Fredy Wiederkehr

Wir stapfen durchs Unterholz, vorbei an einem Gedenkstein. Hier explodierte am 20. Februar 1879 eine Ladung Dynamit und tötete zwei Steinhauer, eine Mutter und vier Kinder. Der alte Steinbruch ist heute ein Revier voller Mysterien, Abenteuer und Funde – römische Münzen wurden hier entdeckt, und der Mägenwiler Muschelsandstein diente im 17. Jahrhundert dem Wiederaufbau von Schloss Stein bei Baden. «Meine halbe Jugend habe ich hier verbracht», sagt Fredy Wiederkehr, 68. «Wir spielten im Steinbruch, sangen, kochten und übernachteten manchmal sogar hier.»

Solche Erlebnisse beflügelten seine Fantasie. Als Scharleiter der Jungwacht dachte er sich spannende Geschichten für Geländespiele aus: An jedem Posten mussten Botschaften entschlüsselt und Spuren verfolgt werden – ohne Cleverness und Teamgeist kam man nicht weiter.

Dann kam der Ernst des Lebens. Wiederkehr beendete die Schule, studierte Betriebswirtschaft, arbeitete in der Gemeindeverwaltung von Diemtigen BE und wurde Chef der Wirtschaftsförderung Berner Oberland. Sicherer Job, leitende Funktion: Mit Mitte vierzig hatte er beruflich alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Doch irgendwie war etwas auf der Strecke geblieben. Erfüllender war sein Hobby: In der Freizeit organisierte er Geländespiele für Kindergeburtstage, sogar für Polterabende. War es nicht das Leuchten in den Augen der Spielenden, wenn sie seine Rätsel lösten und ihm, dem schlauen Fuchs, auf die Schliche kamen?

Midlife-Crisis oder nicht – 2001 wagte Wiederkehr den Sprung ins kalte Wasser. Unter dem Namen «Foxtrail» entwickelte er Schnitzeljagden für Erwachsene, mit dem Ziel, spielerisch die Schätze einer Stadt oder Region zu erkunden. Zuerst nahm ihn kaum jemand ernst, doch das Pilotprojekt am Thunersee war ein Volltreffer. Bald gab es Parcours in Luzern, St. Gallen, Basel, Bern, Lausanne und Lugano, später auch im Ausland – in Helsinki, Berlin, Rom oder Paris.

Das Fährtenlegen wurde zum Fulltime-Job. Zur Entspannung sang er als Bass in einem Konzertchor – und lernte dort seine zweite Lebenspartnerin kennen, eine Berner Sopranistin. Kurz vor der Pensionierung, als jährlich Hunderttausende seine Parcours absolvierten, entschloss er sich spontan zum Verkauf seines Lebenswerks. Wie es weitergehen sollte? «Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich habe darauf vertraut, dass sich etwas Neues ergibt.»

Und tatsächlich: Kurz darauf bot sich die Gelegenheit, ein altes Weingut im Piemont zu kaufen – samt Gästehaus und vier Hektaren Umschwung. Wiederkehr sagte sofort Ja, und statt in den Ruhestand stürzte er sich ins nächste Abenteuer: Das Boutiquehotel Villa Giannino in Acqui Terme wurde zu seiner neuen Spielwiese.

Der Schalk ist ihm bis heute nicht abhandengekommen. Für ein Gästepaar organisierte er ein Hochzeitsfest, bei dem die Frau nicht wusste, dass am Ende sie selbst die Braut sein würde. Zuerst gab es einen Rätselparcours, dann erschien plötzlich ihr Partner im Bräutigam-Anzug auf dem Balkon, ein Pfarrer wartete, eine Kapelle spielte – und per Drohne kamen die Trauringe geflogen. Aus seinem Versteck schmunzelte derweil Fuchs Fredy über den gelungenen Streich.

Dieser Artikel erschien im Juni 2023 in der Ausgabe MEN 1/23.

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