Boris Blank

Immer elegant und stilsicher kommt er daher, der Mitbegründer und Hauptkomponist der Band Yello. Zusammen mit Dieter Meier hat der Zürcher Boris Blank unsere Jugend und die Musikwelt geprägt und eine der innovativsten Gruppen in der elektronischen Musikszene gegründet. Daneben hat der geniale Soundkünstler seine eigenen Projekte vorangetrieben. Anlässlich seines neusten Werks haben wir ihn in Zürich getroffen.

Dein Album «Resonance» ist aus einer Auftragsarbeit für ein Wellness-Center heraus entstanden.

Boris Blank: Genau. Was eigentlich eher ungewöhnlich ist. Mich hat die Arbeit für das Thermalbad Forty-seven, das vom Architekten Mario Botta projektiert wurde, dann aber doch sehr überzeugt. Natürlich war es auch eine Herausforderung für mich, denn die Gefahr, dass man da musikalisch schnell in Kitsch oder in eine esoterische Richtung abdriftet, war sehr gross.

Wie entsteht deine Musik? Überlegst du dir zuerst, welche Assoziationen sie auslösen soll, oder sind die Klänge zuerst da?

Ich habe in den letzten 30 Jahren viele Klänge gesammelt, die ich wie ein Maler verwende, der Farben auf seiner Palette mischt. Und so habe ich dann einige Klänge, die mir sozusagen als erster Tupfer auf einer leeren Leinwand dienen. Dem folge ich dann mit weiteren Klängen, bis ein Umriss entsteht, eine Kontur. Und plötzlich entdecke ich – wow, da geht die Reise hin! Im Gegensatz zu jemandem, der Noten lesen oder Partituren schreiben kann, bin ich eher jemand, der in der Stimmung lebt. Ich bin oft selbst überrascht, wie sich ein Stück entwickelt oder wie es klingt, wenn es fertig ist. Im Thermalbad war es besonders: Diese Räume sind mit vielen Lautsprechern ausgestattet. Man kann diese einzelnen Klänge immersiv dorthin schicken. Diese dreidimensionale Klangwelt hat mich daran erinnert, wie ich als kleiner Junge nach Mono erstmals Stereosound erlebt habe.

Was ist bei der Entstehung eines Boris-Blank-Soloalbums anders als bei Yello? War dein Duo-Partner Dieter Meier dennoch involviert?

In diesem Fall überhaupt nicht. Was ihn auch nicht gestört hat. Es ist ja so, dass ich bei Yello immer die Musik gemacht habe. Yello war nie eine demokratische Band, wo einer dem anderen dreinredet. Dieter hat zum Glück immer viel auf dem Kasten gehabt, er ist ein Multitalent. Er ist auch viel unterwegs. Das war gut für mich. So kann ich wie ein Mönch auf dem Berg in der Klausur allein meine Arbeit machen. Ist ein Stück fertig, kommt Dieter und denkt sich sehr schnell eine Figur aus – und reist dann sozusagen als Protagonist durch meine Klanglandschaften.

Du sagtest, du seist ein musikalischer Mönch – du bist ja auch strebsam wie ein Mönch. Gehst du ins Studio wie andere Leute täglich ins Büro, so mit Mittagspause? Musst du nicht auf eine kreative Phase warten?

Es ist wie du sagst, es fehlt nur die Stempeluhr. Ich gehe jeden Tag ins Studio. Und zum Glück habe ich diese Freude und Eingabe fast grenzenlos. Ich darf das gar nicht so laut sagen. Ich bin erpicht von jedem Moment weg, wo ich an einem Klangmodul oder auch am Synthesizer sitze. Dann bin ich fasziniert. Wie ein Kind, das gerne spielt, jeden Tag.

Du bist nicht über den klassischen Weg zur Musik gekommen – so mit Flötenstunden als Kind?

Natürlich habe auch ich Blockflöte gespielt. Musiknoten habe ich nie verstanden, die habe ich immer meinem Banknachbarn in der Schule abgeschrieben. Aber ich konnte dann «Ihr Kinderlein kommet», das die Lehrerin vorgespielt hat, im Nu nachspielen.

Ging das dann nahtlos weiter?

Eigentlich schon. Ich war fasziniert, als ich damals eine Gitarre bekommen habe. Aber das Handhaben dieser Saiten und das Feingefühl hatte ich nie. Auf dieser Gitarre habe ich so lange gespielt, bis keine Saite mehr da war. Dann habe ich ein Mikrofon in diesen Resonanzkörper geklebt und darauf getrommelt. Rhythmus hat mich schon immer begleitet. Ich trommle, wo immer ich bin, selbst auf Wände, auf Liftwände.

Zur Person: Ganz früher jobbte der Zürcher Boris Blank (72) als Lastwagenfahrer, um sich seinen Soundexperimenten widmen zu können. Seit Ende der 1970er-Jahre ist Boris Blank zusammen mit Dieter Meier als Yello international erfolgreich. Songs wie «Oh Yeah» und «The Race» sind Klassiker der elektronischen Popmusik. Mit «Resonance» erschien im Februar sein drittes Soloalbum.
Zur Person: Ganz früher jobbte der Zürcher Boris Blank (72) als Lastwagenfahrer, um sich seinen Soundexperimenten widmen zu können. Seit Ende der 1970er-Jahre ist Boris Blank zusammen mit Dieter Meier als Yello international erfolgreich. Songs wie «Oh Yeah» und «The Race» sind Klassiker der elektronischen Popmusik. Mit «Resonance» erschien im Februar sein drittes Soloalbum.

Hattest du da früh auch schon ein Publikum?

Schon in der Schule habe ich im Deutschunterricht mit der Klappe des Schultisches gespielt. Apropos Publikum: Der Lehrer hat das aufmerksam verfolgt. Und hat mich aufgefordert: «Blank, du schreibst einen Aufsatz, zwei Schreibmaschinenseiten bis morgen.» Das war also eine Strafarbeit mit dem Titel «Klopfzeichen, Verständigungsmittel der Primitiven». In dieser Arbeit habe ich geschrieben, wie froh ich war, in meinem Lehrer endlich jemanden gefunden zu haben, der meine Klopfzeichen verstanden hat. Lustigerweise fand er den Aufsatz so gut, dass ich den Aufsatz vor der ganzen Klasse vorlesen durfte.

Weiterklopfen durftest du trotzdem nicht?

Nein.

Bleiben wir beim Thema Boris als kleiner Junge. Ich habe gelesen, dass du schon früh vom Echo in den Bergen fasziniert warst.

Ja, das Thema Berge, Echo, Tiefgarage, Riesenhall! Auch Treppenhäuser faszinieren mich. Jedes hat seine eigene Frequenz oder Schwingung – seine Resonanz eben. Das war für mich immer wichtig: Nicht mit konventionellen Musikgerätschaften zu arbeiten. Sondern mit verschiedensten Klangquellen zu experimentieren.

Die Musikwelt hat sich verändert. Und jetzt kommt noch künstliche Intelligenz dazu. Wie findest du das?

Die Entwicklung der Musiktechnologie macht das Leben etwas bequemer und komfortabler. Aber die Idee und die Architektur eines Entstehens, des Entstehens eines Stückes, sind genau dieselben wie früher. Neulich wurde mir in einer Radiosendung ein Stück vorgespielt, das mit künstlicher Intelligenz erzeugt wurde – es sollte Yello sein.

Und wie klang es?

Eine Kakophonie sondergleichen, ich musste lachen. Manchmal tauchte eine sonore Stimme auf, aber es war bei Weitem nicht Yello. Ich glaube, dass Musik auch heute noch einen menschlichen Impuls braucht, um eigenständig zu sein. Mainstreammusik aber, die lässt sich auch künstlich generieren. Aus unserem Yello-Dilettantismus entstehen eben sehr seltsame Blüten, die sich nicht so einfach kopieren lassen.

Was planst du als Nächstes?

Ich denke, dass Yello bald wieder im Vordergrund steht. Ich habe auch schon einige Stücke in Arbeit.

Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.

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