
Fabian Cancellara kommt mit 45 Minuten Verspätung in seinem Mercedes-GLE-SUV an unser Treffen im Weincafé Klösterli beim Bärengraben in Bern gefahren. Er war geschäftlich in Belgien unterwegs, musste kurz nach Hause, sich umziehen, dann durch den zähen Stadtverkehr. Jetzt ist er da – und wie! Im schmal geschnittenen blauen Anzug mit strahlend weissem Hemd und weissen Sneakers macht er eine gute Figur, nach der sich die eine oder der andere auch dann umdrehen würde, wenn er nicht Fabian Cancellara wäre. Von Hektik keine Spur. Freundlich und entspannt begrüsst er die ganze Crew, entschuldigt sich für die Verspätung – und ist bereit. Man merkt, der Mann hat gelernt zu fokussieren. Ich steige ohne Umschweife ins Gespräch ein. Wir haben keine Zeit zu verlieren – der Fotograf schaut zum Himmel und möchte das perfekte Licht nutzen, und Cancellara soll bekannt sein für seine Effizienz.
Neustart bei null
Wie ist das, wenn man als Profisportler aufhört, wenn man von einem Tag auf den anderen weg vom Fenster ist, will ich als Erstes wissen. «Es war nicht einfach. Niemand hatte auf mich gewartet. Ich musste wieder bei null anfangen und mir sozusagen eine neue Identität suchen», gibt Cancellara unumwunden zu. Nach seinem Rücktritt 2016 von den Rennstrecken dieser Welt und der Gründung seiner Firma Sette Sports (zu Beginn noch Fabian Cancellara AG genannt) musste er feststellen, dass sich die Geschäftswelt sehr von seiner gewohnten Umgebung unterscheidet. «Im Sport pflegt man einen menschlichen Umgang miteinander», stellt er fest. «Hier bestimmt der menschliche Faktor über Erfolg oder Misserfolg. Im Business hingegen hat der Mensch an Wert verloren, finde ich. Man kommuniziert oft nur noch digital, höchstens per Telefon. Dabei ist die persönliche Begegnung essenziell und kann durch nichts ersetzt werden.»

Spezielle Worte von einem Mann, der sich beim Radfahren Übermenschliches abgerungen hat. Im Lauf des Gesprächs merke ich, wie wichtig ihm die soziale Komponente bei allem ist, was er tut. Schon während seiner Sportkarriere waren Kontakte ausschlaggebend; immer wieder gab es Menschen – Cancellara nennt sie «Begleiter» –, die ihm den Weg wiesen. Auch er möchte anderen ein Wegweiser sein, und das Vehikel dazu ist, wie könnte es anders sein, das Velo. Mit seiner Firma hat er die Event-Reihe «Chasing Cancellara» lanciert, bei der Velobegeisterte vom Anfänger bis zum Halbprofi zusammen mit Cancellara himself eine Strecke absolvieren – etwa Bern–Andermatt oder eine kleine Flandern-Tour. «Das Velofahren war zuerst mein Hobby, später wurde es zu meiner Lebensschule, und heute kann ich meine Erfahrungen im direkten Kontakt mit anderen teilen und sie hoffentlich inspirieren», sagt er und fügt an: «Mir ist wichtig, bei allem authentisch zu sein. Ich will mich so zeigen, wie ich gerade im Leben stehe. Dann bin ich glaubwürdig, und der Funke springt über. Diesen Moment zu erleben, macht mich sehr glücklich.»
Arrogant? Nein, selbstbewusst!
Und tatsächlich scheint Cancellara an einem guten Punkt in seinem Leben angekommen zu sein. Er wirkt sehr geerdet – Berner würden sagen «bödelet» –, und man kann sich kaum vorstellen, dass er einst getrieben gegen die Uhr rannte. Profi-Velofahren fordert einen aussergewöhnlichen Einsatz an mentalen und körperlichen Ressourcen; nicht umsonst sind Fahrer für ihre legendäre Leidensfähigkeit bekannt. War Cancellara ein Masochist? Davon will er nichts wissen: «Ich habe trainiert und bin gefahren, um Rennen zu gewinnen. Innerlich habe ich mir immer gesagt: Ich will siegen! Nur der Erste ist der Gewinner; der Zweite ist der erste Verlierer. Qualität bedeutet für mich, dass man auf sein Ziel hinarbeitet und sich getraut, dieses Ziel in Worte zu fassen und auch nach aussen zu vertreten.» Trotz dieser Fokussiertheit wirkte Cancellara nie arrogant, sondern in gesundem Mass selbstbewusst. Und das ist er auch heute.

Der Sympathieträger weiss um seine Vorbildfunktion und nutzt sie, um Veränderung voranzutreiben. Als Stiftungsratspräsident der Laureus Stiftung Schweiz setzt er sich dafür ein, möglichst vielen Kindern aus sozial benachteiligten Familien den Zugang zum Sport zu ermöglichen – Sport als Mittel für Chancengleichheit und Prävention, einmal mehr als Lebensschule: eine Aktivität, bei der Kinder und Jugendliche lernen, sich ein Ziel zu setzen, dafür zu arbeiten, zu gewinnen, zu verlieren und dennoch motiviert und fair zu bleiben. Ein weiteres von ihm initiiertes Programm, «Kids on Wheels», will Kinder mit dem Velo in Kontakt bringen, damit schon die Kleinsten Freude an Bewegung und an der eigenen Leistung entwickeln.
Sechs Jahre nach seinem Rückzug vom Spitzensport ist Cancellara an vielen Fronten ein gefragter Mann. Anders als im Profisport, in dem feste Regenerationszeiten eingeplant sind, könnte er als selbstständiger Unternehmer rund um die Uhr im Einsatz sein. Das birgt Gefahren, wie er einräumt: «Zu Beginn habe ich alle Anfragen angenommen. Doch mit der Zeit musste ich lernen, mich abzugrenzen, Nein zu sagen. Ich muss es tun, um mich zu schützen und meine Zeit sinnvoll einzusetzen. Ich möchte weniger tun, dafür richtig – das spüren die Menschen, davon bin ich überzeugt.» Ein schönes Schlusswort, finde ich. Die Sonne lockt, das Team ist bereit, das Fotoshooting kann beginnen.
Cancellara als Radfahrer: Fabian Cancellara (41) wuchs in Hinterkappelen bei Bern auf. Mit 19 Jahren startete er seine Profi-Laufbahn – trotz seiner Körpergrösse von 1,86 Metern, die ihm den Übernamen «Spartacus» einbrachte. Die Liste seiner Erfolge ist lang: zwei olympische Goldmedaillen und vier WM-Titel im Zeitfahren, je drei Siege bei Paris–Roubaix und der Flandern-Rundfahrt. 29 Tage lang trug er das Maillot Jaune der Tour de France. 2016 zog er sich nach seinem Olympiasieg von Rio vom Spitzensport zurück. Er lebt mit seiner Frau Stefanie und den beiden Töchtern in Ittigen.
Dieser Artikel erschien im Mai 2022 in der Ausgabe MEN 1/22.


