
Vivian Stauffer könnte direkt aus einem Actionmovie zum vereinbarten Termin entsprungen sein. Drahtig wirkt der gebürtige Lausanner, durchtrainiert, leicht sonnengebräunt – und angespannt. Über sich selbst Auskunft geben zu müssen, gehört nicht zu seinen Lieblingsaktivitäten, entspannt stillsitzen auch nicht. Eigentlich gehört er in die Luft oder auf eine Skipiste, eine Surfwelle – irgendetwas, das sich bewegt, mit dem er sich messen kann.
Andererseits gibt sich Stauffer gern (noch) geerdet und seriös: Er ist erst im dritten Jahr CEO der eher kleinen Swatch-Division Hamilton (rund 125 000 Uhren pro Jahr; Swatch selbst über drei Millionen) und will den Brand bekannter machen. Viele neue Modelle sollen den Markt erobern – und alle haben irgendwie mit Action zu tun.
Wie der Vater, so der Sohn
Action zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Er sei viel Ski gefahren in seiner Jugend – sein Name taucht immer mal wieder in Starterlisten wahnwitziger Skievents auf, etwa dem O’Neill Rookie Quest 2003. Eigentlich aber war Fliegen sein Traum: Mit 17 hob er erstmals ab. Sein Vater Teddy Stauffer, ein ehemaliger Militärpilot, flog für die Swissair – ein Vorbild.
Nach dem Gymnasium begann er 1992 eine Militärpilotenausbildung, brach sie aber ab und studierte Chemie an der EPFL in Lausanne. Die Privatpilotenlizenz machte er nebenbei. Sein Lieblingsfluggerät: eine Bücker von 1936, mit der er waghalsige Flugakrobatik flog. Die Selektion zum Swissair-Linienpiloten schaffte er – doch zwei Monate vor Ausbildungsende kam im November 2001 das Grounding der nationalen Airline. End of that story.
Hauptsache Luft

Stauffer flog weiter, machte die Gletscherfluglizenz, schleppte Segelflieger – alles, um in der Luft zu sein. «Nur zum Spass», sagt er; man merkt ihm aber an, dass er sich gern im Cockpit eines schnellen Jets gesehen hätte. Schon während des Studiums organisierte er Sportevents für seine Kommilitonen. Das gefiel ihm besser als Chemie, und so verschickte er unzählige Spontanbewerbungen an Firmen mit Bezug zu Sportveranstaltungen. Swatch reagierte als einzige; 2002 begann er dort als Marketing-Praktikant.
Rasanter Aufstieg
Swatch war damals offizieller Zeitnehmer für den Ski- und Snowboard-Weltcup; mit seinem Job kam Stauffer auch an die Olympiade 2004 in Athen und an die Beachvolleyball-Serie. Er stieg zum Marketingleiter auf und betreute Anlässe wie das Verbier Xtreme oder das Montreux Jazz Festival. 2007 übernahm er die Verkaufsabteilung für Hamilton, arbeitete sich zum weltweiten Verkaufsleiter hoch – und ist seit 2020 CEO der Marke.
Zeit ist Freiheit
Ein Bürohengst ist er deswegen nicht geworden. «Ich fahre noch viel Ski», erzählt der zweifache Familienvater und schwärmt von Touren an den Portes du Soleil. Früher fand man ihn auch auf dem Wakeboard oder am Gleitschirm. «Ich liebe die Adrenalinschübe», gibt er unumwunden zu. Wie er all das mit Familie und dem anspruchsvollen CEO-Dasein verbindet? Der 48-Jährige hat eine simple Erklärung: «Ich mache so viel ich kann mit der Zeit, die ich zur Verfügung habe.» Und was ist Zeit für ihn? «Zeit ist Freiheit» – die Freiheit, nicht zu tun, was er will, sondern was er im jeweiligen Moment für richtig hält.
Bodenhaftung als Basis

Einen Sweet Tooth für schnelle Autos hat er übrigens nicht: «Wir haben einen Mini und für die Familie einen Mazda CX-5.» Die Stauffers leben am Genfersee – drei Stunden hin und zurück ins Office in Biel. Vivian fährt mit dem Motorrad zum Bahnhof, nimmt den Zug nach Biel und steigt dort aufs Velo bis zum Hamilton-Hauptsitz. «Das ist gut für den Kopf – und ich spare Zeit, statt im Stau zu stehen.»
Das Hamilton-Team ist klein: sieben in der Direktion, hier fallen alle Entscheidungen vom Produkt über das Marketing bis zum Verkauf. «Aber jeder kann etwas einbringen, wir leben Teamwork.» Stauffer sammelt Inputs aus aller Welt – Swatch betreibt 62 Niederlassungen und 260 Servicecenter weltweit. «Eine neue Uhr zu konzipieren, dauert 18 Monate», erklärt er; bei einer ganz neuen technischen Entwicklung sind es drei Jahre. Der jüngste Wurf ist die Jazzmaster Face 2 Face III mit Wendegehäuse.
Geht nicht, gibt’s nicht
Auch die Uhrenindustrie wird von der Gesamtlage gebremst: Brauchte man vor der Pandemie vier bis fünf Monate für die reine Produktion, sind es heute acht bis neun; Rohmaterial und Fachkräfte fehlen überall. «Eine Challenge», gibt Stauffer zu – eine, die er annimmt. Gibt es etwas, das er noch nicht gemacht hat und gern täte? «Speedflying!», strahlt er. Den Traum vom Fliegen – auch übers Wasser – wird er ganz sicher an seine Töchter weitervererben. Happy landing!
Wer ist Hamilton?
Die Hamilton Watch Company wurde 1892 in Lancaster, Pennsylvania, gegründet. Ihr Hintergrund ist die Eisenbahn: Hamilton-Uhren synchronisierten den Zugbetrieb, wurden von der US-Armee genutzt und hatten den ein oder anderen Hollywood-Auftritt. Hamilton reklamiert die erste elektrische Uhr (1957) und die erste LED-Uhr für sich – das verleiht der Marke die Aura eines Pioniers. 1971 wurde sie von der Omega-&-Tissot-Holding SSIH gekauft, die später unter Nicolas Hayek sen. in die Swatch Group überging. 1972 produzierte Hamilton mit der Pulsar die erste elektronische Digitaluhr der Welt.
Dieser Artikel erschien im Juni 2023 in der Ausgabe MEN 1/23.


