Ozeanien. Man kann sich streiten, ob es moralisch in Ordnung sei, mit Leid zu Ruhm und Ehre zu kommen. Mehr Sichtbarkeit verschafft es den Folgen, die Extremwetter auf Natur, Menschen und Infrastruktur hat, allemal. Und das zählt. Das Bild zeigt Felder, die der Hawkesbury River, ein Hauptfluss der Region von Sydney, überflutete. Sechs Tage stand das Wasser so hoch, neun Tage war die Region nicht einmal per Fähre erreichbar.

Das waren noch Zeiten
Auch wir haben Lieblingsbilder. Dieses Foto entstand vor 31 Jahren an der Tour de Suisse 1992. Fotograf: Christoph Ruckstuhl. Ruckstuhl fing 1986 bei der Fotoagentur Keystone an – notabene zusammen mit unserem Fotochef Remo Lötscher. Anfangs hatte er den Job, die Bildinformationen auf die Papierfotos zu kleben. Handarbeit, die man in der digitalen Welt nicht mehr kennt, erinnert sich Remo Lötscher. Der junge Volontär Ruckstuhl jedenfalls mauserte sich zum ambitionierten Reportagefotografen, wurde 1991 fest angestellt und leitete jahrelang, bis 2022, das Fototeam der NZZ. Mit diesem durch Radspeichen geschossenen Bild gewann er 1993 einen World Press Photo Award. Er ist jetzt frühpensioniert, aber wer weiss, vielleicht geht er ja an der Rad-WM 2024 in Zürich auf Motivjagd. Wir bleiben dran.

Aussterbende Spezies
Henry Kissinger wurde am 27. Mai 2023 100 Jahre alt. Belated happy birthday, Mr. Secretary of State ret.! Ein Superager, der Generationen von US-Präsidenten er- und überlebt hat und mit seiner Souveränität Vorbild für staatsmännisches Verhalten ist. Auch wenn er Fehler gemacht hat – und das hat er. Nicht zu allen steht er, das ist dem gebürtigen Deutschen, der als Jugendlicher mit seiner jüdischen Familie aus Nazideutschland fliehen konnte, teilweise nachzusehen. Kissinger hat Bücher geschrieben, die bildend sind. Wer wenigstens eines lesen möchte, dem sei «Weltordnung» (noch besser in Englisch: «World Order») empfohlen. Ein Abriss der Weltgeschichte, der eine Übersicht darüber gibt, wie es – aus Kissingers Sicht – zum Ist-Zustand der Machtverteilung in der Mitte der 2010er-Jahre kam. Auch noch als Centenario kommentiert er das aktuelle Chaos. Man sollte ihn lesen und ihm zuhören.
Dieser Artikel erschien im November 2023 in der Ausgabe MEN 2/23.


