Abenteuer im Naturparadies

Es hat oft geregnet während der letzten Tage. Die feuchtheisse Tropenluft fühlt sich in den Atemwegen klebrig an, ähnlich den Kleidern an meinem Leib. Der Boden ist gesättigt mit Wasser, die geliehenen Gummistiefel an meinen Füssen sinken bei jedem Schritt tief ein. Nur widerwillig und unter laut schmatzendem Protest gibt der Morast sie für einen weiteren, zähen Schritt frei. Ich folge Misa, meinem indigenen Führer, auf einem kaum erkennbaren Trampelpfad durch den dichten Primärwald Costa Ricas. Der klein gewachsene, stämmige Mann führt mich zum letzten Abenteuer meiner dreiwöchigen Costa-Rica-Reise: einer Übernachtung im wohl spektakulärsten Baumhaus des Landes.

Artenvielfalt satt

Gemeinsam mit der kolumbianischen Chocó-Region gilt Costa Rica als Spitzenreiter unter den artenreichsten Gegenden der Erde. Das kleine zentralamerikanische Land, nur wenig grösser als die Schweiz, stellt jede 20. Tier- oder Pflanzenart des Planeten. Zum Vergleich: Nur ungefähr jede 260. Tier- oder Pflanzenart der Erde stammt aus der Schweiz. Zustande kommt dieser Artenreichtum durch die besondere Geografie des Landes, die eine riesige Vielfalt an Mikroklimata ermöglicht: Costa Rica liegt eingebettet zwischen dem Karibischen Meer und dem Pazifik und ist längs geteilt durch die Cordillera de Talamanca, eine Gebirgskette, die sich auf bis zu 3820 Meter Höhe erhebt.

Gut geplant ist gut gereist

Prachtvoll: Halsbandarassaris sind Kleintukane. Sie leben in Kleinverbänden und sind im costa-ricanischen Tiefland recht gut verbreitet.
Prachtvoll: Halsbandarassaris sind Kleintukane. Sie leben in Kleinverbänden und sind im costa-ricanischen Tiefland recht gut verbreitet.

Eine Reise durch dieses Land der unbegrenzten Reisemöglichkeiten muss gut geplant sein, will man sich in seinem kulturellen und ökologischen Erbe nicht verlieren. Um meine Erlebnisse nicht mit Menschenmassen teilen zu müssen, entscheide ich mich, ein Auto zu mieten, und kann mich so weitgehend fernab touristischer Hektik bewegen. Individuelles Reisen ist im demokratisch regierten Costa Rica gut und gefahrlos möglich.

In einem sympathischen Bed & Breakfast namens Lucky Bug, rund 130 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt San José, mache ich zum ersten Mal Halt. Das kleine, deutsch-amerikanisch geführte Guesthouse liegt am Arenalsee, dem grössten Binnengewässer Costa Ricas. Am östlichen Ende des Sees erhebt sich der mächtige, aktive Vulkan Arenal. Er ist nicht nur selbst eine Attraktion, vielmehr bewirken er und die geologischen Kräfte, die ihn geschaffen haben, eine weltweit einzigartige biologische und landschaftliche Vielfalt auf kleinstem Raum. Das touristische Zentrum dieser Gegend liegt einige Kilometer weiter in La Fortuna, wo von Wanderungen entlang des Vulkans über den Besuch heisser Quellen bis hin zu atemberaubenden Regenwald-Walks zahlreiche Aktivitäten gebucht werden können.

An den Pazifik und in die Berge

Über das berühmte Nebelwaldreservat Monte Verde, das man ungeachtet seiner touristischen Berühmtheit unbedingt besuchen sollte, gelange ich an die Westküste Costa Ricas und sehe bei El Roble erstmals den Pazifik. Von hier aus geht es der Küste entlang in Richtung Süden. Zahlreiche Ortschaften mit vielen Hotels laden zum Verweilen an dieser Traumküste ein. Ich suche mir das wunderschöne Clandestino Beach Resort bei Parrita aus, um bei allerbester Verköstigung einige Tage am menschenleeren, unverbauten Strand im freistehenden Bungalow zu verbringen. Von hier aus unternehme ich mehrere Tagesausflüge in den wenig bekannten Rainmaker Conservation Park, wo ich völlig unbehelligt von Touristenströmen den primären Regenwald erkunden kann. Besonders spektakulär sind hier die Hängebrücken, die Spaziergänge durchs Blätterdach des Regenwaldes ermöglichen.

Atemberaubend: Das Nature Observatorio schwebt acht Stockwerke über dem Boden des Regenwaldes.
Atemberaubend: Das Nature Observatorio schwebt acht Stockwerke über dem Boden des Regenwaldes.

Nach einem Zwischenstopp bei Uvita und dem Besuch von Marino Ballena, einem marinen Nationalpark, fahre ich bei Dominical von der Küstenstrasse ab ins Vorgebirge der Cordillera de Talamanca und erreiche über die Carretera Interamericana Sur, das südliche Segment des Panamerican Highways, auf rund 3000 Metern Höhe über Meer die auf Vogelbeobachtung spezialisierte Paraiso Quetzal Lodge. Hier verweile ich einige Tage, um den mystischen Quetzal zu fotografieren, auch Göttervogel genannt. Nur Maya-Häuptlingen war es in früheren Zeiten erlaubt, sich mit den prächtigen Schwanzfedern dieses Vogels, die bis zu 80 Zentimeter lang werden, zu schmücken.

Karibisches Flair

Da im Süden Costa Ricas keine Möglichkeit zur Überquerung der zentralen Bergkette existiert, muss ich über Cartago hoch bis fast nach San José, um auf die andere Seite zu gelangen. Ich erkunde die Regenwälder an den karibischen Ausläufern der Cordillera, bevor ich über Siquirres nach Puerto Limón gelange, wo ich erstmals das salzige Wasser der costa-ricanischen Karibik koste. Ich wende mich nach Osten, fahre der karibischen Küste entlang und erreiche nach einigen Stunden Puerto Viejo de Talamanca, wo ich mich im Lizard King Hotel Resort einquartiere. Von hier aus geniesse ich für einige Tage das sprudelnd lebendige Partystädtchen direkt am Karibischen Meer, bevor ich einige wenige Kilometer weiter, dicht an der Grenze zu Panama, mein letztes Abenteuer dieser Reise unternehme: eine Nacht im Blätterdach des Regenwaldes.

Nach gut einer Stunde Marsch durch den Primärwald kommen Misa und ich am Fusse eines Urwaldriesen an, hinter dem sich eine ganze Fussballmannschaft ungesehen verstecken könnte. Der wortkarge Misa deutet mit dem Finger bedeutungsvoll nach oben. Ich blicke hoch und sehe in der Krone des jahrhundertealten Sapotillbaums das Nature Observatorio über uns schweben, einem grünen, scheibenförmigen Ufo gleich. Als mir der Indio den Klettergurt umlegt und ich erneut nach oben blicke, wird mir bewusst, wie hoch acht Stockwerke sind. Und dass ich an einem Nylonseil da hochklettern soll, denn es gibt hier keine andere Aufstiegshilfe.

Vogelparadies: Einen Kolibri aus nächster Nähe in der freien Natur beobachten – ein unvergessliches Erlebnis.
Vogelparadies: Einen Kolibri aus nächster Nähe in der freien Natur beobachten – ein unvergessliches Erlebnis.

Die Kletterpartie erweist sich als so anstrengend wie erwartet, aber nach einigen Minuten bin ich oben und werde unmittelbar für die Mühen belohnt: Die kilometerweite Aussicht über das tiefgrüne Blätterdach des Regenwaldes bis hin zum türkisfarben funkelnden Karibischen Meer, das am Horizont an den leuchtend blauen Himmel stösst, ist atemberaubend.

Eine Nacht im Regenwald

Der grosse Vorteil faunistischer Beobachtungen aus einem Baumhaus liegt in der Blickhöhe: Nur von hier aus lassen sich Papageien, Affen, Faultiere und dergleichen ohne das Risiko einer akuten Nackenstarre beobachten. Es ist vier Uhr nachmittags. Die Hauptaktivitätszeiten im Regenwald sind die Morgen- und die Abendstunden, und schon bald beginnt sich im Geäst rund um mich herum Leben zu regen. Eine Horde Brüllaffen zieht vorüber, und auf den kahlen Ästen eines toten Baums wenige Meter neben dem Baumhaus landen zwei Regenbogentukane. Fast zeitgleich setzen auf der gegenüberliegenden Seite der Plattform andere Vogelrufe ein, und ich entdecke im Geäst einen Braunrückentukan und noch einen Baum weiter einen Halsbandarassari, der sich an Ficusfrüchten labt.

Bald erschallt rund um mich herum das ohrenbetäubende Gezänk Dutzender Amazonenpapageien, und auf dem Nachbarbaum entrollt sich ein grünlich-beiges Fellknäuel: Ein grosses Dreizehenfaultier kratzt sich ausgiebig und beginnt dann seinen behäbigen Aufstieg, um in den Baumkronen vom grünen Laub zu naschen. So dicht am Äquator ist die Dämmerung von kurzer Dauer. Die untergehende Sonne färbt den Horizont während einiger Minuten tiefrot ein, dann legt sich rasch Dunkelheit über mich und den Wald. Affen, Amazonenpapageien und Tukane sind verstummt und es beginnt die Zeit der Nachtgeister.

Ich ziehe mich unter ein Moskitonetz im Obergeschoss zurück. Im angenehm kühlen Klima des Blätterdachs lausche ich dem nächtlichen Konzert des Regenwaldes. Die nach Liebe heischenden Rufe der Laubfrösche, das stete Surren der Zikaden und die sehnsüchtigen Schreie der Nachtschwalben begleiten mich in den Schlaf.

Dieser Artikel erschien im November 2021 in der Ausgabe MEN 1/21.

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