Warten auf Aurora

Der Busfahrer, der mich vom Flughafen Tromsø an den Hafen fährt, spricht mich auf meine Fotoausrüstung an. Er erzählt mir, dass auch er Naturfotograf ist. Aus seinen Augen blitzt schiere Leidenschaft, als er mir von einem grossen Familienverband Orcas erzählt, den er an ebendiesem Morgen in der Bucht direkt vor dem Flughafen beobachtet hat. «Residents», vermute ich, denn es ist Mitte März und die migrierenden Wale sind wohl bereits weitergezogen. In meiner Magengrube regt sich ein kribbeliges Gefühl – ich glaube, es nennt sich Abenteuerlust.

Als ich wenig später am Cruise Ship Terminal im Hafen von Tromsø die Rembrandt van Rijn entdecke, erleidet mein aufkeimender Enthusiasmus einen jähen Dämpfer. Da ich schon im kleinen Fischerboot auf dem Zugersee, nach den Worten meines Freundes André, furchtbar grün im Gesicht werde, schlucke ich leer. Ich habe nämlich gehofft, dass mein Urlaubs-Gefährt dem Wellengang des wilden Nordmeers etwas entgegenzusetzen hat. Mir kommen Bedenken, ob dies auf den unerwartet flachen Schoner zutrifft, der für die nächsten sieben Nächte meine schwimmende Unterkunft sein wird. Als ausgemachte Landratte weiss ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass meine Sorgen völlig unbegründet sind. Die Rembrandt van Rijn kreuzt seit rund 100 Jahren durch die Weltmeere, hat schon die Küsten der Galapagos-Inseln im Pazifischen Ozean gesehen und unzählige Male den Arktischen Ozean von Grönland über Spitzbergen nach Norwegen durchquert. Meine Reise aber wird in Küstennähe verlaufen und mich in weitgehend wind- und wellengeschützte Fjorde nordnordwestlich von Tromsø führen.

Felsen, Eis und Schnee

Die Rembrandt nimmt maximal 33 Reisende und zwölf Crew-Mitglieder an Bord, die hier, im Gegensatz zu luxuriösen Kreuzfahrtschiffen, eher rustikal wohnen. Die Kabinen sind klein, die Kojen schmal. (Tipp: Wenn Sie wählen dürfen, nehmen Sie die untere Koje, die deutlich breiter ist als die obere. Die allerdings punktet dafür mit einem Bullauge und man riskiert keine versehentlichen Kopfnüsse bei nächtlichen Toilettengängen der Reisebegleitung. Auch nicht unwichtig.) Die beengten Unterkünfte der Rembrandt sind auf dieser Reise allerdings vollkommen zweitrangig, denn sie dienen ausschliesslich dem Schlafen; das Abenteuerleben findet an Deck, auf dem Wasser und an Land statt. Oder im Restaurant des Schiffs, das sich erstaunlich geräumig und gemütlich präsentiert und eine sehr gut ausgestattete Bar umfasst. Alkoholische Drinks sind auf der Rembrandt übrigens viel erschwinglicher als in einer durchschnittlichen norwegischen Bar.

Die Tage auf dem Schiff folgen einer klaren Struktur: In aller Regel wird nach dem Mittagessen der Anker gelichtet und während des Nachmittags das nächste Ziel angesegelt (Merke: Die Crew spricht auch dann von «sailing», wenn mangels Wind per Motor getuckert wird). Am späteren Nachmittag legt der Dreimaster an, meist im kleinen Hafen einer Insel, und bleibt dort während der Nacht liegen. Die meisten Passagiere verbringen diese Stunden an Deck und bewundern die vorbeiziehenden Landschaften aus zerklüftetem Fels, Eis und Schnee. Mancher sucht die See mit dem Feldstecher nach Robben, Seevögeln oder Walen ab. Schon am ersten Tag sichten wir, stets in unmittelbarer Küstennähe, mehrmals die Finnen von Schweinswalen. Ich staune, wie geschmeidig die Rembrandt durch die Wellen gleitet. Mein Magen rebelliert jedenfalls nicht und behält das Essen der Bordküche brav bei sich.

Nach individuellem Landgang wird im gemütlichen Bord-Restaurant stets ein überraschend opulentes Abendessen serviert. Anschliessend warten die Passagiere an der Bar auf das berühmte Nordlicht.

Elche, Schneehasen und Seeotter

Die Nächte auf dem Schiff sind angenehm. Das leise Schaukeln des Schiffs wiegt mich eher in den Schlaf, als dass es meinen Magen rumoren lässt. Nach dem Frühstück schliesse ich mich jeweils dem Schneeschuh-Team an. Im Rahmen von zwei- bis vierstündigen Hikes erkunden wir die angelaufenen Inseln. Wir durchwandern unberührte Landschaften, die noch weitgehend in Eis und Schnee erstarrt sind. Und doch: Gelegentlich lugen erste Grasnaben aus der kalten Kruste hervor und verkünden den nahenden Frühling. Obschon wir uns, was das Beobachten der einheimischen Fauna betrifft, zwischen den Jahreszeiten befinden – die migrierenden Grosswale sind schon fort, und die Zugvögel noch nicht da –, kreuzen wir die Spuren von Elchen, entdecken gelegentlich einen Schneehasen oder scheuchen ein Schneehuhn auf. Auch einen Seeotter bekommen wir zu Gesicht, und am Himmel sehen wir mehrmals den seltenen Seeadler seine Kreise ziehen.

Die grüne Lady zeigt sich

Vor allem bin ich aber auf dieser Reise, um das Nordlicht einzufangen, die sogenannte Green Lady. Die nordische Schönheit gibt sich auf meiner Reise etwas schüchtern und zeigt sich nach dem Eindunkeln nur als feines, grünes Glimmen am Horizont. Weil ich weiss, dass sie recht launisch sein und so schnell verschwinden kann, wie sie aufgetaucht ist, beteilige ich mich selten an den heiteren Bargesellschaften an der Wärme unter Deck. Stattdessen harre ich weitere Stunden dick eingehüllt an Deck aus. Auch wenn die übrigen Passagiere gegen Mitternacht allmählich in ihren Kojen verschwinden, bleibe ich eisern an Deck. Nicht, dass ich auf arktische Kälte stehen würde, ganz im Gegenteil zeichnen sich meine bevorzugten Destinationen allesamt durch ganzjähriges Flipflop-Wetter aus, aber ich habe mir nun mal gute Fotos des nördlichen Polarlichts vorgenommen.

Ich werde für meine Geduld – mein Freund André nennt es seltsamerweise Sturheit – belohnt: Lady Aurora zeigt sich mir mehrmals, bisweilen weit nach Mitternacht, von ihrer schönsten Seite. Ich erfülle mir einen langgehegten Traum, schiesse endlich meine Nordlichtbilder. Und obwohl ich mich während der kalten Nächte an Deck wiederholt nach tropischen Stränden gesehnt habe, erscheint mir nach meiner Reise auf der Rembrandt van Rijn eine weitere Expedition in die Arktis überhaupt nicht mehr abwegig.

Die Rembrandt van Rijn

Geschichtsträchtig: Die 100-jährige Rembrandt van Rijn unter Segeln.
Geschichtsträchtig: Die 100-jährige Rembrandt van Rijn unter Segeln.

Der Passagiersegelschoner ist knapp 50 Meter lang und etwas über sechseinhalb Meter breit. Ihr Rumpf wurde für die Befahrung des Eismeers extra verstärkt. Angetrieben wird sie, sollte einmal Flaute herrschen, von zwei Dieselmotoren, die gemeinsam beinahe 1500 Pferdestärken leisten. Der heutige Eigner des Schiffs, Worldwide Expeditions, bietet auf der Rembrandt Kreuzfahrten mit Expeditions-Charakter an. Tierbeobachtungen sind schon bequem vom Deck des Schoners aus möglich. Zusätzlich verfügt das Schiff über zwei Dinghis in Form von Zodiacs mit starken Aussenbordmotoren. Sie ermöglichen die unmittelbare Begegnung mit Grosswalen auf offenem Wasser (vorausgesetzt, es werden welche gesichtet), die Erkundung der Küsten mit Kajaks sowie des Festlands und der Inseln mit Schneeschuhen.

Meistens treffen wir gegen Mittag etwa gleichzeitig mit dem Kajak-Team bei der Rembrandt ein. Sie haben während unseres Schneeschuh-Hikes die Küstengewässer befahren und dasselbe versucht wie wir Wanderer: Sich die Spuren vom viel zu guten Bordessen von den Rippen zu schwitzen.

Naturwunder Nordlicht

Aurora borealis lautet die wissenschaftliche Bezeichnung des Nordlichts. Diese Leuchterscheinung am Himmel tritt (fast) nur in einem schmalen Band rund um den magnetischen Pol der Nordhalbkugel auf. Das fluoreszierende Leuchten wird durch elektrisch geladene Teilchen der Sonnenwinde verursacht, die mit Stick- und Sauerstoffatomen der äusseren Erdatmosphäre kollidieren. Weil sich Polarlicht meistens grün manifestiert, wird es gerne Green Lady genannt. Aber auch Lady Aurora ist ein gebräuchlicher Begriff für dieses Naturschauspiel. Da sich das Phänomen in der äusseren Erdatmosphäre abspielt, ist ein klarer Nachthimmel die wichtigste Voraussetzung für das Auftreten des Nordlichts. Weitere relevante Parameter wie die Stärke des Sonnenwindes, dessen Partikeldichte sowie die Ausrichtung des Magnetfeldes zwischen Sonne und Erde beeinflussen die Wahrscheinlichkeit seines Auftretens, seine Stärke und Ausprägung. Polarlicht gibt es übrigens auch rund um den Pol der Südhalbkugel. Südlicht heisst es dort sinnigerweise, oder wissenschaftlich Aurora australis.

Schneeschuh-Hike: Unterwegs in der unberührten Natur unter der tiefstehenden Spätwintersonne Nordnorwegens.
Schneeschuh-Hike: Unterwegs in der unberührten Natur unter der tiefstehenden Spätwintersonne Nordnorwegens.

Detaillierte Informationen und Voraussagen zum Polarlicht finden Sie bei https://www.spaceweatherlive.com/ auch in deutscher Sprache. Zahlreiche kostenfreie Mobile-Apps bieten tagesaktuelle Aurora-Forecasts an. Der Autor empfiehlt https://aurora-alerts.com/de/

Reise-Infos

Reisen auf der Rembrandt van Rijn können aus der Schweiz beim Veranstalter Ship’N’Train Travel gebucht werden, der sich auf aussergewöhnliche Reiseangebote spezialisiert hat und vom Autor dieses Artikels allerbeste Noten erhält – vor allem, weil er im Zuge der Reisevorbereitungen trotz pandemiebedingten schwierigen Voraussetzungen eiserne Geduld bewahrt und ungebrochene Hilfsbereitschaft bewiesen hat. Die hier beschriebene Reise heisst «Norwegen – Nordlichter, Wandern und Kajak». Ship’N’Train Travel, Tel. 031 313 00 04, www.shipntrain.ch/ship

Dieser Artikel erschien im Mai 2022 in der Ausgabe MEN 1/22.

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