
Ich treffe Isabelle Guggenheim im Hauptsitz der Baloise Group – in Basel natürlich, im sogenannten Baloise Park. 2015 begann man hier, alte Bauten zurückzubauen und moderne zu errichten: der Konzernsitz mit 700 Arbeitsplätzen, das Hotel Mövenpick und das Ausbildungszentrum. Der Konzernsitz wurde ab August 2020 bezogen, mitten in der Pandemie – weshalb Guggenheims Herzensprojekt noch nicht abheben konnte: die öffentlich zugängliche Galerie im Inneren des Hauses, ständig und nahbar, immer da für die Menschen.
Bevor sie mir die Kunstsammlung zeigt, machen wir in ihrem BMW X3 einen Ausflug durch Basels Mittagsverkehr in den Dreispitz, ein aufstrebendes Quartier, wo Herzog & de Meuron bereits Terrain markiert haben und eine Künstlerszene entsteht. Unser Ziel ist das Atelier von Dominique Rietzler, einem unkonventionellen Autodidakten, in Mulhouse geboren und seit über 30 Jahren in Basel zuhause. Er soll den Stand der Baloise an der diesjährigen Art Basel gestalten – eine Installation, ein Atelier mit Work in Progress. Aber warum hat eine Group, die Versicherung und Bank ist, überhaupt mit Kunst zu tun?
Weitsichtiges Engagement

«Die Baloise Group sammelt Kunst, schon seit mehreren Jahrzehnten», erklärt Guggenheim. «Vor über 20 Jahren, 1999, riefen wir den Baloise Art Prize ins Leben, um aufstrebende Künstler zu fördern – in Kooperation mit der Art Basel.» Eine jährlich neu zusammengesetzte Fachjury trifft eine Vorselektion; das Medium spielt keine Rolle, ob Skulptur, Bild, Fotografie oder Bewegtbild. Kurz vor der Eröffnung präsentieren sich die Vorausgewählten, dann bestimmt die Jury über Nacht zwei Finalistinnen oder Finalisten, die ausgezeichnet werden.
Damit endet das Engagement nicht: Zur Auszeichnung gehören 30 000 Franken pro Künstler. Zudem kauft die Baloise Arbeiten für die eigene Sammlung und stiftet Werke jedes Ausgezeichneten an ein europäisches Museum – dieses Jahr ans MMK Frankfurt, früher etwa an die Hamburger Kunsthalle, das Wiener MUMOK oder den Hamburger Bahnhof in Berlin. Eine seltene Chance für Newcomer. Darüber hinaus finanziert die Baloise künftige Museumsausstellungen der Preisträger – ein Engagement im Wert von weiteren 250 000 Franken.
Kunst zum Dessert

Zurück im Baloise Park, beim Lunch im Restaurant Puro, gibt es Kunst zum Dessert – so viel, dass ich als Laie Mühe habe, alles zu erfassen. Im Keller wartet das wohltemperierte Bilderarchiv: über 1700 Arbeiten, seit Ende der 1940er-Jahre gesammelt. «Anfangs kaufte man nur lokale Basler Künstler», erklärt Guggenheim, «seit 1960 sammeln wir auch international.» Und die Provenienz? «Sie ist lückenlos zu jedem Werk überprüfbar.»
Wir starten eine Tour de Baloise, vom Dachgarten bis ins Erdgeschoss – fast überall hängt Kunst. Der von Diener & Diener entworfene Bau bildet im Treppenhaus eine Galerie über mehrere Stockwerke; seit dem Wegfall der Pandemie-Massnahmen bekommt sie endlich, was ihr zusteht. Kuratiert wird von Frédérique Hutter, die auch frisch ausgebildeten Kuratorinnen und Kuratoren eine Chance gibt. Damit schliesst sich der Kreis zum Fördergedanken des Kunst-Preises. «Es geht nicht ums Sponsoring», präzisiert Guggenheim. «Wir wollen Qualität in der Kunst fördern. Wenn man Qualität will, muss man sie auch möglich machen.» Eine perfekte Win-win-Situation – für Künstler, Museen, Mitarbeitende und die Öffentlichkeit.
Dieser Artikel erschien im Mai 2022 in der Ausgabe MEN 1/22.


