
FC Bayern München, Borussia Dortmund, Red Bull Salzburg, Borussia Mönchengladbach oder FC Lorient: Viele Topklubs in Europa haben eines gemeinsam: Bei allen steht ein Schweizer im Tor. Sind im Scheinwerferlicht, verdienen Millionen. Doch wieso ist ausgerechnet die kleine Schweiz das grosse Torhüterland? Dafür gibt es einen guten Grund, und der hat einen Namen: Patrick Foletti, den alle nur Fox nennen. Der ehemalige Schweizer Spitzengoalie von FC Luzern und GC und heutige Torwarttrainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat das System zum Erfolg kreiert. Mit ihm und ein paar Notizen auf einem Zettel begann vor einem Jahrzehnt das Goaliewunder Schweiz. Wir treffen Foletti an seinem Wohnort Meggen LU zum Gespräch. Der Tessiner wirkt tiefenentspannt und höchst konzentriert zugleich. Das ist es wohl, was einen Topgoalie ausmacht.
MEN: Ist die Schweiz das beste Torhüterland der Welt?
Patrick Foletti: Ich finde es ein wenig hochnäsig, so etwas zu sagen.
Aber gemessen an der Grösse der Schweiz?
O. k., proportional zur Einwohnerzahl sind wir im Moment überdurchschnittlich gut unterwegs und gehören sicher zu den Besten.
Und der Grund dafür bist du?
(Lacht) Nein, sicher nicht! Es gibt definitiv mehrere Faktoren. Der erste ist Mutter Natur. Ohne Grundtalent gibt es keinen guten Goalie.
Aber das haben andere Länder ja auch.
Einverstanden. Unser Ausbildungsmodell ist der andere Punkt. Wir haben es in den letzten zehn, zwölf Jahren geschafft, eine Swiss Identity aufzubauen. Wir arbeiten in allen Landesteilen in die gleiche Richtung. Mit den gleichen Prinzipien, den gleichen Ideen und den gleichen Strukturen. Das hat uns schon zwei Schritte vorangebracht – vor alle anderen Länder, die immer noch diskutieren, wie man ein Goalietraining gestalten soll.
Was macht Ihr denn so anders als andere?

Zum Beispiel legen wir heute viel mehr Gewicht auf die Taktik. Früher stand fast nur die Technik im Mittelpunkt, oder man schoss einfach hunderte von Bällen auf den Goalie. Die Trainings sind jetzt oft im Zusammenhang mit einer konkreten Spielsituation. Zum Beispiel mit einer, bei der es in einem vorigen Match ein Tor gab. Das stellen wir nach und überlegen, wie man das hätte verhindern können. Bei solchen Übungen macht dann auch der Rest der Mannschaft mit. Der Torhüter trainiert also nicht mehr nur alleine.
Und die Initialzündung für solche Methoden kam von dir.
Ich habe schon während meiner Karriere Ideen gesammelt. Ich konnte nicht von einem speziellen Training profitieren. Ich war Profi, spielte in der Champions League – aber hatte keinen Goalietrainer. Also habe ich mir Notizen gemacht: Was würde ich als Trainer anders machen? So kam das Konzept zustande. Und viele weitere Personen haben dazu beigetragen, dieses Konzept umzusetzen und weiterzuentwickeln.
Warum hat es das damals noch nicht gegeben? Profifussball ist ja weltweit ein grosses Thema mit Top-Stars. Und der Goalie ist einfach vergessen gegangen?
Definitiv!
Aber er ist doch ein wichtiger Mann auf dem Platz.
Klar. Aber die Leute merken das nur, wenn der Goalie einen Bock geschossen hat. Dann konzentriert sich alles auf ihn. Inzwischen hat sich das zwar etwas verbessert. Einige Klubs haben verstanden, wie wichtig der Torhüter ist. Das sieht man auch an den Transfersummen. Vor fünf Jahren hätte niemand so viel Geld für einen Goalie in die Hände genommen. Aber jetzt kommt die nächste Herausforderung: Alle wollen einen Ferrari, bezahlen auch dafür. Aber wenn der Ferrari zur Wartung muss, schicken sie ihn in eine Moped-Werkstatt. Gute Goalietrainer sollten auch irgendwann mal gut bezahlt werden.
Du hast ja alle Schweizer Toptorhüter selber betreut. Hast du sie auch entdeckt, oder waren sie einfach da?
Sowohl als auch. Ich habe Yann Sommer von GC bekommen. Er war schon ein grosses Talent, wir haben ihn einfach weiterentwickelt. Daneben scouten wir schon sehr früh. Ich weiss jetzt schon, wo die 15-, 16-Jährigen stehen. Und unter denen hat es sicher ein oder zwei Toptalente.
Wie lange braucht es, mit Talent ein sehr guter Goalie zu werden?

Länger als bei einem Feldspieler. Die können schon mit 19 Jahren in die erste Mannschaft. Bei den Goalies gibt es eine Verzögerung von zwei bis drei Jahren.
Wieso?
Weil der Torhüter auf einem ganz anderen Level von Verantwortung steht.
Er steht stärker unter Druck als ein Stürmer?
Definitiv! Er hat den grössten Druck von allen elf Spielern auf dem Platz. Du bewegst dich auf einem sehr schmalen Grat zwischen Held und Depp. Wenn du einen Fehler machst, gibt es ein Goal. Ein Stürmer trifft sechs Wochen nicht, macht ein Tor und ist der Star.
Also kann der Goalie nur alles falsch machen?
In der Wahrnehmung von aussen vielleicht schon. Aber genau deswegen bist du Torhüter. Du willst diese Verantwortung haben. Du findest sie geil. Nur die besten Profis können mit diesem Status zwischen Held und Depp gut leben. Und der Depp bist du immer wieder.
Wer hat dich als Spieler am meisten beeindruckt?
Diejenigen, die heute ganz oben stehen und in der Nati sind, haben mich von Beginn an beeindruckt. Jeder hatte seine Eigenheiten und seine eigene Herangehensweise. Was machte zum Beispiel Yann Sommer anders als viele andere Torhüter? Er war einer der ersten, der schon sehr jung gemerkt hat, dass zum Beispiel im mentalen Bereich noch viel Potenzial liegt. Er hat früh angefangen, mit einem Mentaltrainer an seiner Persönlichkeit zu arbeiten. Dann sind immer weitere Bausteine dazugekommen, Ernährung, Pflege, Athletik und so weiter. Schliesslich hat er all diese Puzzleteile zusammengefügt.
Hat er das alles privat gemacht? Und selbst bezahlt?

Ja. Man muss klar sagen: Im Fussball verdienen die Jungs recht gut. Und ich erzähle das Beispiel von Yann gern. Dann fragen die Jungen: Wer bezahlt denn das? Und ich sage: Das musst du machen. Es ist eine Investition in dich selbst.
Das klingt sehr kompliziert. Wenn ich mir vorstelle: Ich bin ein Spieler und habe mehrere Trainer in verschiedenen Bereichen, und jeder sagt etwas anderes.
Ja, das ist eine Gefahr. Aber der Fussball ist im Vergleich zu anderen Sportarten noch immer sehr traditionell unterwegs. Im Eishockey oder Basketball arbeitet man schon seit Jahren so.
Wie bringst du die Entwicklung voran?
Ich versuche, mit allen zu reden. Ich klopfe an alle Türen, aber nicht alle gehen auf.
Du besuchst ja die Klubs, wie zum Beispiel Bayern München. Kannst du da einfach hineinlaufen? Oder wie soll ich mir das vorstellen?
Wichtig ist, dass man mit den Klubs in einen Austausch geht und mit ihnen kommuniziert. So habe ich es auch mit Bayern gemacht, als Yann nach München wechselte. Es gibt viele Klubs, mit denen ich mittlerweile regelmässig zusammenarbeite, Dortmund, Gladbach und andere. Inzwischen habe ich ein gutes Beziehungsnetz. Das ist sehr wichtig. Es braucht aber viel Zeit, so etwas aufzubauen.
Was machst du denn in den Klubs?
Ich beobachte und rede, besuche zwischendurch Trainings und kann mit den Trainern und anderen Personen Gespräche führen. Ein wichtiger Teil ist natürlich auch, Zeit mit dem Goalie zu verbringen. Zu reden. Zu verstehen.
Das kann aber je nach Klub doch sehr heftig werden. Nehmen wir Bayern München und Yann Sommer.

In den Topligen Europas und der Welt gibt es permanent öffentlichen Druck. Das gehört dazu, und damit muss ein Spitzenspieler und ein Spitzengoalie heute lernen umzugehen. Bei einem Misserfolg muss ein Schuldiger her, auf den wird dann geschossen. Das will die Boulevardpresse, das multipliziert sich über Social Media. Das ist part of the game.
Also haben dich die Angriffe auf Yann nicht überrascht?
Überrascht nicht, weil du dort nun einmal besonders im Fokus der Öffentlichkeit stehst. Bedauerlich war eher, wer sich alles zu Wort gemeldet hat und mit wie wenig Fachwissen geurteilt wurde. Aber eben, mit Angriffen und Druck musst du umgehen können.
In einem Jahr findet die Fussball-Europameisterschaft in Deutschland statt. Hat die Schweiz eine Chance, ganz vorne zu sein?
Wir haben eine Vision, einen Anspruch, und das soll auch so sein. Wir wollen langfristig zu den Besten gehören. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, woher wir kommen und wer wir sind. Wenn alles perfekt ist, wir keine Verletzungen oder andere Probleme haben, sind wir zu einem Exploit fähig und können weit nach vorne kommen. Dafür muss aber über ein ganzes Turnier wirklich alles total perfekt laufen.
Und wer wird Europameister?
Vielleicht Spanien, Frankreich – es sind immer dieselben Verdächtigen. Italien würde ich auch nicht vergessen. Die haben sich vom Schock der letzten Jahre erholt.
Und Deutschland nicht?
Zum jetzigen Zeitpunkt sind sie nicht Favorit. Aus der Ferne betrachtet, haben sie im Moment zu viele Baustellen. Aber in einem Jahr ist es vielleicht anders. Und eben: Wenn alles passt und perfekt ist, vielleicht auch die Schweiz! Warum nicht?
Dieser Artikel erschien im Juni 2023 in der Ausgabe MEN 1/23.


