Plädoyer für den Hut

Es gab Zeiten, da war der Hut mehr als eine profane Kopfbedeckung. Einmal abgenommen, signalisierte man damit Respekt, Höflichkeit oder einen Gruss – und wie man ihn trug, war Ausdruck des gesellschaftlichen Ranges. Arbeiter schoben Kappe oder Hut lässig in den Nacken; der Trilby stand für die einfachen Leute, während der Fedora von der herrschenden Klasse getragen wurde. Je distinguierter der Mann, desto waagrechter sass der Hut; schräg und leicht verwegen getragen, signalisierte er dagegen einen rebellischen Zug.

Codes

Anfang der 1980er-Jahre rutschte der Hut endgültig aus der Mode – zumindest in unseren Breitengraden. Ein Mann mit Hut konnte nur noch ein ewiggestriger Reaktionär sein, «oben ohne» galt als cool. Nur ein paar Originale und Showstars trauten sich noch unter die Krempe. Lebendig ist die Tradition heute fast nur noch im geschlossenen Kreis der Pferderennen von Ascot, wo strenge Kleiderregeln herrschen. Der Streetstyle hat mit der Cap übernommen und eigene Codes gesetzt. Die Redewendungen aber sind geblieben: «Hut ab» sagt man noch immer, wenn man jemanden bewundert – und genau das möchte man Julian Huber sagen, der die Hutwerkstatt Risa im aargauischen Hägglingen vor dem drohenden Aus bewahrt hat.

Familienmanufaktur

Julian Huber führt die Hutwerkstatt Risa in Hägglingen und hat sie vor dem Aus bewahrt. Foto: Risa
Julian Huber führt die Hutwerkstatt Risa in Hägglingen und hat sie vor dem Aus bewahrt. Foto: Risa

Treffpunkt ist im hintersten Aargauer Mittelland, am Rand des rund 2200-Seelen-Dorfs Hägglingen. Hier sitzt Risa seit jeher. Gegründet 1929, fertigte die alte Manufaktur M. Geissmann & Co – benannt nach ihrem Gründer Marin Geissmann – zunächst Strohhüte; der Rohstoff war im Freiamt reichlich vorhanden, wovon noch heute das sehenswerte Strohmuseum in Wohlen zeugt (strohmuseum.ch). In den 1990er-Jahren übernahm Julians Grossvater Josef Sax die Manufaktur gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Richner, taufte sie Risa – aus Ri-chner und Sa-x – und richtete sie auf Herrenhüte aus. In der Fabrik des Grossvaters jobbte Julian immer wieder, während er Polymechaniker lernte; so kann er heute die Maschinen reparieren, von denen einige noch aus den Anfängen stammen.

Mut zum Hut

«Mich hat das Handwerk schon immer fasziniert, ebenso die alten Traditionen», sagt Julian, der auch in der Guggenmusik mitspielt und im Turnverein seines Heimatdorfs aktiv ist. 2010 wagt er mit gerade einmal 21 Jahren den Sprung und übernimmt – mit Unterstützung seiner Mutter Gabi – den Betrieb; dank der Familienbande lässt sich die finanzielle Seite regeln. Bereut hat er es keine Sekunde, auch wenn es viel Enthusiasmus braucht und die Zeiten nicht immer einfach waren – erst Corona, jetzt die knappen Rohstoffe. Während wir reden, formt er fachmännisch einen Filzhut auf der Dampfpresse, begutachtet die Näharbeit einer Strohhut-Modistin und zeigt hölzerne Hutformen, die noch aus den Anfängen der Manufaktur stammen.

Handwerk

Kosmopolit: Fedora «Traveller Great Grosgrain» aus Wollfilz, auf Bestellung. Foto: Risa
Kosmopolit: Fedora «Traveller Great Grosgrain» aus Wollfilz, auf Bestellung. Foto: Risa

Julian geht behutsam vor: Er will den Hut nicht neu erfinden, sondern ihn wieder salon- und strassentauglich machen – Kopf für Kopf. Zum 100-Jahr-Jubiläum von Risa liess er ein aufwändiges Buch produzieren, mit Porträts von Hutträgern, Wegbegleitern sowie ehemaligen und heutigen Mitarbeitenden, die alle stolz sind, Risa die Treue gehalten zu haben. Darunter finden sich auch bekannte Gesichter: der Designer Adrian Daher, der Musiker und Produzent Dodo oder Dominik Bachmann, Inhaber des Herrenausstatters Krenner in Münchenstein und glühender Verfechter des Hutes.

«Der Hut definiert eine Zugehörigkeit zu einer stilbewussten Gruppe. Und man kann mit ihm seinen Ausdruck bestimmen, sich neu erschaffen.» – Julian Huber

Hutprobe

Mehr als jede Überredung überzeugt eine Anprobe. Risa-Hüte gibt es bei Loeb in Bern und bei Oxblood in Zürich, wo die Marke auch einen winzigen eigenen Laden führt, sowie ab Werk. Seine Kollektionen entwirft Julian zusammen mit seiner Schwester Valeria und dem befreundeten Designer Charly Hänni: vom Regenhut für Strassenarbeiter über die Melone für eine Fasnachtsclique bis zur Hochzeitscapeline und Trendmodellen in Zusammenarbeit mit dem Stylisten Sandro Marzo. Julians Rat zum Schluss: «Der Hut muss so gut sitzen wie die Lieblingsjeans!»

Dieser Artikel erschien im November 2022 in der Ausgabe MEN 2/22.

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