
Es ist eine rein subjektive Wahrnehmung, die Respekt vor der Marke Rolls-Royce einflösst. Rolls-Royce ist majestätisch. Gross und schwer kommen die Karossen daher, die Autos gleiten mehr, als dass sie fahren oder gar rasen. Rolls-Royce macht keine Umwege über einen Hybrid oder irgendwelche anderen, halbbatzigen Lösungen, es geht nur ganz. Müssen die Briten ja. Im Moment noch, wie alle anderen Marken auch. Eine unvermeidliche Modellentwicklung. Optisch hat das Designteam einem Modell nach dem anderen den finalen Touch verpasst. Und natürlich ziert sie auch den im letzten Sommer erstmals vorgestellten Spectre.
Die geneigte Linie
Die ungestüme light-hearted Emily – oder Spirit of Ecstasy – als Kühlerfigur hat etwas Verspieltes und steht in humorvollem Kontrast zur würdevollen Erscheinung eines Rolls-Royce. Stoisch hat sie seit 1911 diverse Facelifts ertragen und derweil diese Aufgabe ganz hervorragend gelöst. Um ein bisschen weniger Windwiderstand zu bieten, wurde die Linie des Phantom Coupé genommen und abgeflacht, fliessender gestaltet, sogar Emily hat sich etwas mehr geduckt. Am besten kommt die neue Linie zur Geltung, wenn das Dach und die Haube dunkler sind als der Rest des Wagens. Spontan hat mir deswegen aus den angebotenen Varianten der Spectre in Chartreuse und Gunmetal am besten gefallen.

Haltung bewahren
Die riesige Tür schliesst selbsttätig, wenn man auf dem Fahrersitz sitzend das Bremspedal betätigt. Sehr convenient. Und dann ist man alleine. Stille um sich herum. Satte, gepolsterte Sänftenstille. Im Cockpit viel Glas, kurz fühlt man sich an die Displays im BMW i7 erinnert. Gut möglich, dass es da Synergien gibt. Die – leicht verregnete – Fahrt führt vom Hotel Bachmair am Tegernsee (D) durch das Isartal bis zum Schloss Elmau und wieder zurück an den Tegernsee zum Käfer Gut Kaltenbrunn. Nichts Aufregendes passiert, nur ein bisschen Eis auf einer Seitenstrasse, man balanciert das 2890 Kilogramm schwere Juwel wie auf Eiern über so eine Passage. Nicht auszudenken, wenn man damit in den Graben rutschte. Speeding ist auch kein Thema auf diesen Land- und Dorfstrassen, obwohl der Spectre das wahrscheinlich hervorragend könnte. Die 584 PS sprechen für sich, laut Werksangabe kommt der Spectre in 4.5 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Aber das ist so etwas von profan. Also der simple Akt.
Das gewisse Etwas von Nichts

Was ausbleibt, ist das erhabene Gefühl, einen Rolls-Royce zu fahren. Es ist ein wunderbares Auto, edel gefertigt, die Autorin war bereits in Goodwood (GB) und konnte die Produktionsstätte besichtigen, weiss, mit welcher Liebe zum Detail dort gearbeitet wird. Aber das Fahrerlebnis selbst wird praktisch neutralisiert dank des viel besungenen Rolls-Royce-Effekts, der den Fahrer glauben lässt, er bewege sich auf einem fliegenden Teppich (die Luftfederung passt sich alle fünf Millisekunden dank Kameras vorausschauend den Strassengegebenheiten an). Das können alle Rolls-Royce und immer besser, der Spectre auch. Der dazu noch fast unhörbar ist. Wobei wir auch im Phantom, der uns vom Flughafen zum Hotel Bachmair brachte, rein gar nichts hörten und spürten. Der Verdacht liegt nahe, dass der geschätzte Spectre-Kunde kein anderes Fahrgefühl haben wird, egal ob am Volant oder als Passagier, als bei jedem anderen, modernen Rolls-Royce.
Modell für Sammler
Der Spectre hat aber wahrscheinlich gar nicht den Anspruch, besser als seine Vorgänger zu sein. Rolls-Royce will ja schon seit Urzeiten das beste Auto der Welt bauen. Mission accomplished für die, die es goutieren. Interessant ist, dass 40 Prozent der Kunden, die einen (oder mehrere) Spectre geordert haben, Rolls-Royce-Erstkunden sind. Heisst: Es gibt anscheinend Menschen, die auf den Stromer gewartet haben. Und sicher sind ein paar Sammler darunter, die den allerersten vollelektrischen Rolls-Royce in ihre heiligen Hallen stellen wollen.

Erlauchter Klub
Rolls-Royce tut darüber hinaus so einiges mehr für seine Kunden, um sie wunschlos glücklich zu machen. Praktisch jedes Auto ist irgendwie personifiziert, es gibt keine zwei gleichen Rolls-Royce. Und jeder, der ab 2003 einen Rolls-Royce gekauft hat, gehört automatisch zu Whispers, dem erlauchten Private Members' Club von Rolls-Royce Motor Cars. Das ist nichts anderes als der exklusivste Concierge-Service, den man sich vorstellen kann. Die bis jetzt rund 20 000 High-End-Mitglieder networken tatsächlich untereinander wie unsereins auf LinkedIn. Whispers Concierges bieten kuratierte Erlebnisse, lassen auf Wunsch das New York Symphony Orchestra für ein Privatkonzert einfliegen und besorgen Tickets für die Oscar-Gala. Dahinter stecken aber nicht etwa Rolls-Royce-Mitarbeiter, die den Kunden jeden Wunsch von den Augen ablesen und das Unmögliche möglich machen, sondern eine extra darauf spezialisierte Firma. Am Ende der Testfahrt überlegt man sich, ob man sich den Spectre gönnen würde, wenn man rund eine halbe Million Schweizer Franken (327 500 Euro, ohne Steuern) übrig hätte. Würden Sie?

Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.


