«Ich verkaufe Träume, keine Investitionen»

Luzern, Schwanenplatz. Vor der fünfstöckigen Bucherer-Boutique flanieren Touristen aus aller Welt und bestaunen den See mit Alpenpanorama. Drinnen begrüsst Global Director CPO Odilo Lamprecht gutgelaunt in einer Lounge. In einer Ecke steht eine gewaltige Espressomaschine, daneben eine gut sortierte Auswahl an Whiskys, Gin und anderen Getränken. Wir nehmen in bequemen Ledersesseln Platz und fühlen uns gar nicht wie in einem Uhrenladen.

Herr Lamprecht, Sie kommen aus der IT-Branche – wie rutscht man von dort in die Welt der mechanischen Uhren? – «Ich habe meine Karriere zwar im E-Commerce angefangen, war aber nie Entwickler, sondern auf der betriebswirtschaftlichen Seite: gesamtheitliche Konzepte, Prozesse, Organisationen. Ich kam auch nicht als CPO-Chef zu Bucherer; meine erste Aufgabe war, einen Onlineshop aufzubauen. Ein Jahr später übernahm ich die CPO-Abteilung. Eine solche Chance bekommt man vielleicht nur einmal im Leben.»

Was war zu Beginn die grösste Herausforderung? – «Innerhalb des Hauses die Akzeptanz für das Thema zu finden. Bucherer ist ein Traditionshaus, gegründet 1888, wir verkaufen neue Uhren. Pre-Owned – salopp gesagt: Occasionen – war mit einem negativen Gefühl verbunden: nicht wie Luxus, nicht schön, alt. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass wir in unseren wunderschönen Boutiquen Second-Hand-Uhren verkaufen. Die Leute abzuholen, war definitiv eine der grössten Herausforderungen.»

Es gab aber auch Druck vom Markt. – «Ja, einen schnell wachsenden digitalen Secondhand-Markt – aber pures Online-Business, ohne zertifizierte Händler. Wir fragten uns: Dieser Markt wird irgendwann richtig gross. Wollen wir Teil davon sein? Bucherer war dann einer der Ersten, der einstieg – aber nicht digital. Es war klar: Wir müssen den Bucherer-Weg gehen.»

«Ich verkaufe Träume»: Odilo Lamprecht, Global Director CPO bei Bucherer, in der Luzerner Boutique. Foto: Bucherer
«Ich verkaufe Träume»: Odilo Lamprecht, Global Director CPO bei Bucherer, in der Luzerner Boutique. Foto: Bucherer

Was meinen Sie mit dem Bucherer-Weg? – «Zwei Faktoren: Trust und Image. Trust heisst: Jede Uhr, die Sie bei uns kaufen, ist von einem zertifizierten Uhrmacher auf Authentizität geprüft – keine Fälschung. Unsere Uhrmacher sind von den Marken zertifiziert, haben Zugang zu allen Datenbanken und Ersatzteilen. Bei jeder CPO-Uhr machen wir einen gründlichen Service und geben zwei Jahre internationale Bucherer-Garantie.»

Und das Image? – «Wir integrieren das CPO-Geschäft in unsere wunderschönen Boutiquen weltweit – mit Lounge und Bar, wo sich Menschen begegnen. Wir wollen dem Produkt den Luxus zurückgeben: Wer bei uns eine CPO-Uhr kauft, läuft wie jeder andere mit einer Bucherer-Tasche hinaus, hat ein Glas Champagner getrunken und wurde kompetent beraten. In Genf, Düsseldorf, Zürich, New York oder Las Vegas sind das riesige Abteilungen mit teils Hunderten von Uhren.»

Wer kauft die Uhren – und was kosten sie? – «Beide: Sammler, die komplettieren, und Leute, die Jahrgangsuhren für ein Geschenk suchen. Vieles ist relativ günstig – ideal für Jüngere, die in die Welt der mechanischen Uhren einsteigen. Wir sind im Luxusbereich; es fängt bei etwa 1500 Franken an, nach oben gibt es kaum Grenzen.» Die teuerste je verkaufte CPO-Uhr? «Wenn mich nicht alles täuscht, eine für 650 000 Franken.» So viel für eine Occasion? «Für eine Preloved-Uhr.» (lacht)

Wenn ich eine Uhr verkaufen will – was passiert? – «Sie kommen ohne Termin vorbei, wir prüfen kurz und können dank eigener Software sofort den Ankaufspreis nennen. In 10 bis 15 Minuten haben Sie das Geld oder einen Gutschein.» Bleiben Uhren manchmal liegen? «Nein, jede wird irgendwann verkauft. Manche sind schnell weg, andere brauchen länger. Wir wollen ein ausgeglichenes Sortiment – nicht nur Schnelldreher, auch etwas für den Connaisseur.»

Certified Pre-Owned: zertifizierte Luxusuhren mit zwei Jahren internationaler Bucherer-Garantie. Foto: Bucherer
Certified Pre-Owned: zertifizierte Luxusuhren mit zwei Jahren internationaler Bucherer-Garantie. Foto: Bucherer

Was läuft gerade gut, und wer kauft mehr? – «Stark nachgefragt sind eher kleinere Uhren, auch für Herren, und Bicolor – die Mischung aus Gold und Stahl. Es ist definitiv eine Männerwelt, aber wir haben immer mehr Frauen: Mittlerweile geht gut ein Drittel der Uhren an Frauen.»

Sind Uhren eine gute Investition? – «Ich werde das oft gefragt und sage immer: Kauf die Uhr, die dir am besten gefällt. Das ist die beste Investition – du schaust täglich darauf, sie ist Teil deiner Identität. Ob der Wert steigt oder fällt, weiss niemand, das ist wie an der Börse. Ich bin kein Investmentbanker, ich bin Uhrenhändler: Ich verkaufe Träume, keine Investitionen. Bucherer ist keine Bank.»

Und doch geht es um viel Geld: Der CPO-Markt setzt jährlich zwischen 21 und 30 Milliarden Franken um. Wird hier bald mehr umgesetzt als mit neuen Uhren? – «Ja, ich glaube fest daran, und das dauert nicht mehr lange. Meine Prognose: In drei bis vier Jahren ist der CPO-Markt mindestens gleich gross, wenn nicht grösser. Es entwickelt sich sehr viel in kurzer Zeit.»

136 Jahre Tradition

Jede CPO-Uhr wird von einem markenzertifizierten Uhrmacher geprüft und gründlich serviciert. Foto: Bucherer
Jede CPO-Uhr wird von einem markenzertifizierten Uhrmacher geprüft und gründlich serviciert. Foto: Bucherer

1888 in Luzern gegründet, ist Bucherer heute der weltgrösste Uhren- und Schmuckhändler und beschäftigt rund 1600 Mitarbeitende. Im August 2023 verkaufte Patron Jörg G. Bucherer sein Unternehmen an den wichtigsten Partner der Firma – den Schweizer Uhrenhersteller Rolex – und sicherte so deren Fortbestehen. Mit der exklusiven Kollektion Bucherer Fine Jewellery untermauert das Haus zudem seine eigene Expertise.

Dieser Artikel erschien im November 2024 in der Ausgabe MEN 2/24.

Zurück