
Die Magie entsteht in einer unscheinbaren Lagerhalle am Rande von Wohlen (AG). Eigentlich ist es mehr als eine Halle, es sind mehrere ineinander verschachtelte Gebäude auf einer Fläche von 13 000 m², in denen man sich gut verlaufen kann. Der Weg zum Direktor führt vorbei an Mechanikern, die an Motoren schrauben, Handwerkern, die Zirkuswagen möblieren oder Karosserien mit roter Farbe lackieren. Die Stimmung ist geschäftig, konzentriert und doch locker. In einer Halle hängen lange Zeltbahnen zum Trocknen meterhoch in der Luft. Monti ist neben einem Zirkusbetrieb auch einer der grössten Zeltvermieter in Europa, mit über 45 Zelten, die zum Beispiel beim Arosa Humor-Festival oder am Paléo Festival in Nyon zum Einsatz kommen. In der kleinen Cafeteria neben den Werkstätten sitzt Johannes Muntwyler, seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Von ihm, dem Zirkusdirektor, wollen wir erfahren, wie Zirkus geht.
«Im Idealfall starten wir mit der Planung eines neuen Programms ein bis zwei Jahre zuvor», erklärt er. «Dann entscheiden wir, wen wir als Regisseurin oder Regisseur engagieren möchten.» Regisseure für einen Zirkus? Muntwyler lacht. «Ja, das ist bei uns seit Jahren so. Wir wollen nicht eine Nummer nach der anderen abspulen. Bei uns soll die Vorstellung eine ganze Geschichte erzählen oder eine ganz bestimmte Stimmung erzeugen. Dazu brauchen wir ein künstlerisches Gesamtkonzept, das von einem oder zwei Regisseuren erarbeitet wird.»
Die Idee, eine Vorstellung als Gesamtwerk zu sehen, geht bis fast in die Anfänge zurück. Muntwyler erinnert sich: «1998 machten wir einen grossen Schritt in diese Richtung. Wir wollten unbedingt mit Dimitri als Regisseur arbeiten. Er bestand darauf, ein Gesamtkonzept zu entwickeln. Dazu gehört auch, dass ein Komponist die Musik für den ganzen Abend schreibt oder dass das Licht, die Kostüme und das Bühnenbild eine Einheit bilden. Es war für uns ein bahnbrechendes neues Konzept, dem wir da zustimmten. Und ein bis heute sehr erfolgreiches.»
Steht das künstlerische Konzept, machen sich Kostümbildner und Komponisten an die Detailarbeit und die Casting-Verantwortliche Armelle Fouqueray, Partnerin von Johannes Muntwyler, auf die Suche nach geeigneten Artisten. «Natürlich haben wir ein grosses Netzwerk, kennen viele Leute. Ein wichtiger Ort für die Talentsuche sind Artistenschulen, vor allem Montreal ist da weltweit führend.» Dazu schaut sich Armelle Fouqueray hunderte von Videos an, die von Künstlern aus der ganzen Welt zugeschickt werden. «Heute vermarkten sich die jungen Artisten selbst», erklärt der Zirkusdirektor. «Sie sind sehr gut untereinander vernetzt und empfehlen Monti als gute Adresse.»

Nach der Artistenauswahl kommt der Papierkrieg. «Wir hätten keine Chance, einen Mechaniker aus einem Drittstaat wie zum Beispiel Kanada zu verpflichten», erklärt Muntwyler. «Aber Künstler haben einen Sonderstatus, die dürfen kommen.» Was aber trotzdem nicht immer einfach ist. «Wir brauchen Einreisevisa, Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen und vieles anderes», meint der Direktor. Der administrative Aufwand wird immer grösser. Und auch für die Artisten mühsam. «Die müssen ihre Visa in einer Schweizer Botschaft persönlich abholen, die oft hunderte von Kilometern von ihrem Wohnsitz entfernt ist.»
Sind die Hürden überwunden, reisen zwei Monate vor der Premiere die Artisten aus der ganzen Welt ins Hauptquartier in Wohlen. «Sie kommen nicht mehr wie früher mit dem eigenen Wagen», sagt Muntwyler. «Die haben ihr Reisegepäck und ihre Requisiten und mehr nicht.» Daher beziehen die Angereisten gleich ihre Wohnwagen, die der Circus Monti ihnen zur Verfügung stellt. Johannes Muntwyler erklärt: «Der Wohnwagen ist nur für die Privatsphäre. Ansonsten haben wir einen Dusch- und WC-Wagen und alle, die es wünschen, essen gemeinsam im Esswagen.»
Menschen aus der ganzen Welt auf engstem Raum – gibt das keine Probleme? Der Zirkusdirektor schüttelt den Kopf. «Nein, eigentlich nicht. Wir haben regelmässig Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen zusammen auf der Tournee, das geht super. Es sind alles Profis und wissen, wie es in einem Zirkus zugeht.» Zudem schaut die künstlerische Leitung in den zwei Monaten vor der Premiere darauf, aus der bunt zusammengewürfelten Truppe eine Einheit zu machen. «Sie machen während der Probezeit jeden Morgen gemeinsame Teambildungsspiele. Dann wird den ganzen Tag geprobt.» Zeitgleich gibt es Änderungen an den Kostümen, manchmal auch an der Nummer selbst. «Das muss alles aus einem Guss kommen, die Übergänge müssen stimmen.»
Am Tag der Premiere Anfang August ist die Hauptarbeit der Regisseure erledigt, jetzt muss das Programm voll hinhauen. «Wir ändern dann in der Regel nicht mehr sehr viel», sagt Muntwyler. Auch die Nervosität legt sich mit der Zeit, je länger die Tournee geht, desto lockerer werden die Artisten. Nach vier Monaten Tournee durch zehn Schweizer Städte ist dann die Magie wieder vorbei. Bis zum nächsten Jahr.

Der grosse Traum des kleinen Monti
Der Circus Monti stammt nicht aus einer alten Zirkus-Dynastie, sondern war der Traum eines kleinen Buben. Der Aargauer Guido «Monti» Muntwyler war schon als Kind vom Zirkus und besonders von den Clowns fasziniert. So stark, dass er vor über 45 Jahren seinen Lehrerberuf an den Nagel hängte, ein paar Jahre erste Erfahrungen im Circus Olympia sammelte und 1985 zusammen mit seiner Frau Hildegard und ihren vier Kindern einen eigenen Zirkus gründete.
Der Anfang war abenteuerlich. Innert sechs Monaten kaufte die Familie ein Zirkuszelt, suchte Fahrzeuge und geeignete Tiere und engagierte Artisten. «Das war wirklich nicht einfach», erinnert sich der heutige Direktor Johannes Muntwyler, der damals als junger Jongleur in der Manege stand. Die ersten Jahre waren anstrengend, der Zirkus immer knapp bei Kasse. Von den etablierten Zirkusunternehmen wurden sie belächelt, man gab Monti keine zwei Monate Überlebenszeit. Doch der Traum ging weiter, nach und nach etablierte sich der Zirkus mit seinen innovativen, poetischen Programmen und der grossen Nähe zu seinem Publikum.
Fünf Jahre nach dem Tod seines Vaters übernahm Johannes Muntwyler vor 20 Jahren die Direktion von seiner Mutter Hildegard. Mit seinen Söhnen Mario (Administration, Artistik), Tobias (Zeltvermietung, Logistik) und Nicola (Werkstatt) arbeitet inzwischen schon die dritte Generation aktiv mit.

Neben dem Zirkus, der vier Monate auf Tournee geht, und der Zeltvermietung gibt es auch noch Monti’s Variété, eine Dinnershow mit Artistenensemble, Live-Band und 4-Gang-Dinner, sowie Monti’s Kulturtage, die Schweizer Kulturschaffende in den Mittelpunkt stellen.
Der Zirkus führte nie exotische Tiere mit sich. Stattdessen fanden sich in der Manege Haustiere wie Pferde, Ponys, Ziegen, Esel, Schafe, Gänse, Enten, Hühner und Meerschweinchen. Seit der Saison 2011 treten im Circus Monti gar keine Tiere mehr auf.
In seinem 39. Jahr war der Circus Monti so erfolgreich wie nie. Doch Johannes Muntwyler findet das nicht selbstverständlich: «Trotz Digitalisierung und der Tatsache, dass viele junge Leute viel Zeit mit ihren Handys verbringen, zieht unser Zirkus auch bei einem jungen und jugendlichen Publikum. Es freut mich extrem, wie gross das Interesse nach wie vor ist. Je digitaler die Welt wird, desto mehr scheinen die Menschen echte, lebendige Erlebnisse zu suchen. Genau das bietet unser Zirkus.»
Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.


