Der Whisky-Magier

«Director of Distilling, Whisky Creation and Whisky Stocks» lautet der volle Titel von Dr. Bill Lumsden, der damit Chef aller Mitarbeitenden in der Produktion bei Glenmorangie und Ardbeg ist, die beide zur LVMH-Gruppe gehören. Wer jetzt einen ruhigen, gesetzten Mann mit würdevollem Habitus erwartet, der liegt komplett daneben. Denn Dr. Bill, wie er von allen genannt wird, hat ein überschäumendes Temperament, ist wortgewandt, gesprächig und vor allem passioniert. Der 61-jährige Schotte ist in der Welt des Whiskys eine richtige Celebrity und damit die beste Visitenkarte für die Marken, die er vertritt.

1995 stiess der Biochemiker als Brennereileiter zu Glenmorangie. Seither hat er viel bewegt, und vor allem das sogenannte Finishing perfektioniert, also die Nachreifung von Whisky in anderen Fässern als denen, die zur eigentlichen Reifung verwendet wurden. Als Zuständiger für Holzveredelung reist er dafür um die halbe Welt, immer auf der Suche nach dem besten Holz. Das findet er vorwiegend in Spanien, Frankreich, aber auch in Übersee. Er hat bei seiner Arbeit völlig freie Hand, kann tun und lassen, was er möchte, denn er geniesst das volle Vertrauen seiner Arbeitgeber und verfügt über scheinbar unerschöpfliche Mittel: «Das Wort ‹Budget› kann ich nicht mal buchstabieren», sagt er mit einem schelmischen Blick.

Dr. Bill ist ein Showman. Er redet laut, viel und schnell und ist ein begnadeter Erzähler, der seinen schottischen Akzent mit den rollenden «Rs» und seine ausdrucksstarke Mimik und Gestik wirkungsvoll einzusetzen weiss. Lau gibt es bei ihm nicht, nur kalt oder heiss. Und für den Whisky brennt er heiss, seit er im Alter von 15 Jahren sein erstes Trinkerlebnis mit Dave, seinem damals besten Freund hatte. Dessen Eltern gingen in die Oper und in der Zwischenzeit spielten die beiden Jungs Led Zeppelin und Black Sabbath auf voller Lautstärke ab und machten sich an den elterlichen Spirituosen-Schrank. Innert kürzester Zeit waren die beiden stockbetrunken und konnten sich nicht mehr auf den Beinen halten. «Als Daves Eltern heimkamen, hatten wir die Gitarre meines Freundes demoliert und kamen bös unter die Räder. Schlimm!», erinnert sich Dr. Bill. «Ich weiss übrigens noch genau, welchen Whisky wir geleert haben: Es war Stewart’s Cream of the Barley. Der Rest ist Nebel ...»

Magie aus wenigen Zutaten

Vom Trinken hat ihn das Erlebnis jedenfalls nicht abgehalten und mit 20 Jahren fing er an, sich ernsthaft für Whisky zu interessieren. Und schon damals – was für ein Zufall – war Glenmorangie sein Favorit wegen der Fülle an komplexen Aromen, die den jungen Mann begeisterten. Der Rest ist Geschichte. Heute verbringt Dr. Bill etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit mit der Suche nach Holz und der Qualitätskontrolle, 30 % mit der Entwicklung von neuen Produkten und die restliche Zeit als Markenbotschafter. Wobei er diese Aufgabe eher als Mutmacher auffasst. Es ist ihm nämlich ein grosses Anliegen, dass auch Anfängerinnen und Anfänger sich ohne Vorurteile an sein Lieblingsgetränk wagen. «Getreide, Wasser und Hefe und das richtige Fass – mehr braucht es nicht, um ein wahres Wunderwerk zu vollbringen», sagt er. Und er gibt gerne Tipps, wie dieses Wunderwerk am besten zu geniessen ist (siehe Box «Releasing the Serpent»).

An einem hektischen Tag testet der Fachmann bis zu 100 Proben – und spuckt sie alle wieder aus. Behauptet er. Hat man denn nach all den Jahren nie wortwörtlich die Nase voll, gibt es keine Ermüdungserscheinungen, Dr. Bill? «Are you kidding? Whisky ist nicht mein Beruf. Es ist mein Leben! Meine Frau sagt, dass ich mit der Firma verheiratet bin und sie meine Geliebte ist – und wie immer hat sie vollkommen Recht!»

Eine bierernste Angelegenheit

Whisky gehört zur DNA Schottlands, aber die Zeiten haben sich geändert. «Als ich ein Kind war, wurde Whisky nicht als Genussmittel betrachtet, eher als Medizin und das Trinken war fast ein religiöser Akt. Damals war Whisky nur für ältere Männer gedacht, die ihn abends in ihrem Ledersessel sitzend, wortlos und mit bedeutungsschwerer Miene tranken», erinnert er sich. «Niemals wurde beim Whisky-Trinken gelächelt, geschweige denn gelacht. Es war eine bierernste Angelegenheit und entsprechend stinklangweilig. Ich sehe das ganz anders und möchte Whisky demokratisieren. Whisky ist doch nicht nur für eine Elite gedacht. Whisky ist für alle da! Vor allem aber soll Whisky-Trinken Spass machen, Mensch!»

Whisky trifft auf Wasser: Die Beigabe von Wasser, sei es als Tropfen oder Eiswürfel, reduziert einerseits den Alkoholgeschmack und erhöht andererseits die Konzentration der Aromastoffe an der Oberfläche des Whiskys.
Whisky trifft auf Wasser: Die Beigabe von Wasser, sei es als Tropfen oder Eiswürfel, reduziert einerseits den Alkoholgeschmack und erhöht andererseits die Konzentration der Aromastoffe an der Oberfläche des Whiskys.

Dieser Artikel erschien im Mai 2022 in der Ausgabe MEN 1/22.

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