
Man sieht sie ja nicht immer, die Herren der Schöpfung, die in irgendwelchen Büros an irgendwelchen Schreibtischen ihren Job machen. Und man hat sie schon gar nicht gesehen, als Homeoffice zur Pflicht wurde. Jetzt aber ist das Zusammenarbeiten wieder möglich – wobei das zumindest teilzeitliche Arbeiten von zu Hause vielerorts Normalität geworden ist.
Das hat Auswirkungen auf die Wahl des Tenüs am Morgen. Wahrscheinlich haben die HR-Verantwortlichen festgestellt, dass produktive Arbeit auch im Pyjama verrichtet werden kann – wie sonst ist die Lockerung der Kleidervorschriften zu erklären? Selbst hochrangige Vorstandsmitglieder namhafter Brands zeigen sich entspannt im Pulli unterm Sakko, mit Jeans und Turnschuhen statt Budapestern. Passt das aber zum Image eines Businessmenschen? Verwirrung herrscht – ein Fachmann muss her: Dominik Bachmann, ein Mann, der Stil atmet.
Seriös eingekleidet
Bachmann empfängt zum Atelierbesuch in einem sattroten, wadenlangen Gewand – ein Pièce, das ihn ungemein gut kleidet. Der letzte Schrei? «Die Gesellschaft ist heute viel freier», erklärt er. «Ich wollte ausprobieren, wie ein Kleid für einen Mann aussehen könnte, und muss sagen: Ich fühle mich ausserordentlich wohl.» Zudem kaschiere so ein Kleid ein paar Pfündchen zu viel um die Mitte, kokettiert Bachmann.
Männerkleider sind im übertragenen Sinne seine Passion: Am liebsten zieht er Männer nach Mass an – und auch ein paar Frauen, die sich bei ihm einen Anzug nähen lassen. In sein Atelier kommt man nicht zufällig. Hier, im aufstrebenden Industriequartier Dreispitz in Basel, oberhalb der Kraft E.L.S. AG, bedient er seit Juli 2020 seine Kunden auf Termin; davor unterhielt er einen Laden in Zürichs Kreis 4.
Feinstoffliches

Was gilt aktuell als Modetrend, und kann man generell Rat in Sachen Stil und Dresscode geben? «Ich sträube mich, Do’s and Don’ts zu verkünden», sagt Bachmann. Bisher habe man Businessmänner nur als seriös wahrgenommen, wenn sie Anzug, Hemd und Krawatte tragen. Punkt. Das sei eine grundfalsche Idee, die nur blockiere.
«Männer brauchen viel mehr Stilberatung als Frauen, die meistens wissen, was ihnen steht», überrascht der Fachmann. Männer seien oft überfordert: Sie wüssten zwar, wie man ein Auto konfiguriert, welche Extras und technischen Highlights es haben soll – aber am eigenen Outfit scheitern sie und greifen zu Bewährtem. Und das sei gar nicht verkehrt: «Das klassische Sakko ist immer die richtige Wahl. Heute ist es leichter geworden, man arbeitet nicht mehr mit so vielen Einlagen.»
Es gebe neue High-Tech-Stoffe, sehr praktisch auf Reisen – einen nennt man sogar «Turbo Travel», weil er einen Stretchanteil enthält, wasserabstossend und trotzdem atmungsaktiv ist. Bachmann geht Schritt für Schritt vor: «Es wird festgelegt, ob der Kunde ein Futter im Sakko möchte, ob er ein fallendes oder steigendes Revers bevorzugt, wie viele Knöpfe.» Für Ratlose: Steigendes Revers und ein Zweiknopf-Sakko sind so zeitlos wie ein Mercedes 300 SL. Bachmann selbst fährt übrigens einen gebrandeten Renault Koleos – genug Platz für Mann, Stoffe und Hund.
Kein Mann wie der andere
Der Stoff ist Geschmackssache; jede Saison bringt neue Farben und Muster. Bachmann arbeitet mit Scabal, einem belgischen Stoffunternehmen mit Weberei in Yorkshire und eigener Produktionsstätte für Masskonfektion, TailorHoff in Saarbrücken.
Kenner macht Masskonfektion: Man arbeitet mit bestehenden Schnitten, die individuell angepasst werden. Ganze 40 Masspunkte nimmt Bachmann am Mann ab. «Es gibt Muskelpakete, die brauchen extrem viel Stoff im Schulterbereich, aber weniger in der Taille», plaudert er aus dem Nähkästchen. Und umgekehrt jene, die eine ansehnliche Leibesmitte einkleiden müssen. Jeder Körper ist anders – die wenigsten haben die Figur für ein Sakko von der Stange.

Recht gehabt
Bachmann hat das alles en passant gelernt; seine Kleidung näht er sich selbst, seit er 14 ist. Die Eltern hielten wenig von den modischen Ambitionen des Filius und drängten ihn nach dem Gymnasium zu einer «anständigen» Ausbildung. Also studierte er Jura, fand Gefallen an der gelehrten Welt und hätte gern den Concours für den diplomatischen Dienst gemacht.
Aber Nadel und Faden waren stärker. Er bewarb sich mit eigenen Kreationen an Modepreisen wie dem Prix Bolero und nähte für sich und für Freunde. Der Kühlschrank musste trotzdem gefüllt sein, also arbeitete er Teilzeit als Jurist für die Aids-Hilfe Schweiz, engagierte sich als Lobbyist bei Network Gay Leadership und machte nebenbei einen Schnittmusterkurs. Zeitweilig führten er und sein Partner das Gewandhaus Bern.
Beständige Businessidee
Ständig fragte man den stets gut gekleideten Bachmann als Styleberater an – und ihm wurde klar, dass der einzig richtige Weg jener des klassischen Herrenausstatters ist. «Anfänglich liess ich in Bangkok auf Mass nähen», erinnert sich der heute 53-Jährige, «aber die Qualität reichte mir bald nicht mehr.» Auf einer neunmonatigen Weltreise formierte sich die finale Businessidee; seit 2014 zieht er nun die Männer an.
Seine Kunden sind Liebhaber der klassisch eleganten Mode – Connaisseure, Kenner eben. 80 Prozent der Produktion entfallen heute auf Hochzeitsanzüge. «Anzüge fürs Leben sind das», erklärt Bachmann. «Bei mir wird keiner zum Prinzen oder Zirkusdirektor ausstaffiert.»

Die Grundgarderobe
Bleibt die Frage, was Mann zum Sakko braucht. Auch da hilft Kenner: Hemden in Masskonfektion, Hosen, Accessoires. Günstig ist das nicht, auch die Stoffe sind im Preis stark gestiegen. Mann sollte mit einem Stück beginnen und Hosen und Hemden so assortieren, dass sich die Hemden auch mit Jeans und die Hosen mit T-Shirts oder Rollkragenpullis kombinieren lassen.
So entsteht nach und nach eine veritable Grundgarderobe, mit der man jederzeit richtig gut gekleidet ist – on- und offline. Über Modetrends diskutiert Bachmann nicht; sie sind ihm zu flüchtig. Seine Anfertigungen überdauern jede Konjunktur.
Oben ohne
Ein Kleidungsstück aber hat sich aus dem täglichen Leben verabschiedet: die Krawatte. «Viele sehen in ihr ein Zeichen des Patriarchats», bedauert Bachmann. «Sie lehnen sie ab – obschon sie das einzige Kleidungsstück wäre, mit dem man sich von den anderen Uniformierten abheben könnte.» Ihren Abgesang feierte die Krawatte still, als eine Privatbank verkündete, man könne künftig auf sie verzichten.
Modebewussten empfiehlt der Stilberater bedingungslose Individualität – mit einer Krawatte oder etwa einem Schal, sommers wie winters. Und es gibt immer noch das «Pochetli», um Stil zu zeigen. Fazit: Es gibt kein Modediktat, keine Trends, die man mitmachen muss. Es gibt nur Stilbewusstsein – und wer das nicht hat, darf sich ungeniert an einen Stilberater wie Dominik Bachmann wenden. Er zieht die Männer einfach gut an. Und mehr wollen wir (Frauen) ja gar nicht. knnr.ch
Dieser Artikel erschien im Juni 2023 in der Ausgabe MEN 1/23.


