
Konzentriert reiht er Wagen um Wagen auf der Schiene aneinander, dann hängt er die Lok an. Kelle hoch, ein Pfiff – und los gehts! Nein, hier spielt kein Bub, sondern ein Mann. Seltsam? Keineswegs. Wer früher als Mann eine Modelleisenbahn hatte, galt in den Augen der Frauen oft als Freak. Erzählst du heute beim ersten Date von deinem Bähnler-Hobby, heisst es: Wow, bist du kreativ! Männer brauchen keine klassischen «Männerspielzeuge» mehr, um attraktiv zu sein. Sportautos und Motorräder können in der Garage bleiben, teure Uhren sind auch in der Vitrine schön anzusehen. Zeit, die echten Spielzeuge rauszuholen!
Modelleisenbahnen sind nur der Anfang. Männer wollen mit Drohnen durch die Luft düsen, aus zehntausend Lego-Teilen die eigene Titanic bauen oder mit einem ferngesteuerten Auto mit Verbrennungsmotor herumkurven. Männer mögen Maschinen. Das hat auch die Spielzeugindustrie erkannt und uns zur kaufkräftigen Zielgruppe deklariert. «Das Geschäft mit Spielzeugen für Erwachsene lohnt sich – vor allem bei Männern», bestätigt Dino Savarè, administrativer Mitarbeiter bei Franz Carl Weber.
Besonders beliebt seien Exklusivprodukte von Lego wie die Concorde oder das NASA-Spaceshuttle «Discovery». Auf der Verpackung steht dann «Ab 18». Warum? «Die Anleitungen sind oft komplex», erklärt der Spielexperte. Über alle Altersgruppen gefragt sind auch die Modellbausets der Kultmarke Revell – stundenlanges Basteln und Kleben entspannt die Männerseele. Modelleisenbahnen kaufen vor allem die Ü-40er, weiss Savarè: «Wohl weil die Kaufkraft höher ist als bei den Jüngeren.» Schluss also mit den Zeiten, als man mit schlechtem Gewissen zur Kasse des Spielzeuggeschäfts schleichen musste.
Die Erfüllung des Kindheitstraums
Aber warum spielen wir Männer so gern? Eine nicht ganz ernst gemeinte Erklärung liefert der deutsche Journalist Nicol Ljubic in seiner Kolumne «Die Geheimnisse der Männer»: Männer, die mit Modelleisenbahnen spielen, möchten sich ihr eigenes Paradies erschaffen – und dabei ein klein wenig Gott spielen. Die österreichische Psychologin Patricia Göttersdorfer geht das Thema differenzierter an: Viele Männer erfüllten sich mit teuren Spielsachen eigene Kinderträume. «Das ist die Autorennbahn, die man immer wollte, aber nie bekam. Jetzt ist man gross – und kauft sie beim ersten Anlass.» Oder beim ersten Kind: Während die werdenden Mütter Windeln und Bettchen besorgen, holen die angehenden Väter für den noch ungeborenen Sohn das Spielzeug, für das der Bub noch zu klein, der Papi aber gross genug ist.

Ein evolutionäres Modell erklärt den Spieltrieb anders: Traditionell lernen Männer auf spielerische Weise Verhaltensweisen, die als typisch für ihre Geschlechterrolle gelten – etwa Kampf und Jagd. Im Lauf der Evolution wurden diese in den sportlichen und beruflichen Konkurrenzkampf verlagert, der Spieltrieb blieb. Göttersdorfer bezeichnet Spielen denn auch als Teil einer «männlichen Überlebenstätigkeit». Und: Frauen spielten Leben, Männer spielten Spiele – die Damen hätten kein Bedürfnis mehr nach Puppen, weil sie ja Kinder haben, um die sie sich kümmern. Wie auch immer: Spielen ist gut fürs Gehirn. Laut Studien verbindet es Netzwerke, die sonst nicht verknüpft wären, und hält gerade im Alter das Gedächtnis fit.
Vormarsch der «Kidults»
Spielen hat mit Lebenslust und Lebensfreude zu tun, sind sich Psychologen und Philosophen einig. Sogenannte «Kidults» sind Menschen, die ihre Leidenschaft für Spielzeug bewahrt oder wiederentdeckt haben. Die Ethnologin Dr. Karin Falkenberg hat in einer Studie die Emotionsebene der Spielenden analysiert und herausgefunden, dass «Flow-Erlebnisse» besonders wichtig sind: jenes möglichst lang anhaltende, tranceähnliche Glücksgefühl, das bei der Vertiefung in eine Spielsituation entsteht – und zum Ausstoss von Adrenalin führt.
Eine besondere Gruppe der «Kidults» sind die Sammler: Auf Flohmärkten oder Internetbörsen kaufen sie Stofftiere, Modellautos oder Figuren, mit denen sie als Kind gern gespielt haben und die ihnen über die Jahre abhandenkamen. «Diesen Verlust versuchen sie auszugleichen, kaufen sich etwas Ähnliches – und sind wieder in einem Flow, in einem Rausch», erklärt Falkenberg. «Manche sagen auch: Ich will nie erwachsen werden. Ich will mir das Kindliche in mir bewahren.» Die Abgrenzung zwischen Kindern und Erwachsenen ist ohnehin nicht mehr klar: Niemand wundert sich heute über einen 60-Jährigen mit cooler Sonnenbrille und Sneakers. Es ist völlig in Ordnung, ein Kidult zu sein – gerade für Männer, wie schon Nietzsche im 19. Jahrhundert wusste: «Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen.»
Beliebte Spielzeuge der Männer

Einmal Pilot sein – mit der Drohne
Mit der Drohne geht ein Kindheitstraum in Erfüllung: einmal Pilot sein! Drohnen sind das Männerspielzeug der Gegenwart – weltweit werden über 300 000 Hobby-Drohnen pro Monat verkauft. Eine Mini-Drohne gibt es ab rund 20 Franken, aber auch für 15 000 Franken. The sky is the limit.
Den Flow finden – mit Lego
Kraft tanken, abschalten, den Flow finden: Dafür gibt es Lego für Erwachsene, heisst es beim Hersteller. Von Weltwundern über Luxusautos bis zu Popikonen findet sich alles, was das erwachsene Lego-Herz begehrt – auch die Titanic mit 9000 Teilen zum stolzen Preis von 700 Franken.
Investieren – mit der Modelleisenbahn

Der Klassiker unter den Männerspielzeugen ist die Modelleisenbahn – ein eher teures Hobby. Eine Lok wie das berühmte «Krokodil» für rund 500 Franken ist nur der Anfang. Das komplexe System einer Anlage und originalgetreue Details von Städten und Landschaften gehen ins Geld. Je nach Ausbaustufe kostet eine Anlage gut und gern 15 000 Franken.
Austoben mit ferngesteuerten Autos
Die Welt der ferngesteuerten Autos ist gross – vom Flitzer im Taschenformat bis zum 120 km/h schnellen Geschoss mit Verbrennungsmotor. Beliebt sind vor allem Modelle, die man selbst zusammenbaut: Da weiss man bei Reparaturen gleich, was Sache ist. Wer richtig Gas geben will, findet etwa mit dem Race Palace in Oberaach bei Amriswil eine Indoor-Anlage zum Austoben. race-palace.ch
Dieser Artikel erschien im November 2023 in der Ausgabe MEN 2/23.


