
In der Bar sitzen die Gäste unter Austern. Die gigantischen Deckenlampen sind keine Meerestiere, sondern in ihrer Form der Landschaft des Juras nachempfunden. Staunend durchqueren wir die Bar und setzen uns in den spätsommerlichen Schatten draussen, wo Sonnenstrahlen durch die Latten der Holzfassade fallen und auf dem Boden ein schönes Licht-Schatten-Spiel tanzt. Die Idylle des Hôtel des Horlogers in Le Brassus VD wird einzig vom Verkehr der Strasse gestört. Bei Clubsandwiches und Willkommensdrinks stimmen wir uns auf den Aufenthalt ein.
Kleines grosses Hotel
Zuvor hatten wir eine Führung durch das Viersternehotel erhalten. «Was ist Ihnen als Erstes aufgefallen?», fragt der gut gelaunte General Manager André Chemisade. An seinem Handgelenk funkelt eine Audemars Piguet – sie sollte die einzige sichtbare Uhr im Hotel bleiben. In der Lobby ziert ein Baumstamm die Decke, die geschwungene Holzfassade des Empfangs ist eine Augenweide, und in der Lounge stehen Bücher zu sämtlichen Uhrenmarken der Welt. «Den meisten Gästen fällt die kleine Hotelfront auf», sagt Chemisade. «Niemand glaubt, dass wir hier 50 Zimmer haben.» Tatsächlich sieht man der Fassade das nicht an: Die dänische Bjarke Ingels Group (BIG) und das Lausanner Büro CCHE haben die Zimmer in den Hang gebaut – statt Treppen gibt es lange, abfallende Gänge. Eröffnet wurde im Juni 2022; ab 270 Franken schläft man im Doppelzimmer inklusive Frühstück, eine 38 Quadratmeter grosse Suite kostet 475 Franken.

Natürliche Materialien
Verbaut wurden ausschliesslich natürliche Materialien – sogar der Kleber, mit dem die Teppiche befestigt sind, ist biologisch. Die Luft sei sauberer als draussen, obwohl man sich im Vallée de Joux befinde; während des Baus seien den Mitarbeitenden sogar Parfums untersagt gewesen, um das optimale Raumklima nicht zu gefährden, erinnert sich Chemisade. Die Gäste logieren in Minergie-Eco-zertifizierten «Nestern», jedes unter einem Baum. Geschätzt wird der Ort übrigens nicht erst seit dem Neubau: Schon 1857 stand hier das Hôtel de France; es brannte ab und wurde wieder aufgebaut. 2002 erwarb Audemars Piguet das Haus und taufte es auf seinen heutigen Namen.
Befreiende Weitsicht

Die Tour führt weiter durch die Zimmer, deren raumhohe Fenster den Blick über die Hänge bis nach Frankreich freigeben. Hinter der Holzfassade verbergen sich private Terrassen, auf manchen sogar ein Outdoor-Whirlpool. Alles ist auf Ruhe und Aussicht ausgelegt – kein Wunder, sucht man hier Hektik ebenso vergebens wie Uhren.
Schwankende Küchenleistung
Das Menü des Restaurants Gogant hat der Dreisterne-Koch Emmanuel Renaut kreiert; gekocht wird mit lokalem Bezug. Die Leistung freilich schwankt: Manches überzeugt, anderes weniger. Tadellos dagegen das Frühstück mit hausgemachtem Birchermüesli. Unter dem Strich aber bleibt ein stimmiges Bild – ein Hotel mit klarer Handschrift, in dem die Zeit tatsächlich stillzustehen scheint. Genau das wollten die Erbauer: ein zeitloses Refugium mitten im Tal der Uhrmacher.
Dieser Artikel erschien im November 2022 in der Ausgabe MEN 2/22.


