
Es riecht nach Leder, nach Holz, nach Schweiss, nach Arbeit. Wir befinden uns in der Werkstatt von Ole Koch, wo Autos gebaut werden. Dass es hier nicht der Geruch von Benzin und Altöl ist, der dem Besucher in die Nase steigt, hat einen einfachen Grund. Ole Koch baut nicht einfach irgendwelche Autos, sondern er hat sich auf die Herstellung von Oldtimermodellen im Stil der 1920er-Jahre spezialisiert.
Wer sich in Kochs Werkstatt umsieht, fühlt sich um 100 Jahre zurückversetzt. Seine Werkstatt, vielmehr eine Manufaktur, in einem alten Fachwerkhaus in der Nähe von Köln (D), erstreckt sich über zwei Stockwerke, auf denen Holzteile zurechtgesägt und geschliffen, Blechteile gedengelt werden und Leder geschnitten und genäht wird. Nicht nur die Autos sind traditionell, auch die Bauweise ist es.
Einzelanfertigung wie früher
In den 1920er-Jahren gab es noch keine selbsttragende Karosserie und keine automatisierte Produktion. Die Fertigung am Fliessband war wenige Jahre zuvor von Henry Ford zwar erfunden worden, durchgesetzt hatte sie sich aber noch lange nicht. Und an der Bauweise der Automobile änderte sich dadurch auch wenig. Tragendes Element war das Fahrgestell, darauf wurde eine Karosserie aufgebaut, die oftmals nach den Wünschen des Käufers gefertigt wurde.

Koch konzentriert sich in seinen Nachbauten auf das, was man sieht, auf die Karosserie – die Blechkisten, wie er sie nennt. Da hält er sich so eng wie möglich an die Produktionsweise von anno dazumal. Egal ob Montage am Fliessband oder Einzelanfertigung, das Einzige, was man im Karosseriebau kannte, war die Gemischtbauweise, bei der ein Holzgerüst mit einer Aluminiumbeplankung bezogen wird. Auch Kochs Blechkisten ruhen auf einem Fahrgestell aus einer Kombination von Holz und Metall. Die aufgesetzte Karosserie besteht aus einem Holzgrundgerüst aus Multiplex, welches im Anschluss mit Aluminiumblech beplankt wird. Fast wie bei den Originalen also.
Dabei entwirft, plant und baut Tausendsassa Koch die Modelle vollständig in Eigenregie. Angelehnt sind sie alle an die ikonischen Autos der Roaring Twenties, von Rennwagen über Kombis bis hin zu Lieferwagen. «Ähnlich einer Modellfamilie haben meine Blechkisten immer einen ähnlichen Vorderbau. Ab dem Torpedoblech nach hinten wird dieser durch eine individuelle Karosserie ergänzt. Meine Blechkisten sollen authentisch wirken und eine Geschichte erzählen können.»
Wer also meint, in den Modellen von Koch diese oder jene Marke zu erkennen, täuscht sich – die Originale von damals dienen nur als Inspiration. Zeitgenössische Anleihen und verschiedene Gestaltungsdetails fügt er in seinen Modellen gekonnt zu einem neuen Ensemble zusammen. Das Gestalten der Karosserie und der Anbauteile mache ihm unglaublich viel Spass, erzählt Koch. Aktuell umfasst seine Modellpalette verschiedene Rennwagen, einen Lieferwagen und einen Shooting Brake. Was gerade auf seiner Werkbank steht, ist ein Pritschenwagen mit offener Ladefläche, bereits in Planung ist ein Cabriolet mit Faltdach, und auch ein offener Tourer soll bald einmal noch hinzukommen.
Handarbeit und Originalteile

«Als Vorbilder dienen mir überwiegend die englischen Limousinen und Rennwagen der 1920er-Jahre und vor allem die mit einem Kompressor aufgeladenen Renner oder die für Jagdzwecke karossierten Kombis. Meine Blechkisten sind jedoch keine Kopie eines konkreten Modells, vielmehr liefern mir die Originale Inspirationen, die ich in meinen Modellen zu etwas Neuem zusammenfüge», sinniert Koch. Dass das Holz aus nachhaltigen Quellen kommt, passt auch ins Bild des bärtigen Perfektionisten.
Besonderes Augenmerk widmet Ole Koch der Blechkarosserie. Die Verarbeitung wirkt beinahe rituell. Die blanken Aluminiumbleche biegt er in die gewünschte Form, zieht sie in traditioneller Fertigungsweise über einen mit Sand gefüllten Jutesack und dengelt das feine Blech mit einem schweren Holzhammer zurecht. Kunstvoll geschwungene Kotflügel sind aus dem heutigen Karosseriebau verschwunden, ebenso das Werkzeug, das zur Fertigung genutzt wird, das sogenannte English Wheel. In Kochs Blechkisten-Manufaktur kommt es noch zum Einsatz. Mit der Verbreitung der Massenproduktion hat das Tiefziehen in riesigen Pressen diese wunderschöne Handarbeit an der Karosserie verdrängt, die nicht nur ein gutes Auge, sondern auch eine ruhige Hand erfordert, damit jede Rundung und jede Kante perfekt geformt ist.
Sorgfältige Fingerarbeit
Die Metallteile fräst, dreht, bohrt, feilt er selber, je nach Anwendung aus Rohren, Stahlblechen oder aus dem Vollen. Sichtbare Teile werden brüniert und so vor Korrosion geschützt. Dann wird alles in sorgfältiger Fingerarbeit passgenau verschraubt oder verleimt. Und was nicht Handarbeit ist, sind Originalteile, billige Kopien gebe es bei ihm nicht, erzählt Koch: «Die Anbauteile, die ich nicht selber fertige, wie Felgen, Scheinwerfer oder Instrumente, sind immer historische Originalteile, die ich im In- und Ausland zusammensuche.»

Der überwiegende Teil der verbauten Anbauteile wie die Lenkräder, Sitze, Armaturenbretter, Auspuff oder Kennzeichen sind aber selbst gefertigt. Damit am Ende alles zusammenpasst, werden die neuen Bauteile aufwändig patiniert, also auf alt gemacht. Die Holzteile sind ein kleines Meisterwerk. Man muss selber keinen Modellbau betreiben, um zu erkennen, dass Koch ein Profi mit einem geschulten Auge fürs Detail ist. Jedes Bauteil wird sorgfältig zurechtgefeilt und geschliffen, bis es passt.
«Als Vorbilder dienen mir überwiegend die englischen Limousinen», erinnert sich Koch an seinen ersten Oldtimer, den er in marodem Zustand übernahm. «Auf dem Fahrgestell war eine Karosserie aus Holz und Blech montiert. Das Holz war komplett morsch, und ich musste alle neu anfertigen.» Das habe ihm eigentlich schon damals grossen Spass bereitet, erinnert er sich. Seither wanderte ein Oldtimer nach dem anderen durch seine Hände; aktuell fährt er unter anderem einen Jaguar XJ6 Serie 1 aus dem Jahr 1973, einen Heckflossen-Mercedes von 1967 und einen Alfa Romeo Spider von 1984.
Autos ohne Motoren
Bis zu 500 Stunden arbeitet Koch, der Kunst- und Textilgestaltung studiert hat, an einem einzelnen Modell. Professionelle handwerkliche Ausbildung hat er keine. Er sei ein Autodidakt, meint er, elegant ein Wortspiel einfliessen lassend. Was es in seinen Autos nicht gibt, sind Motoren. Seine Unikate sind Requisiten für Filme oder Fotografien und können als Showobjekte genutzt werden – obwohl Koch selber ein leidenschaftlicher Liebhaber echter Oldtimer ist.

Vor fast dreissig Jahren habe er sich einen IFA F8 Cabriolet mit einer Sonderkarosserie von Gläser gekauft, erzählt er. Der F8, der in der damaligen DDR vom Industrieverband Fahrzeugbau gebaut wurde, geht zurück auf den DKW F8, der seinen Ursprung in den 1930er-Jahren hatte. Entsprechend nahe sei die Konstruktion des Autos an dem gewesen, was er heute auch baue.
Das beantwortet aber noch immer nicht die Frage, was jemanden dazu bringt, sich auf eine solche Nische einzulassen und professionell Modellautos zu bauen. Wie so oft stand der Zufall Pate. «Zum Bau meiner Blechkisten bin ich über Umwege gekommen. Ich habe mich schon immer mit dem Thema Gestaltung beschäftigt. Ebenso lange interessiere ich mich bereits für Oldtimer. Diese beiden Leidenschaften zusammenzubringen, war aber lange Zeit kein Thema für mich. Als meine Kinder vor zwei Jahren wollten, dass ich ihnen eine Seifenkiste baue, war für mich sofort klar, wie sie aussehen sollte. Die Sache hat mich so begeistert, dass ich daraus unbedingt eine Geschäftsidee machen wollte.» Mit seiner kleinen Manufaktur hat Ole Koch seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.
Dieser Artikel erschien im November 2021 in der Ausgabe MEN 1/21.


