Nomade mit Kamera

Der Mann, der mir gegenübersitzt, wirkt nicht so, als hätte er alle Gräuel dieser Welt gesehen. Dominic Nahr spricht mit unaufgeregter, halblauter Stimme und erscheint tief entspannt – ein Mensch, der in sich ruht. Sein hellwacher, intensiver Blick aber signalisiert, dass dem 38-Jährigen wenig entgeht. Nahr ist Preisträger eines World Press Photo Awards sowie des Swiss Press Photo Awards; seine Arbeiten erschienen in «Time», «National Geographic», «The New Yorker», «The Wall Street Journal», «Stern» und «Spiegel». Er ist Gründungsmitglied der Agentur MAPS und arbeitet seit Ende 2021 teilzeit in der Bildredaktion der NZZ; auch in der Ukraine war er im Einsatz.

Nahr ist Kosmopolit. Der gebürtige Appenzeller verbrachte seine Kindheit in Hongkong, studierte in Kanada und lebte danach rund 15 Jahre als Nomade – immer dort, wohin ihn die Geschichten zogen, die er erzählen wollte: Ost-Timor, Somalia, Sudan, Kongo, Irak, Haiti, um nur einige zu nennen. Selten Orte, an denen man Ferien macht. Mit einer Kraft, deren Quelle sich ihm selbst nicht ganz erschliesst, zieht es ihn an die Orte der grossen politischen, ökologischen und menschlichen Dramen. Er fühlt sich berufen, Krisen für die Nachwelt zu dokumentieren.

Aus den Krisengebieten der Welt: eine Aufnahme von Dominic Nahr.
Aus den Krisengebieten der Welt: eine Aufnahme von Dominic Nahr.

«Ich mache keine Bilder, die den Krieg beenden, das ist mir klar», sagt er. «Aber ich mache Bilder, damit man den Krieg nicht vergisst.» Nahr ist nicht naiv genug zu glauben, er könne mit Fotos unmittelbar den Lauf der Welt ändern. Geschichte wird fast immer erst mit Jahren Abstand verarbeitet und im besten Fall verstanden – hier entfalten seine Bilder als Zeitdokumente ihre Wirkung.

Absoluter Fokus

Nahr dokumentiert Konflikte für die Nachwelt – damit man sie nicht vergisst.
Nahr dokumentiert Konflikte für die Nachwelt – damit man sie nicht vergisst.

Sobald sich Nahr hinter der Kamera befindet, gibt es weder ein Gestern noch ein Morgen – nur den jetzigen Augenblick und die Geschichte, die er erzählen soll. «Wenn ich fotografiere, bin ich vollständig im Moment. Ich denke keine Sekunde an meine Karriere. Ich mache Bilder, weil mich die Geschichten interessieren.» Und obwohl seine Fotos in Krisengebieten entstehen, sind längst nicht alle furchteinflössend: «Auch in den Grauzonen des Krieges findet man Schönheit, wenn man sie sehen kann.» Tatsächlich berühren viele seiner Bilder durch ihre feinfühlige Ästhetik – ohne je beschönigend zu wirken.

Nahr ist Botschafter von Leica – der erste aus der Schweiz. Spricht er über das deutsche Unternehmen, wird klar, dass seine Beziehung zur ikonischen Marke weit über jene eines Profis zu seinem Ausrüster hinausgeht: «Die Fotografie in Krisengebieten ist ein einsames und belastendes Geschäft. Es gibt mir grossen Rückhalt zu wissen, dass die Leica-Familie für mich da ist und an mich glaubt – schon lange, bevor meine Karriere überhaupt eine war.» Als Zeichen seiner Verbundenheit gibt er an der Leica-Akademie Kurse für passionierte Hobbyfotografen, die ihre Technik verbessern und ihren Blick für die Geschichten des Lebens schärfen wollen.

Dieser Artikel erschien im Mai 2022 in der Ausgabe MEN 1/22.

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