
Es waren einmal zwei Jungs, die studierten die Wissenschaften der Materialien (Christian Fischer) und Maschinenbau (Julien Rion) an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL). Zusammen mit zwei weiteren Kommilitonen – wir schreiben die Anfangsjahre dieses Jahrhunderts – frönten sie den typischen Freizeit-Lifestyle-Aktivitäten junger Männer: Skifahren lag hoch im Kurs, Sport und Recreation im Allgemeinen beschäftigten die Studenten jenseits der Lehrbücher. In einer Garage bastelten die Vier an Skis. Das Ziel: So leicht wie möglich sollten die Bretter sein, bei grösstmöglicher Performance. Dazu tüftelten sie an der Aufgabe herum, wie man superleichtes Balsaholz im Kern eines Ski so verstärken kann, dass es nicht bricht. Die Lösung: leichte Fasern zur Stabilisierung. Und da alles mit nachwachsenden Rohstoffen nachhaltig sein sollte, stand schnell fest, dass Flachs dafür am geeignetsten sei.
In die Höhe schiessen
2011 gründeten Christian Fischer und Julien Rion die Bcomp Ltd mit dem klaren Ziel, halbfertige Verbundwerkstoffe auf der Basis natürlicher Fasern für den Sport- und Mobility-Sektor zu designen und zu entwickeln. Sehr schnell wurde klar, dass Bcomp den Zeitgeist traf. Alle suchten – und suchen immer noch – nach Lösungen, Plastik als leichten Werkstoff durch natürliche Materialien zu ersetzen. Aus dem Start-up wurde ein Scale-up, Bcomp gewann Auszeichnungen, generierte weltweite Anerkennung, das Fundraising funktionierte; 2016 galt Bcomp schon als siebtschnellstwachsendes Unternehmen der Schweiz und als eine der am rasantesten skalierenden Firmen in ganz Europa. 2017 hat Bcomp professionelle Einkäufer und Logistiker gezielt auf den Verbundwerkstoff aufmerksam gemacht. Ein Wunsch war damals, irgendwie in der Automobilindustrie Fuss fassen zu können.
Wertigkeit von Nachhaltigkeit

Bcomp ist heute längst der grösste Mieter im Cardinal-Quartier, sie platzen aus allen Nähten und peilen neue Räume in einem Neubau an, der nebenan auf dem ehemaligen Industrieareal entsteht. Christian Fischer, heute CEO von Bcomp, hat sich zwischen zwei Terminen für ein Gespräch Zeit genommen. Er sprüht vor Energie und umreisst leichtfüssig die erstaunlichen Schritte, die Bcomp gemacht hat. Rückblickend stand von Anfang an alles auf Erfolg – aber was ist die auffälligste Veränderung, wenn er an die Anfänge vor zwölf Jahren zurückspult? «Damals war niemand bereit, für Nachhaltigkeit zu bezahlen», erinnert sich Christian Fischer. Jetzt würde man sich, koste es, was es wolle, um Lösungen reissen. Nachhaltigkeit ist eines, wenn nicht DAS wichtigste Argument im Marketing geworden.
Innovativstes Produkt
Bcomp gilt als «Global Shaper» und ist mit Awards gekrönt worden. Und ein Wunsch ging in Erfüllung: im Automobilsektor Fuss zu fassen. Da, wo in der Konstruktion um jedes Gramm gefeilscht wird: im Automobilrennsport. Als «Most Innovative New Motorsport Product 2018» landet Bcomp im Bodywork von Hunderten von Autos in 16 verschiedenen Rennserien. Parallel gibt es auch Anstrengungen, das Leichtgewicht in der Raumfahrttechnik einzusetzen; auch dort geht es um jedes Milligramm Gewicht, das man zugunsten des Energieverbrauchs auf dem Weg ins All einsparen kann. Man hört zu und staunt: Diese Firma, praktisch als Garagenfirma gegründet und immer noch in Start-up-kompatiblen Räumen im umgenutzten Industriequartier, ist ein Juwel, ein Aushängeschild für die Schweizer Innovationsfreudigkeit.
Christian Fischer wirkt hingegen unbeeindruckt. Er ist ein leidenschaftlicher Werber für das Material, das Bcomp produziert, auf der anderen Seite aber auch ein strukturierter Realist und reiht fein säuberlich Entscheidung an Entscheidung wie die Fasern des Flachses, den sie verarbeiten – am Ende ergibt es eine tragfähige Struktur. «Wir haben ein sehr gutes Board», lobt Christian Fischer die eigene Firma. Man sei bestens beraten, bestens aufgestellt. Die Organisation ordnet sich dem Zweck der Firma unter, der da ganz unbescheiden heisst, die Welt zu dekarbonisieren. Klingt hochtrabend? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch wirklich ganz leicht, indem man einfach alles, was die Welt belastet, eliminiert und durch Natur ersetzt. Christian Fischer lächelt, genau so stellt er sich das vor: Dematerialisierung des Lifestyles, ohne auf den Spass zu verzichten. Porsche nutzt Bcomp bereits, McLaren hat Sitze für das Formel-1-Auto von Lando Norris mit Bcomp gebaut, und für BMW ist Bcomp der innovativste Newcomer-Supplier des Jahres 2022 – und einen Award (einen mehr) wert.

Schönheit kann warten
Einen Faktor möchte man noch beleuchten, der in der Mode in puncto Nachhaltigkeit anfangs ein Riesenthema war: die Optik. Nachhaltige Mode war noch vor zehn Jahren praktisch orientiert, meist nicht wirklich schön. Das hat sich geändert. Bcomp, also die beiden Materialien ampliTex® und powerRibs®, die derzeit für alle möglichen Verwendungsfelder zur Verfügung stehen, sind auch nicht wirklich schön. Man sieht sie im Normalfall ja auch nicht, und wenn, dann wirken sie wie Kevlar, nur nicht so high-tech-mässig, sondern eben natürlich. Es gibt bereits Designs wie Stuhlschalen oder anderes, die sich sehen lassen können; da ist sicher noch ganz viel Spielraum für Designfreaks. Zum Beispiel im Polestar Precept, wo die Designer mit der textilartigen Optik von Bcomp ampliTex® spielen und versprechen, das Material in die Produktion zu bringen. Im kleinen neuen vollelektrischen Volvo EX30 hingegen kann man das Material bereits als Option wählen. Geht doch. > bcomp.ch
Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.


