Das Unikat

«Diese irdische Zeitzählung ist nichts für mich», sagt Udo Lindenberg, ein Mittzwanziger im Körper eines Mittsiebzigers. «Bei anderen Leuten in meinem Alter denke ich immer: Das ist eine ganz andere Generation. Ich bin zeitlos. Man nennt mich auch den Elasto-Man. Ich bin grazil wie eine Gazelle, die Kondition ist exzellent.» Lindenberg macht viel Sport: Nachts joggt er bei Wind und Wetter um die Hamburger Alster oder durch den Berliner Tiergarten, «immer so sieben Kilometer». Die wohl fitteste grüne Socke unter der Sonne gibt also weiterhin Vollgas.

Was heisst das schon?

Sicher, stolze 76 Jahre hat Lindenberg auf dem Buckel – aber was heisst das schon? Tatsächlich gewinnt man den Eindruck, dass der Mann umso umtriebiger wird, je weiter er sich rein rechnerisch von seiner Jugend entfernt. Gerade erst war er diesen Sommer nach zwei lähmenden Corona-Jahren wieder mit seinem Panikorchester auf Tournee. Es wurden besondere Konzerte: Zum einen sehnten sich die Menschen nach Livemusik, zum anderen rückte der bekennende Pazifist und Verfechter von Toleranz, Respekt und Vielfalt seine Friedensbotschaften mehr denn je ins Zentrum. «Wozu sind Kriege da?» von 1981 und «Wir stehen im Frieden» vom MTV-Unplugged-Album (2018) spielte er zusammen mit dem Kinderchor Kids on Stage – bewegende Momente.

Glaubt Lindenberg angesichts der aktuellen Krisen noch an die Utopien der Sechzigerjahre? «Ja! Solche Ideale brauchen wir. Keine Grenzen, keine Mauern, sondern Menschenketten – das ist mein Traum. Ich setze mich ein für eine gerechtere Welt, gegen Krieg und immer mehr Waffen. Wir müssen die Ozeane retten, den Klimawandel eindämmen, unsere Sozialsysteme finanzieren – das sind Utopien, klar. Aber ich weiss auch, dass viel gelingen kann. Woodstock hat mit dazu beigetragen, dass der Vietnamkrieg endete, die Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King. Es ist geil, wenn Leute für etwas einstehen.» Die Jugendlichen von Fridays for Future bewundert er: «Es ist fantastisch, wenn sich junge Menschen der Gier und der Ausbeutung von Mensch und Ressourcen entgegenstemmen.»

Ein Unikum als Mutmacher

Lindenberg ist nicht nur ein absolutes Unikat, sondern vielleicht auch Deutschlands führender Mutmacher. Seit Jahren engagiert er sich vehement gegen Rechtsextremismus und für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Vor allem seine Studioalben «Stark wie Zwei» (2008) und «Stärker als die Zeit» (2016) mit der Optimismushymne «Durch die schwersten Zeiten» haben vielen Menschen Halt gegeben. Und man nimmt ihm ab, was er singt: Der Mann hat schliesslich alle erdenklichen Höhen und Tiefen selbst erlebt.

Seinem Look treu: Udo Lindenberg mit Hut, Sonnenbrille und grünen Socken. Foto: Tine Acke
Seinem Look treu: Udo Lindenberg mit Hut, Sonnenbrille und grünen Socken. Foto: Tine Acke

«Resignieren ist einfach nicht mein Ding. In meinem Leben gab es heftige Ausschläge nach oben und unten, aber aufzugeben kam für mich nie in Frage. Es muss ja weitergehen.» – Udo Lindenberg, Musiker

Vom Kellner zum Star

Lindenberg wurde in ein vom Krieg traumatisiertes, tristes Westdeutschland hineingeboren. Er wuchs bei seinen Eltern im westfälischen Gronau auf; Vater Gustav war Klempner, träumte aber davon, Dirigent zu werden. Der Sohn entdeckte das Schlagzeug, zog noch minderjährig nach Düsseldorf, begann eine Lehre zum Kellner und ging mit 17 für ein Jahr nach Libyen, um vor US-Soldaten zu spielen. «Ich war schon früh mein eigener Herr. Das ist das Schönste, was es gibt.» Er trommelte in Klaus Doldingers Band Passport und machte sich Anfang der Siebziger selbständig – mit rotzig-schnoddrigen deutschen Songs füllte er die Lücke zwischen Rock und Schlager. «Überhaupt zu wagen, deutsche Texte zu singen, als alle anderen Englisch sangen – das war gewagt. Aber ich wusste, das muss irgendwie gehen.» Den kommerziellen Durchbruch brachten 1973 die Hits «Alles klar auf der Andrea Doria» und «Cello»; davon erzählen auch der Kinofilm «Lindenberg! Mach dein Ding» (2020) und die Autobiografie «Udo».

1981 trug Lindenberg mit seinem Hit «Sonderzug nach Pankow» vermutlich mehr zur Annäherung von Ost und West bei als die meisten Politiker in Jahrzehnten. Es folgten Briefmarken mit seinem Konterfei, ein Musical, der Legendenstatus – aber auch immer wieder alkoholbedingte Abstürze. Doch als dem seit Jahrzehnten im Hamburger Hotel Atlantic residierenden Künstler 2008 mit «Stark wie Zwei» das grosse Comeback gelang, besann er sich auf einen gemässigteren Lebenswandel. «Die Saufzeit ist lange vorbei», beteuert Udo.

Radikalität und Meisterschaft

Genug hat der Panikrocker noch lange nicht. «Manche fragen: Willst du nicht mal in Rente gehen? Aber ich erfinde mich lieber immer wieder neu und bleibe das ewig junge Talent.» Im Alter, so Lindenberg, komme es auf zwei Dinge an: Radikalität und Meisterschaft. Beides besitzt er im Übermass. Seit Ende der Neunzigerjahre ist er mit der Fotografin Tine Acke liiert; Kinder hat er keine. «Ich habe den Leuten versprochen, dass ich noch 50 Jahre durchhalte. Und die Medizin ist so weit – mit Lebenspillen schaffe ich locker 126. Ich kann die Leute ja nicht hängen lassen, sie brauchen ihr Udopium.»

Dieser Artikel erschien im November 2022 in der Ausgabe MEN 2/22.

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