
Diesen Juli ist er siebzig geworden. «So, jetzt bist du alt», habe er gedacht – zum ersten Mal sei ihm bewusst geworden, dass es nicht ewig so weitergeht. «Man verliert Menschen, die einem nahestehen, manchmal sogar jüngere als ich.» Doch die Sorgen verflogen schnell. «Du bist besser dran, wenn du jeden Tag geniesst, so lange es geht», sagt Kistler, «man hat ja gar keine andere Wahl.»
Fliegen war schon immer seine Leidenschaft: Als Kind faltete er Papierflieger, als Teenager baute er Modellflugzeuge. Seinen beruflichen Take-off hatte er 1978 als Fluglehrer in Basel. Zwei Jahre später war er Co-Pilot, bald darauf Kapitän bei der Crossair. 1987 wurde er zum Leiter des Flugbetriebs einer UNO-Mission im Nahen Osten berufen, 1991 kam er als Chefpilot zur Edelweiss Air; von 2002 bis 2014 war er zusätzlich CEO der Fluggesellschaft. Sein letzter Flug war im April 2017 der Rückflug von den Malediven im Cockpit eines Airbus A330 – die sanfte, aber endgültige Landung unter seine knapp 40-jährige Fliegerkarriere.
«Im Nachhinein frage ich mich, wie ich das alles zeitlich unter einen Hut gebracht habe – es gab Phasen mit 220 Flugstunden im Monat», erzählt Kistler. Dass ihn der Rücken bis heute zwickt, wundert ihn nicht. Wer so wenig schläft, weil ihm zu viel im Kopf herumgeht, braucht ein Ventil. In jüngeren Jahren war das der Ausdauerlauf: «Ich nahm mir einen Lauf pro Monat vor, zweimal absolvierte ich den Zürich-Marathon.» Als er einmal dehydriert von einem Rückflug aus Marokko kam und wegen einer Nierenkolik notlanden musste, wurde ihm klar, dass er besser auf seinen Körper achten sollte.
Da erinnerte er sich an seine Modellbaukits von damals. Die rettende Idee: in der Pensionierung wieder ein Flugzeug bauen – diesmal im Massstab 1:1. Es wurde ein Van’s RV-10, Marke Eigenbau. Am 1. Juli 2020 war es um acht Uhr so weit: Erstflug. «Was für ein fantastisches Erlebnis, mit den eigenen Händen ein Flugzeug zu erschaffen, in das man einsteigen und davonfliegen kann!» Und damit nicht genug: Auch im Simulator hebt er regelmässig ab – gemeinsam mit der Edelweiss-Crew, mit der er noch heute zu tun hat.
«Auch ein Hobby?» – diese Frage stellt Charly heute jedem, der staunt, dass er nicht einfach «in Rente» geht. «Die Füsse hochlegen, das kommt für mich nicht in Frage.» Sein Lebensmotto klingt zum Schluss fast beiläufig: «Wenn du begriffen hast, dass du im Leben dein eigener Chef bist, dann kommt die Lebensfreude ganz von selbst.»
Dieser Artikel erschien im November 2022 in der Ausgabe MEN 2/22.


