
Ein Boxster in Pink? Das Auto von Barbie. Aber: Die Farbe ist nicht wirklich pink, und ein Boxster längst nicht mehr nur ein Frauenauto – was immer das auch sein mag.
Wir versuchen also, die Farbe zu sehen, ohne an Geschlechter zu denken. Denn wer den Mythos Porsche versteht, der versteht ihn – egal ob Mann oder Frau. Wobei ihn ohnehin niemand wirklich versteht. Hersteller, die Elektroautos, SUV, Limousinen und Sportwagen bauen, gibt es viele. Und trotzdem macht Porsche etwas anders: Es schafft es, dass selbst ein pinkes Cabrio mit Vierzylindermotor zu etwas Speziellem wird. Die Farbe ist nicht pink – und weiblich ist sie schon gar nicht. Sternrubin Neo heisst sie in Porsche-Sprech. Rubin, also eigentlich rot, auch wenn die Farbe für ein Männergehirn pink ist und bleibt. Vor allem aber ist sie ein Klassiker: eine Neuinterpretation von Rubinrot, der Lackierung, die der legendäre Porsche 964 Carrera RS trug.
Die Ursprünge einer mythischen Silhouette
Zeichnet ein kleines Kind einen Porsche, zeichnet es den 964 – einen 911 der dritten Generation. Denn er war es, der die Linien der Ikone definierte. Unter dem Einfluss der Trends der 1980er-Jahre legte der 911 mit dem 964 seine feinen Züge ab und wurde zur maskulinen Maschine. Das gipfelte im brachialen 964 Turbo mit seinen breiten Hüften. In einer Zeit, als Turbolader noch eine kaum beherrschbare Materie waren – und keine halbherzige Entschuldigung für weniger Hubraum. Und dann war da noch der 964 Carrera RS, die ultimative Waffe für Rennstrecke und Alltag. Ja, es gab schnellere Autos auf der Strecke und bessere auf der Strasse. Aber von allen Autos jener Zeit verkündete wohl keines seinen Status so laut wie dieses.
Heute zollen mehrere Modelle aus dem Porsche-Katalog dem 964 Tribut, indem sie seine Farbe wieder aufnehmen – darunter der 718 Boxster. Doch ausser dem Wappen auf der Haube und dem Zündschloss links vom Lenkrad: Was hat ein modernes Cabrio mit dem ikonischen Urahn überhaupt gemeinsam? Nicht einmal den Sechszylinder-Boxer hat es noch. Selbst Porsche scheint darauf keine bessere Antwort zu haben, denn auch die Marketingfachleute können kaum erklären, was alle «echten» Porsche verbindet. Jahrzehntelang war es der längs eingebaute Flat Six, der den Fahrzeugen aus Zuffenhausen ihren unverkennbaren Charakter gab. So sehr, dass für die «Porschisten» eines feststand: Was keine sechs Zylinder hatte, war uninteressant.
Statuswechsel

Doch als Boxster und Cayman mit einem Vierzylinder-Mittelmotor kamen, hielt dieses Argument plötzlich nicht mehr. Der kommerzielle und kritische Erfolg der vierzylindrigen Boxster und Cayman rehabilitierte das, was die Puristen jahrzehntelang abgelehnt hatten. Tatsächlich sind die einstigen Geheimtipps in den letzten Jahren von günstigen, kaum beachteten Autos zu gesuchten Klassikern geworden. Auch deshalb, weil sich die Puristen daran erinnerten, dass schon der 356 und der 550 Spyder – darunter jener von James Dean – von kleinen Vierzylinder-Boxern angetrieben wurden. Hollywoods Rebell hat wohl mehr zum Image von Porsche beigetragen als alle Marketingaktivitäten zusammengenommen.
Mythische 718er
Mit dem Boxster Spyder RS und dem Cayman GT4 RS hat Porsche bewiesen, dass es neben dem 911 auch andere echte Sportwagen bauen kann. Selten zuvor hatte Porsche ein so ausgewogenes, so agiles und angenehm zu fahrendes Auto konstruiert. Nicht zuletzt dank dieser beiden besonderen Modelle sind die 718er zu begehrten Objekten geworden. Und doch fehlt dem Boxster bei aller Perfektion etwas. Denn immer, wenn in Zuffenhausen ein neues Modell vorgestellt wird, erklären die Ingenieure, Produktspezialisten und Marketingexperten, was es zu einer echten Porsche macht. Und egal, welches der unzähligen Details man hervorhebt: Am Ende führt alles zur 911 zurück. Letztlich ist jede Porsche, die kein Elfer ist, nur eine Hommage an den Elfer. Nicht mehr und nicht weniger.
Technische Daten
Motor: 2,0-Liter-Turbo-Vierzylinder-Boxer, 300 PS und 380 Nm · Antrieb: Hinterradantrieb, 6-Gang-Handschaltung oder 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe · Karosserie: Cabrio, 2 Türen, 2 Plätze · Masse: Länge × Breite × Höhe 4,38 × 1,80 × 1,28 m, Gewicht 1335 kg · Fahrleistungen: 0–100 km/h in 4,7 s, Höchstgeschwindigkeit 275 km/h · Verbrauch: 9,0–9,7 l/100 km, 203–220 g CO₂/km · Preis: ab 85 400 Franken.
Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.


