
Ja, der Rücken! Weil sich Ozzy Osbourne von seinem Sturz mit dem Geländemotorrad vor vier Jahren noch nicht erholt hat, muss er seine Europatournee kurzfristig absagen. Der britische Schockrocker ist mit seinen 74 Lenzen nicht mehr der Jüngste – Füsse hochlegen ist angesagt. Ausruhen darf er sich auch auf seinen Lorbeeren: Die Rockwelt ist weitgehend überzeugt, dass seine Band Black Sabbath den Heavy Metal erfunden hat.
Mit der Vorgängerband Earth verschrieb er sich Ende der 1960er noch dem Bluesrock; der Namenswechsel brachte den Stilwandel. Der Legende nach stimmte Gitarrist Tony Iommi seine Klampfe tiefer – und erzeugte plötzlich Melodien, die düsterer und härter waren als alles bisher Gehörte. So gilt das Album «Black Sabbath» von 1970 als Ursprung des Heavy Metals. Der Begriff selbst tauchte schon 1968 auf, im Steppenwolf-Song «Born To Be Wild»: «I like smoke and lightning, heavy metal thunder». Ob es einen Zusammenhang gibt? Man weiss es nicht.
Seit den Anfängen sind über 50 Jahre vergangen, und der Stil hat sich über die Dekaden verzweigt: In den 1980ern kamen Speed, Thrash, Power Metal und Grindcore dazu, später Glam, Death, Black und Pagan Metal, in den 1990ern Industrial Metal, Metalcore und Nu Metal. Inzwischen gibt es rund 15 Metalarten – selbst für eingefleischte Fans schwer zu unterscheiden. Aber Metal ist kein Musikstil, sondern ein Lebensgefühl: Wer Fan ist, gehört zur Familie; Freundschaft und Hilfsbereitschaft sind selbstverständlich. Harte Schale, weicher Kern – das Klischee vom langhaarigen Metaller scheint zu stimmen.
Comeback der Metal-Urgesteine
Einen grossen Gefallen tun zahlreiche Urgesteine ihren Fans, wenn sie dieses Jahr die Stadien bespielen. Auf Ozzy muss die Gemeinde verzichten – dafür machen mit Iron Maiden sowie dem Doppelpack Mötley Crüe und Def Leppard gleich drei Grössen ihre Aufwartung. Auch die Scorpions haben sich für Comeback-Konzerte angemeldet – wobei sich die Geister scheiden, ob die Hannoveraner als Heavy-Metal-Band gelten: Platten wie «Virgin Killer» (1976) ja, Songs wie «Wind of Change» eher nicht.
Immer noch im Saft

Helden der ersten Stunde sind unumstritten Iron Maiden. 1975 formiert, prägten sie einen eigenen Stil, der als New Wave of British Heavy Metal Schule machte; legendär: «The Number of the Beast» von 1982. Funfact für alle, die «Iron Maiden, wer?» fragen: Sänger Bruce Dickinson hat den Pilotenschein und fliegt die ganze Crew mit einer Boeing 747 um die Welt. Rund 40 Jahre nach der Gründung sind die rockenden Herren zwischen 64 und 70 – und immer noch da.
Wer ein Stadionkonzert erlebt, merkt: Die Metaller sind gut gealtert, die Energie ist nach wie vor spürbar. Dickinson und seine Mannen rennen herum wie die jungen Wilden. Das hört man auch auf dem aktuellen Album «Senjutsu» – kein müder Aufguss, aber fordernd: Der kürzeste Song dauert fünf, der längste knapp 13 Minuten. Das muss die jüngere Konkurrenz erst einmal nachmachen.
Neue Grenzerfahrungen
Im Doppelpack feiern Mötley Crüe und Def Leppard ihr Bühnen-Comeback. Erstere kennt man auch dank Skandal-Schlagzeuger Tommy Lee (Pamela Anderson lässt grüssen) oder dem Netflix-Hit «The Dirt». Das Rennen um den Titel des wildesten Kollektivs haben die vier Bad Boys aus Los Angeles mit grossem Vorsprung gewonnen – weder in Interviews noch in Songtexten nahmen sie je ein Blatt vor den Mund. Dafür lieben wir sie.
Seit 42 Jahren beherrschen Mötley Crüe den Rockolymp, über 100 Millionen verkaufte Alben, Heavy-Hymnen wie «Kickstart My Heart» oder «Girls, Girls, Girls». Das Problem: Live waren sie schon überzeugender. Der 62-jährige Sänger Vince Neil kommt stimmlich an seine Grenzen, und das schillernde Glam-Metal-Outfit sass auch schon besser. Immerhin sorgen ein paar Pole-Tänzerinnen für Ablenkung – und ein neues Album, das die Band auf der Sommertour erstmals präsentiert.
Aus Heavy-Hits wird 08/15-Hardrock

«Hysteria», «Photograph», «Pour Some Sugar on Me» – die Rede ist von Def Leppard. In den 1970ern aus der Taufe gehoben, in den 80ern erwachsen geworden, seit 2019 in der Rock and Roll Hall of Fame, 110 Millionen verkaufte Alben. Die letzte richtig gute Platte «Euphoria» ist allerdings 24 Jahre alt; das aktuelle «Diamond Star Halos» ist einmal mehr belangloser 08/15-Hardrock. Mit eingängigen Heavy-Metal-Songs ist es vorbei.
Umso grösser die Vorfreude aufs Stadionkonzert: Nicht umsonst galt Def Leppard mit spektakulären Shows als eine der besten Live-Bands der Welt. Und heute? Joe Elliott und Konsorten haben eine riesige Leinwand aufgebaut, auf der eine wild gewordene Licht- und Videoshow tobt – die Effekte stellen die Musiker in den Schatten. Aber man soll ja in die Songs eintauchen und nicht 60-Jährigen beim Turnen zuschauen. Das Glamour-Outfit von einst bleibt im Schrank.
NWOTHM – New Wave of Traditional Heavy Metal
Warum die Grossen ausgerechnet jetzt zurückkehren? Sie wollen wohl markieren – denn eine neue Generation zelebriert die ursprüngliche Form des Genres. Der Begriff der Stunde: NWOTHM, New Wave of Traditional Heavy Metal. Prominentes Beispiel ist Night Demon aus Kalifornien: hoher Gesang, Parts, die an Iron Maiden und die Anfänge von Kiss erinnern. Cauldron aus Toronto stehen mit beiden Beinen in den 80ern – damals ernstzunehmende Konkurrenz von Def Leppard, heute eher ein Abklatsch.
Und sogar Black Sabbath erleben eine Wiedergeburt – zumindest stimmlich: Phil Swanson, Sänger der Philadelphia-Band Summerlands, klingt verdächtig nach Ozzy Osbourne. Falls der Schockrocker also nicht mehr auf die Bühne zurückkehrt, ist für Ersatz gesorgt. Eine Frage bleibt: Heavy-Hunde, wie lange wollt ihr noch rocken?
Dieser Artikel erschien im Juni 2023 in der Ausgabe MEN 1/23.


