Gian Gilli

«OYM» steht für «On Your Marks» und markiert den Augenblick vor dem Startschuss, in dem sich Topathleten auf ihren Exploit konzentrieren. «Sport ist pure Leidenschaft und war immer der Mittelpunkt meines Lebens», sagt Gian Gilli. Heute präsidiert er eine Stiftung, die junge Athleten unterstützt, damit sie im OYM in Cham ZG trainieren können – seine Art, dem Sport, der ihm so viel bedeutet, etwas zurückzugeben.

Gilli wuchs als Bauernbub in Zuoz GR im Oberengadin auf. Nach dem Sportstudium an der Uni Bern unterrichtete er als Sportlehrer und gehörte zugleich zu den besten Schweizer Skilangläufern. Karriere machte er aber abseits der Loipe, als Sportmanager: ab 1988 Langlauf-Nationaltrainer, ab 1999 CEO der alpinen Ski-WM 2003 in St. Moritz, von 2006 bis 2009 Chef Leistungssport bei Swiss-Ski, OK-Präsident der Eishockey-WM 2009 in Bern und Kloten, als Chef de Mission bei Swiss Olympic an den Spielen in Vancouver (2010), London (2012) und Sotschi (2014). 2020 übernahm er die Projektleitung der Eishockey-WM, die der Corona-Pandemie zum Opfer fiel.

Gilli wechselte von einer Topposition zur nächsten, immer in Bewegung, immer auf Erfolgskurs. Dabei beobachtete er viele High-Performer und fragte sich stets, was sie antreibt und welchen Weg sie gehen. Seit 2020 ist er selbständig als Motivations-Speaker unterwegs, zum Thema Leistungsentwicklung in Sport und Beruf. Er teilt sein Wissen darüber, wie man sein Potenzial ausschöpft, ohne auszubrennen. «Sportler bewegen sich immer im höchsten Drehzahlbereich», sagt er, «Erholung ist entscheidend, um auf Dauer leistungsfähig zu bleiben.»

Eine zufällige Begegnung führte 2021 zu einer Wende in Gillis Leben. Ein Freund aus alten Tagen erzählte ihm, er suche gerade einen neuen Hirten auf der Alp Timun im Val Chamuera. Gilli zögerte nicht lange: «Ich wollte das unbedingt ausprobieren – so etwas muss man machen, solange man noch kann.» Seine Frau Christina, eine ehemalige Langläuferin und mehrfache Schweizer Meisterin, die er seit dem Sportstudium kennt und mit der er drei erwachsene Töchter hat, gab grünes Licht. Geplant war ein einziger Sommer auf der Alp – jetzt sind es schon drei.

Hoch oben, auf 2300 Metern über Meer, verbringt Gilli vier Monate des Jahres in totaler Ruhe und Abgeschiedenheit. «Man ist täglich stundenlang allein unterwegs, ohne einer Menschenseele zu begegnen – da hat man viel Zeit zum Nachdenken.» Das einfache Leben im Einklang mit der Natur sei eine Kombination, die süchtig mache: «Endorphine, Glückshormone, sind hier in Hülle und Fülle vorhanden.» Sicher, er habe sich auch früher Auszeiten gegönnt – aber erst hier, ganz ohne Handy, Computer oder Fernseher, sei ihm bewusst geworden, wie wenig man zum Glücklichsein braucht.

Seine einzige Aufgabe auf der Alp ist es, die 300 Mutterkühe und ihre Kälber zu beaufsichtigen, die weit verstreut auf über 1000 Hektaren am Steilhang grasen. «Morgens gehst du manchmal eine Stunde, bis du der ersten Kuh begegnest», sagt Gilli. Das führe ganz nebenbei zu ungeahnten Höchstleistungen. «Auf der Alp absolviere ich täglich 700 Höhenmeter», bilanziert er stolz, «das ist sieben Mal auf den Mount Everest pro Saison – und zwar vom Meeresspiegel aus!»

Was ist der Schlüssel zum Erfolg im zweiten Lebensabschnitt? Gilli: «Man muss offen bleiben, auf die innere Stimme hören und den Mut haben, neue Wege zu beschreiten, wenn sich die Gelegenheit ergibt.»

Dieser Artikel erschien im November 2023 in der Ausgabe MEN 2/23.

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