
Spätestens, als die Kleine sich mit vier Jahren eine Fahrt in einem Gokart erbettelte, hätte dem Senior klar sein müssen, dass seine Tochter nach der Matura nicht das erhoffte Medizinstudium beginnen würde. Mit zehn Jahren fuhr Cristina bereits Kartrennen in der norditalienischen Meisterschaft, woran der Vater, selbst Töff-Fan und versierter Schrauber, sicher nicht ganz unschuldig war. Aus dem Hobby für Vater und Tochter wurde für Cristina, die in Samedan im Engadin zur Welt kam und in Celerina aufwuchs, eine Passion. Für ihre Maturaarbeit wollte sie einen BMW 600, der einem Freund gehörte, restaurieren – sehr zum Ärger der Lehrerschaft. Cristina liess nicht locker, und es fand sich doch ein Referent, der die Arbeit unterstützte: praktischerweise ein Ingenieur von BMW. «Ich habe so viel gelernt dabei», schwärmt sie heute noch von der Zeit, in der sie endgültig Feuer für die Automechanik fing.
Fast wie Medizin
Natürlich begann Cristina nach der Maturaarbeit kein Medizinstudium, sondern absolvierte – verkürzt, weil sie die Matura ja schon in der Tasche hatte – eine Lehre zur Automechatronikerin bei Emil Frey. Wenn man darüber nachdenkt, sind die beiden Professionen gar nicht so weit voneinander entfernt: Arzt und Automechanikerin. Es geht immer darum, einem Patienten zu helfen – man muss eine Analyse machen, herausfinden, was ihm fehlt, und dann oft tief ins Innere vordringen, um Schäden zu reparieren. Nach der Lehre gab es kurz eine Diskussion mit dem Vater, die Cristina mit entschuldigendem Lächeln als «Drama 2.0» bezeichnet: Sie könne doch jetzt Maschinenbau studieren? Stattdessen legte sie noch eine zweijährige Ausbildung zur Diagnostikerin nach – auch das nicht so wahnsinnig fern von der Aufgabe eines Mediziners.
Etagenweise Autoliebe

Nach diesen prägenden Lehrzeiten reift in Cristina der Traum von der Selbstständigkeit. Und sie ist nicht allein: Im Job lernte sie Claudio Enz kennen, dessen Herz im Gleichtakt für die Frau und das Metier schlägt. Auf einem Stück Gemeindeland in Zuoz konnte das junge Paar für seine «Auto Engiadina» einen vierstöckigen Bau errichten, der alle Leidenschaften unter einem Dach beherbergt. Im Erdgeschoss, einer sauber organisierten Garage, wird an allem geschraubt, was die Kunden bringen – egal welche Marke, egal welches Baujahr, egal wie viele Räder, Hauptsache, es hat einen Motor. Im Untergeschoss stehen «Projekte», ein paar eigene und viele Kundenautos, die restauriert oder für Classic-Events hergerichtet werden (ein herrlicher Porsche 911 E steht gerade im Autoaufzug, als wir vor Ort sind).
Im zweiten bis vierten Stock haben Cristina und Claudio das «Hotel» eingerichtet: eine bodenbeheizte Klassik-Remise, in der man auch Events veranstalten kann. Hier überwintern die vier- und zweirädrigen Schätze oder wohnen ganzjährig, werden mit Strom für die Batterien versorgt und auf Wunsch gewartet und fahrbereit gemacht – um sich ein paar Kilometer weiter im Winter auf dem I.C.E. St. Moritz zu zeigen, die Passione Engadina mitzufahren oder am British Classic Car Meeting St. Moritz vorzufahren.
Siegreiches Paar
Apropos fahren: Was ist mit Cristinas Rennkarriere passiert? «Mit 16 Jahren habe ich die C-Lizenz für Formelautos gemacht», erklärt sie. «Es gab Tests in der Formel 3, aber ich war nicht in der Lage, Geld mitzubringen.» Sie bricht den Versuch, Profirennfahrerin zu werden, ab und nimmt den Faden Jahre später wieder auf – gemeinsam mit ihrem Freund, der Erfahrung als Mechaniker an der Rallye Monte-Carlo mitbrachte. Was lag näher, als an diesem für eingefleischte Classic-Racer schönsten Event des Jahres selbst teilzunehmen? Das Paar baut sich zunächst einen Autobianchi auf, fährt seit 2018 regelmässig mit – und gewinnt 2023 mit einem Lancia Fulvia Rallye 1.3 S aus dem Jahr 1970 sogar die Rallye Monte-Carlo Historique.

Die Crux mit dem Nachwuchs
Nicht studiert zu haben, hat Cristina Seeberger nie bereut. Sie hat ihre Passion gefunden; man spürt die Ehrfurcht vor Autos mit Geschichte, wenn ihre Augen auf einem Stück wunderbarem alten Blech ruhen. «Mir geht dann jeweils durch den Kopf, was sich die Ingenieure, die dieses Auto genau so konstruiert haben, wohl dabei gedacht haben. Jedes Auto ist anders, jedes ist eine Herausforderung: zu ergründen, was wie funktioniert und warum es so gebaut wurde.» Ständige Weiterbildung nennt sie ihre Arbeit.
Und damit bringt sie den einzigen Wermutstropfen im geschäftigen Alltag aufs Tapet: den Nachwuchs. Nein, nicht die nächste Generation, sondern Lehrlinge – Mädchen wie Jungen –, die mit derselben Leidenschaft den Beruf lernen wollen. «Viele Junge scheuen sich vor der Arbeit», sinniert Cristina, die selber erst 30 Lenze zählt. «Ihnen ist die Work-Life-Balance wichtiger.» Letztes Frühjahr organisierte das Paar unter dem Motto «Faszination Automobilberufe» einen Tag speziell für Schülerinnen und Schüler; dafür war der nahe Flugplatz Samedan gesperrt, im Hangar und auf dem Flugfeld präsentierten sich neben Auto Engiadina lauter Unternehmen der Branche. Für eine Lehrstelle hängengeblieben ist dennoch niemand. Cristina beklagt sich nicht – sie sind jetzt sieben im Team, die Auftragsbücher sind voll. Schön wäre es trotzdem, jedes Jahr wenigstens einen jungen Menschen ausbilden zu können.
Batterien aufladen mit Sport

Hundert Prozent Autos im Job, dazu diverse Events vor allem mit klassischen Autos – wann und wo lädt Cristina ihre eigenen Batterien auf? «Mit Sport», kommt die nicht ganz unerwartete Antwort. Schon während ihrer aktiven Kartzeit trainierte sie Ausdauer und Kraft; das tut sie noch immer, vor allem das Joggen – zwei Stunden (!) seien richtig erholsam, dann sei sie für sich und könne den Gedanken freien Lauf lassen. Und im Winter kommt erst recht ihre Zeit: Dann betreibt sie einen Sport, in dem sie ebenfalls eine Profikarriere hätte einschlagen können – Langlauf. Der Engadin-Marathon und ähnliche Events sind fest in ihrer Agenda. «Ich mach nid so oft nüt», lautet die fast entschuldigende Erklärung, wenn man sie mit dem berühmten I-don’t-know-how-she-does-it-Blick mustert. Das haben wir verstanden – und wünschen jedem Klassik- und sonstigen Auto- oder Motorradbesitzer, dass er den Weg nach Zuoz findet.
Dieser Artikel erschien im November 2024 in der Ausgabe MEN 2/24.


