Bergsteiger & Philosoph

Er habe keine saubere Wäsche mehr, entschuldigt sich Michael Lerjen-Demjen und wirft seine Reisetasche in den Kofferraum meines Volvo XC40 Recharge. Der zum Glück eine Klimaanlage hat, den Rest seines olfaktorischen Reisesouvenirs atme ich auf dem Weg nach Spiez BE, wo er lebt, weg. Wo er denn herkomme? «Ich war in Portugal», berichtet der Zerzauste. Bergsteigen in Portugal? «Kann man machen», sagt Michael Lerjen-Demjen, das sei aber nicht der Grund seiner Reise gewesen. Er habe dort seine Firma besucht. IT, in Lissabon. «Portugal ist der Tech-Hub», lässt mich der Bergsteiger (ist er einer oder nicht?) wissen. «In Lissabon findet die grösste europäische Tech-Konferenz statt, der portugiesische Staat unterstützt das unglaublich.» Ich bin verwirrt. «Ich kann eine Tech-Firma in Basel und eine Dependance mit 30 Leuten in Portugal haben und die Leute denken immer noch, ich sei Bergsteiger», antwortet er auf meine gerunzelte Stirn hin.

Der unbezwingbare Bergführer

Allerdings. Googelt man seinen Familiennamen, erscheinen diverse Lerjen. Viele davon in Zermatt VS, sie amten als Bergführer und Skilehrer. «In der sechsten Generation», bestätigt Michael Lerjen-Demjen. Er selbst war mit 25 Jahren 2011 der jüngste Bergsteiger, der alle 82 Viertausender der Alpen bestiegen hatte. Das hat ihm einen Eintrag in die imaginären Geschichtsbücher des Schweizer Alpinistentums gebracht und die Mär vom unbezwingbaren Bergführer geschürt. Alle wollten (und wollen noch) mit ihm auf den Berg. Überall auf der Welt.

Bergsteigen, in die Berge führen und wieder hinaus, das hat man dem Jungen von Anfang an zugetraut und ihn auch dahingehend gefördert. Ich denke laut, dass das eben dann so sei, wenn man das Berg-Gen geerbt hätte. Aber ich liege schon wieder falsch. «Vieles in meinem Leben ist aus Schmerz geboren. Vor fünf Jahren musste ich den Tod meines Vaters bewältigen», erklärt Lerjen zögerlich. Ob ich wisse, wie das sei. Nein, weiss ich nicht, nur dass ich mit acht Jahren meinen Vater, als er gestorben war, nicht sehen durfte. Michael Lerjen-Demjen musste aber hinschauen, Urs Lerjen war 40 Meter in die Tiefe gestürzt, der Kopf zerschmettert. Identifizieren musste er den Mann, der den Sohn schon als Teenager auf die höchsten Berge der Schweiz mitgenommen hatte, allein. Aber vererbt war das nicht, Urs Lerjen war der Ziehvater von Michael, nicht sein leiblicher: «Ich habe mir das Bergsteiger-Gen angeeignet, es war mein Weg, mich in dieser Familie anzupassen.»

Michael Lerjen-Demjen hat sehr schnell auch ein Gespür für den Berg entwickelt. Er ist feinfühlig, intuitiv, bodenständig, die Herausforderung passt ihm. War er ehrgeizig? Stellte er deshalb vor zehn Jahren diesen Rekord auf? «Ich weiss nicht, ob Ehrgeiz das richtige Wort ist im Bergsteigen», sinniert er vorsichtig. «Ich würde eher sagen, man schaut, wie weit man gehen kann.»

Als 16-Jähriger zieht Michael bereits von zu Hause aus, lebt mal hier, mal dort, aber immer mit und an den Bergen. Er ist ein guter Bergführer, einer, der die Menschen versteht, auf ihre Wünsche eingeht. Die Kunden schätzen das, die meisten sind Stammkunden und buchen ihn immer wieder. Manche von ihnen sind prominent, aber darüber verliert Lerjen-Demjen kein Wort. Nach dem Viertausender-Rekord geht es noch ein paar Jahre so weiter, aber dann kommt er an einen Punkt, den er den Russi-Moment nennt: «Ich dachte auf einmal: Will ich mir das jetzt nochmals antun? Ich wusste genau, dass ich bis hierhin so viel riskiert habe, so viel gegeben habe, mehr ging nicht.» Er sagt dem Extremsport ade. Aber erst der Tod des Mentors, seines Ziehvaters, treibt ihn an, sich tatsächlich ein zweites Standbein aufzubauen. In der IT-Branche, Apps entwickeln, in Start-ups investieren, digitale Welten bewegen.

Empathie für Fehler

Nachdenklich: Am Berg geht es manchmal um Leben oder Tod, das prägt.
Nachdenklich: Am Berg geht es manchmal um Leben oder Tod, das prägt.

Im Business profitiert Michael Lerjen-Demjen von seinem Leben als Bergführer: «Beim Bergsteigen ist jede Entscheidung final. Was ich in den letzten drei, vier Jahren am meisten gelernt habe, ist Empathie zu entwickeln für Fehler. Wenn du im Bergsteigen einen Fehler machst, bist du tot. Du lernst aber auch, mit Druck besser umzugehen, du hast einen leistungsfähigen Körper, dein Hirn funktioniert auch noch, wenn du zwei Tage nicht geschlafen hast, du triffst nicht unbedingt saudumme Entscheidungen. Du hast ein bisschen mehr Puffer als alle anderen.» Und Lerjen-Demjen setzt nach: «Als Bergführer führst du. Als Geschäftsführer führst du. Du musst ein Team führen. Dein Team zum Maximum führen.»

Er gäbe einen perfekten Guru ab, eine Leitfigur, von der man hofft, dass sie die eigenen Probleme löst. Michael Lerjen-Demjen aber profitiert vor allem selbst von den Menschen, mit denen er in die Natur geht: «Durchs Bergsteigen habe ich unglaublich viele gute Menschen kennengelernt. Menschen, die mich gefordert haben, die mehr als alle anderen gesehen haben, dass ich nicht dumm bin. Und spätestens beim Mittagessen musst du ein intellektuelles Gespräch führen können.»

Fatale Entscheidungen vermeiden

Bringt er sich selbst auch an den Rand der Belastungszone? «Nein, du darfst nie am Maximum sein. Du musst immer ein bisschen Spatzig haben, sonst ist die nächste Entscheidung fatal.» Das klingt alles sehr überlegt, sehr bestimmt, sehr strukturiert. Ich wage die These, dass sich dieses Denken auch in anderen Bereichen des Lebens wirksam und positiv einsetzen lassen müsste. Lerjen-Demjen grinst in sich hinein. Und antwortet: «Als Extremsportler setzst du dich mit dem auseinander, was gewesen ist. Auch wenn Beziehungen auseinandergehen. Du analysierst, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Man macht das sehr schnell, es muss ja vorwärts gehen.»

Das ist das Letzte, was ich über meinen Fahrgast lerne, bevor er in seinen Renault Koleos steigt und nach Hause fährt: «Das Hirn vom Menschen funktioniert wie der Harddrive eines Computers. Ich habe alle Bücher gelesen, die ich lesen konnte, was mich gerade interessiert hat. Von Stefan Zweig bis zu russischen Krimis.» Ob es Lebensbücher sind für ihn, will ich ganz zum Schluss noch wissen. «Lebensbuch? Nein. Dann lebst du das Leben von jemand anderem. Ich glaube, so wie ich lebe, so wie mein Leben verläuft, wird mir kein Buch helfen, damit umzugehen. Früher oder später schreibe ich selber eines.» Ich kanns kaum erwarten.

Als wir in Spiez ankommen, brodelt mein Hirn, ich hätte noch viele Fragen an diesen äusserlich so in sich ruhenden Menschen. Aber unsere Zeit ist um. Ich ziehe ein Fazit und schliesse aus den Erzählungen der letzten zwei Stunden, dass es mehr als nur rekordverdächtige Gründe gibt, warum seine Kunden Michael Lerjen-Demjen immer wieder als Bergführer buchen wollen. Er bringt einen Rucksack aus Lebensweisheiten mit, stellt sich Gesprächen, hat Antworten, will aber nicht missionieren.

Dieser Artikel erschien im November 2021 in der Ausgabe MEN 1/21.

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