
Auf der Terrasse des Hotels, mit der Sonne im Gesicht, einem Glas Champagner mit Arven-Geschmack in der Hand und mit der freien Sicht auf die Engadiner Bergwelt – so geht das gute Leben? Meine Begleitung und ich statten dem kleinen, aber sehr feinen In Lain Hotel Cadonau einen Besuch ab, und schon der Empfang durch die Hausherrin Tamara Cadonau gestaltet sich herzlich und unkompliziert. Sie führt uns durch die Anlage, auf die sie sichtlich und zu Recht stolz ist. Schon seit seiner Kindheit hatte ihr Mann, Dario Cadonau, von einem eigenen Hotel geträumt, und mit nur 26 Jahren, mitten in der Finanzkrise, machte sich der gelernte Koch eigenhändig ans Werk.
«Zu Beginn glaubten die Banken nicht an die grossen Träume meines Mannes», erinnert sich Tamara Cadonau. Ein Fünfsternehotel in einem 100-Seelen-Dorf? Na ja. Dario Cadonau liess sich nicht abschrecken und baute vier Jahre lang das einstige Bauernhaus seiner Mutter und das Land darum herum zu einem Hotel ganz nach seinen Vorstellungen um. Dabei konnte er auf die Unterstützung seiner Familie zählen, die in S-chanf eine Holzmanufaktur betreibt. «In Lain» bedeutet auf Deutsch «aus Holz», und dieses Material ist omnipräsent.

Es zeigt sich auch in unserer geräumigen, 63 Quadratmeter grossen Gartensuite, die geschmackvoll und klug eingerichtet ist. Zusammen mit seiner Mutter Brigitta, die ein Einrichtungsgeschäft führt, hat Dario Cadonau das Interieur der gesamten Anlage gestaltet. Beide verfügen offensichtlich über das Talent, Materialien, Muster und Objekte zu einem eleganten Miteinander zu führen, das sowohl unaufdringlich als auch sehr wohnlich ist.
Entspannung in der Natur

In der Suite steigt uns der charakteristische Duft von Arvenholz in die Nase, dem eine beruhigende Wirkung nachgesagt wird. Und tatsächlich fällt innert Minuten jeglicher Anreisestress von uns ab. Ein Blick aus den raumhohen Fenstern in den gepflegten Garten und auf den Nationalpark tut sein Übriges. Wir sind angekommen! Um das Feriengefühl komplett zu machen, haben wir Sauna und Badebottich für je eine Stunde reserviert. Beide sind sehr wirkungsvoll im Garten in Szene gesetzt. Die Sauna ist ein Tiny House, das so geschickt in die Landschaft gestellt wurde, dass man trotz grosser Glasfront einerseits vollkommen unbeobachtet ist und andererseits die Sicht auf die Berge und auf die Rhätische Bahn, die sich in der Ferne einen Weg durch die imposante Gegend bahnt, geniesst.
Nach dem Saunagang lädt der Schwimmteich, der mit Quellwasser aus 150 Metern Tiefe gespiesen wird, zum sehr erfrischenden Bad ein. Anschliessend wärmen wir uns im rustikalen Badebottich mit Whirlpoolfunktion wieder auf und bestaunen von hier aus die gelungene Architektur der Hotelanlage. Von der Strasse aus ist nämlich nur das Haupthaus zu sehen, in dem ein Familienzimmer und eine Suite untergebracht sind. Weitere zwölf Suiten, sechs mit Terrassen und sechs mit Gartenzugang, befinden sich unterhalb der Strasse und sind somit komplett vom Verkehr abgeschottet. Clever! Und obwohl er schon bald in der Küche gefragt ist, ist sich der Chef des Hauses, Dario Cadonau, nicht zu schade, das Feuer des Badebottichs persönlich mit Holzscheiten zu füttern. Eine sehr sympathische Geste, die viel darüber aussagt, welcher Geist im Haus weht. Nach dem Vorbild von Tamara und Dario Cadonau sind die 32 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hotels, das zur Relais-&-Châteaux-Vereinigung gehört, alle topmotiviert bei der Sache.

Kulinarische Reise
Nirgends wird das so deutlich spürbar wie beim Abendessen. Es locken gleich drei Restaurants: die Käserei mit urchigen Gerichten und einer eigenen Showkäserei, La Stüvetta mit À-la-carte-Gerichten und Drei- bis Fünfgangmenüs und das Gourmet-Restaurant Vivanda. Hier steht übrigens in einem kleinen separaten Raum der Chef’s Table, der besonders interessierten Gästen einen direkten Blick auf das Tun und Treiben in der Küche ermöglicht. Hier finden auch private Kochkurse statt. Wir aber werden bekocht und nehmen im Hauptraum des Vivanda Platz. Dario Cadonau hat seine Kochlehre im Suvretta House in St. Moritz absolviert und war später bei Grössen wie Philippe Rochat in Crissier VD und Daniel Bumann in La Punt GR tätig. Heute ist er selber Spitzenkoch mit einem Michelin-Stern und 17 Gault-Millau-Punkten. Unsere Vorfreude ist deshalb gross – und wird nicht enttäuscht.

Durch den Abend führt Chef de service Carmen Mahrer. Eigenwillig und lebhaft weiss sie die Speisen, die Cadonau mit seiner zehnköpfigen Küchenbrigade kreiert, zu vermitteln. Inzwischen zählen wir die Gänge nicht mehr; dank der zusätzlichen Aperitifs, der Amuse-Bouches und vielleicht auch dank der exzellenten und zum Teil überraschenden Weinbegleitung haben wir die Übersicht komplett verloren, schalten den Kopf aus und sind nur noch ganz Auge, Nase und Mund. Gegen den Schluss des Gourmetmenüs begeben wir uns zum Käseschrank, in dem wir bei über 80 Käsesorten, die in diesem Raum kurz vor dem Genuss temperiert werden, die Qual der Wahl haben. Grossartig!
Am nächsten Tag, nach einem feinen Frühstück, heisst es Abschied nehmen von diesem speziellen Haus, in dem sich Tradition und Moderne, Natur und Esskultur die Hand reichen. Es ist ein Abschied auf Zeit, denn es gibt viele Gründe zurückzukehren. Einer davon sind die beiden Corvette C7 Z06, die zum Haus gehören und mit denen die Gäste von Juni bis Oktober die Alpenpässe erkunden können. In diesem Sinn: A revair!
Dieser Artikel erschien im November 2021 in der Ausgabe MEN 1/21.


