
Das federleichte Feriengefühl fängt bereits in der Innenstadt von Vevey an: Ein Akkordeonspieler gibt französische Chansons zum Besten und entzückt damit nicht nur uns Touristinnen. Wir spazieren Richtung Wasser und unserem Hotel: Das Grand Hôtel du Lac liegt direkt am Genfersee.
Dort beziehen wir eine Junior Suite im dritten Stock. Meine Begleiterin, die zum zweiten Mal in ihrem Leben in einem Luxushotel nächtigt, bricht in Begeisterung aus. Das Eckzimmer hat besonders viel Licht und direkte Sicht auf den See. Wir öffnen die Balkontüre, und eine Brise zerzaust uns die Haare. Im Hafen schaukeln Boote, Möwen tummeln sich bei den Enten. Stünden anstelle der Kastanienbäume Palmen, wäre es wie am Meer. Wir blicken nach Frankreich hinüber und bekommen Lust auf ein Glas Wein.
Wolken und Waadt
Bevor es ins Apéro geht, bekommen wir eine Führung vom Sales Manager Maxime Hops durch das 155-jährige Grand Hôtel. Das Erdgeschoss ist in drei Stilen eingerichtet: eine orientalische Lounge, ein elegantes Restaurant und eine asiatisch-japanische Bar. 2006 wurde renoviert, und die Inneneinrichtung trägt die Handschrift des französischen Architekten Pierre-Yves Rochon. Auf dem gleichen Boden befindet sich das Gourmetrestaurant Emotions par Guy Ravet, in dem wir am Abend Platz nehmen werden.
Der denkmalgeschützte Salle Viennoise mit Stuckaturen, wolkigen Deckenbemalungen und Kronleuchtern ist leer, geheiratet wird später im Jahr. «Wir haben eine Geheimtüre in unsere Küche», sagt Maxime Hops und hantiert kurz unter dem Spiegel, den er mit einem kleinen Trick und ohne viel Aufwand aufzieht. Tatsächlich treten wir in die Küche ein, wo zwei Köche im Gespräch sind. Der Chef Guy Ravet hat letztes Jahr hier die Küchenleitung übernommen, vorher sorgte er in der Ermitage in der Waadt mit seinem mittlerweile pensionierten Vater für Furore.

Charlie Chaplin und Champagner
Die Zimmer des Relais-&-Châteaux-Hotels befinden sich auf drei Stöcken. Ganz früher schliefen Gäste auch im Erdgeschoss, diese Zimmer sind den Aufenthaltsräumen gewichen. Im dritten Stock befinden sich die Suiten. Maxime Hops schliesst die Suite Léman auf, die mit 110 Quadratmetern eine veritable Wohnung ist.
Die Duplex Suite ist für Familien gedacht und erstreckt sich über zwei Stockwerke. Wir blicken von weiter oben auf den Hafen und bemerken: Draussen bahnt sich ein spektakulärer Sonnenuntergang an. Eigentlich hätte heute der Himmel strahlend blau sein sollen. Glücklicherweise hatte die Wetter-App nicht recht, die Wolken reflektieren die letzten Sonnenstrahlen in gold-gelber Farbe.
Nach der Führung machen wir uns fein. Immer wieder müssen wir pausieren und uns auf den Balkon setzen, um das Abendrot zu bestaunen. Das Farbenspiel spiegelt sich auf der Wasseroberfläche. Fast hätten wir uns dabei vergessen, aber langsam kommt Appetit auf. Wir setzen uns in die vollbesetzte Bar. Im Restaurant sind Gäste beim Abendessen, als die Pianistin das Spiel aufnimmt und mit ihrer Stimme die historischen Räume füllt. Wir können uns gut vorstellen, wie früher hier in der Bar Charlie Chaplin – einer der berühmten Hotelgäste – Platz genommen hat. Was er damals wohl bestellt hat? Wohl keinen Tee, auch wenn er gebürtiger Brite war.
Knollensellerie und Kaviar

Im Fine-Dining-Lokal sind alle Tische besetzt. 25 Personen verwöhnt das Team von Guy Ravet pro Abend. Ein Menü in sechs Gängen steht auf der Karte, mit der Option auf einen Käsegang. Der Sommelier empfiehlt uns eine Schweizer Weinreise, die wir gespannt annehmen. Gemütlich wird Gang um Gang aufgetragen. Die Begleiterin liebt das Gericht mit den Jakobsmuscheln, die von Fenchel und Randensud begleitet werden. Für mich ist das Millefeuille mit Knollensellerie an einer Gemüsesauce und Kaviar herausragend.
Nach dem Hauptgang – Wagyu mit schwarzem Périgord-Trüffel und Tessiner Polenta mit Mini-Rüebli – dreht der Küchenchef die Runde an den Tischen. «Wie hat es euch gefallen?», fragt Guy Ravet. Natürlich eine rhetorische Frage, die Produkte sind vom Feinsten, alles perfekt inszeniert und klassisch interpretiert. Der Gastroführer Gault Millau hat dem sympathischen Chef 17 Punkte verliehen. Etwas enttäuscht scheint Ravet, dass der französische Guide Michelin ihn noch nicht entdeckt hat. Da er erst seit Mai 2023 hier kocht und von seinem Ruf profitieren kann, dürften die Tester dieses Jahr bestimmt einen Stopp einlegen.
Wir haben uns überessen und fragen, ob wir das Dessert zum spätmöglichsten Zeitpunkt aufs Zimmer bestellen dürften. Wir dürfen. Dort angekommen wechseln wir in gemütliche Kleider und diskutieren in den Sesseln bei einem Absacker. Die Suite ist so geräumig, dass wir uns fragen, ob man darin ein Rad schlagen könnte. Meine Begleiterin – eine fitte Hobbyboxerin – wagt den Test. Tatsächlich schafft sie das ohne Probleme und ohne Berührung des Mobiliars. Wir müssen lachen.
Zu lachen gibt auch das Dessert: Es ist eine gefälschte Mandarine aus Schokolade. Deren Inneres besteht aus Kokosmousse und Maroni-Eis. Von der Arbeit des Patissiers Cyril Sauvan, der bereits seit 14 Jahren hier arbeitet, waren wir schon am Nachmittag beeindruckt: Seine hausgemachte Schokolade und luftigen Macarons haben unser Ankommen versüsst.
Riviera und Room-Service

Zufrieden sinken wir ins Bett, um am nächsten Tag von Sonnenstrahlen geweckt zu werden. Das Licht ist gleissend hell, als wir aus dem Fenster blicken. Die ultimative Frage stellt sich: eine Runde am See entlang joggen oder Room-Service? Die Turnsachen bleiben natürlich unangetastet im Koffer, dafür besuchen wir vor dem Essen das Spa. Dieses ist klitzeklein: ein Hammam mit schönem Mosaik und eine 80-Grad-Sauna. Fürs Fitness müsste man al fresco, denn einen Geräteraum gibt es nicht.
Zurück im Zimmer wird uns zackig das Essen gebracht. Wir wollen der Servicefachfrau keine Arbeit aufhalsen, als sie uns anbietet, den Tisch aufzuklappen. Lustigerweise schaffen wir es dann selber nicht, war ja klar. Bei offener Balkontüre und glitzerndem Seelicht essen wir ein tadelloses Club Sandwich und einen knackigen Caesar Salad. «So, jetzt habe ich aber genug vom Zimmer», meint die Begleiterin. Nichts wie raus an die Riviera, wo sich Tout Vevey promeniert.
* Der Aufenthalt wurde vom Grand Hôtel du Lac Vevey unterstützt.
Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.


