
«Hochwertige Weine brauchen mundgeblasene Gläser», sagt Katerina Steeger. Die gebürtige Tschechin berät die Schweizer Gastronomie seit vielen Jahren bei der Auswahl von Weingläsern. Sie bestätigt, dass die Nachfrage nach edlen, mundgeblasenen Gläsern derzeit durch die Decke geht. Doch die Hersteller können den wachsenden Markt kaum bedienen. Glasbläser sind eine aussterbende Zunft, auch wenn sich die Glashütten in Osteuropa vor Aufträgen nicht retten können.
Aber ist dieser Hype gerechtfertigt? Ist mundgeblasen per se tatsächlich besser als maschinengefertigt? Dafür, was ein gutes Weinglas ausmacht, gibt es einige allgemeingültige Grundsätze. Es sollte dünnwandig und leicht sein. Fuss, Stiel und Kelch sollten eine ausbalancierte Einheit bilden, damit das Glas gut in der Hand liegt. An der Basis ist der Kelch mehr oder weniger breit und verjüngt sich zur Öffnung hin. Allerdings in einem Mass, das der Nase ein ungehindertes Schnuppern erlaubt. Grösse und Form des Kelchs müssen dem Wein erlauben, sich voll zu entfalten und all seine aromatischen Nuancen freizugeben.
Mensch gegen Maschine
Gehen wir ins Detail. Wie unterscheiden sich industrielle von handgefertigten Produkten? Mit der Maschine gefertigte Gläser sind in der Regel schwerer, ihr Stiel ist kräftiger und der Kelch dickwandiger als bei mundgeblasenen. Das hat Auswirkungen auf den Wein. Denn bei dickwandigen Gläsern formt man Lippen und Zunge beim Trinken anders als bei dünnwandigen. Je dünnwandiger das Glas, umso ruhiger und gleichmässiger fliesst der Wein in den Mund, umso unmittelbarer ist das Weinerlebnis. Entscheidend ist auch die Gestalt des Kelchs, sie bestimmt, wie sich die Aromen sammeln. Durchmesser und Form des Kelchrandes dagegen bestimmen, wie der Wein auf die Zunge fliesst. Beides beeinflusst Geruch und Geschmack des Weins.

Auch die mikroskopisch rauere Oberflächenstruktur mundgeblasener Gläser, die eine grössere Oberfläche zur Folge hat, hat einen positiven Effekt auf das wahrnehmbare Weinaroma. Deutlich wird das im direkten Vergleich der beiden formgleichen Gabriel-Gläser: In der mundgeblasenen Variante ist der Duft des Weins intensiver und facettenreicher.
Was die Reinigung betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Laut Herstellerangaben sind alle getesteten Gläser spülmaschinengeeignet. Und für die meisten Weintrinker ist das sicher die beste und bequemste Lösung. Wer wie ich eine sehr empfindliche Nase hat und sich an den Rückständen stört, die die Maschinenspülung auf den Gläsern hinterlässt, wird sie lieber von Hand spülen. Oft ist warmes Wasser allein schon ausreichend. Danach werden die Gläser mit einem feinen Leinen- oder Mikrofasertuch poliert und bis zum nächsten Gebrauch an einem geruchsneutralen Ort aufbewahrt.
Im Vergleich zum maschinell hergestellten Glas besitzen die mundgeblasenen einen emotionalen Mehrwert. Sie sind in kunstvoller Tradition von Menschenhand gefertigt, nicht von einer Maschine. Bedingt durch den individuellen Herstellungsprozess sind sie nicht alle haargenau gleich. Jedes ist ein Unikat. Wären wir Maschinen, wäre es uns wahrscheinlich egal, wie leicht oder dünnwandig das Glas ist, in dem wir den Wein schwenken, ob es uns ästhetisch anspricht oder nicht. Bei uns jedoch fliessen diese Eindrücke in das Genusserlebnis mit ein. Filigrane Gläser lassen Wein automatisch hochwertiger wirken.
Eines für alle

Doch welches Glas bietet den grössten Genuss? Das Angebot ist nicht nur für Laien fast unüberschaubar geworden. Längst gibt es nicht nur für Weiss-, Rot- und Schaumwein ein eigenes Glas. Auch für einzelne Rebsorten wurden inzwischen speziell geformte Gläser entworfen. Aber mal ehrlich, wer will zehn verschiedene Gläser zu Hause haben? Ist es nicht praktischer, ein Glas für alle Weine zu haben?
Um diesem Bedürfnis zu entsprechen, bieten viele Glashersteller seit geraumer Zeit sogenannte Universal- oder Allroundgläser an. Für unseren Test haben wir einige von ihnen zusammengestellt. Von Produzenten, die kein spezielles Allroundglas im Programm haben, wählten wir eines aus, das für diesen Zweck geeignet schien.
Doch die Glasindustrie hat gewaltige Fortschritte gemacht: Gussnähte, angesetzte Füsse und Kelche sind seit Langem Vergangenheit, und die neue Technik des maschinellen Glasblasens kommt der traditionellen Glasbläserkunst schon ziemlich nahe. Ob man das nun faszinierend oder beängstigend findet, ist nicht nur eine monetäre Frage, sondern auch eine ethisch-kulturelle. Es geht darum, welche Wertschätzung man traditioneller Handwerkskunst gegenüber dem technischen Fortschritt einräumt.
Unser Fazit

Die schlechte Nachricht vorweg: Das eine, perfekte Glas gibt es nicht! So wie in allen anderen Bereichen des Lebens ist auch bei Weingläsern Perfektion kaum zu erreichen. Dafür ist das Feld des Weingenusses viel zu facettenreich, sind die individuellen Auffassungen von Ästhetik zu gegensätzlich und die Anlässe zu verschieden. Für eine Party, auf der windigen Terrasse oder beim Picknick benutze ich ein robusteres Glas als zu Hause. Ein gutes, maschinell hergestelltes ist hier die erste Wahl. Und bezüglich Gewicht und Grösse eines Glases haben zarte Frauenhände und kräftige Männerpranken oft sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Auch ob ein langer Stiel als besonders elegant oder einfach nur manieriert empfunden wird, ist Geschmacksache.
Dennoch: In unserem Test gewinnen die mundgeblasenen Gläser. Sie sind leichter, dünnwandiger, besitzen die eleganteren Proportionen – und vor allem zeigen sich in ihnen die Weine strahlender und vielschichtiger.
Dieser Artikel erschien im Juni 2023 in der Ausgabe MEN 1/23.


