Stilvolle Loge

In Kimonos sitzen wir auf der Terrasse bei Schweizer Schaumwein und trauen unseren Augen kaum: Kursschiffe gleiten auf dem See vorbei, Möwen schaukeln auf den Wellen, ein Riesenrad beim KKL dreht langsam seine Runden, die Berge glühen, das Wasser glitzert, und das Sonnenlicht taucht alles in Gold. Diese Aussicht lässt uns glatt vergessen, dass wir eine Tischreservation haben.

So ziehen wir uns rassig um, obwohl wir im Kimono – der zur Zimmerausstattung zusätzlich zum Bademantel gehört – auch ins Lokal gepasst hätten. Denn wir speisen im japanischen «Minamo». In Abendkleidern huschen wir durch die Bar, in der bei schummrigem Licht Menschen an der Theke und Paare an den Tischen sitzen. Drei Männer erheben sich und folgen uns ins kleine Lokal – mit ihnen werden wir den ganzen Abend verbringen.

Die Sommelière hat uns bereits erwartet. Neben mir sitzt Christian Wildhaber, Hoteldirektor hier im Mandarin Oriental Palace. Lange stand das Haus leer, was eigentlich eine Schande ist, denn die Lage am Vierwaldstättersee ist einzigartig. Den Umbau des Grand Hotels aus dem Jahr 1906 mit 136 Zimmern haben sich die Hausherren aus Hongkong etwas kosten lassen. Dabei ist auch diese japanische Essbar «Minamo» entstanden, an der wir nun sitzen.

Fünf Jahre stand das Grand Hotel von 1906 leer; heute gehört das Belle-Époque-Haus am Vierwaldstättersee zu Mandarin Oriental. Foto: Mandarin Oriental
Fünf Jahre stand das Grand Hotel von 1906 leer; heute gehört das Belle-Époque-Haus am Vierwaldstättersee zu Mandarin Oriental. Foto: Mandarin Oriental

Japanischer Fingerfood

Der Chef Toshiro San ist deutsch-japanischer Herkunft und kann alles auf Deutsch erläutern. Erklärungsbedarf gibt es, Fragen natürlich auch: Wir nehmen an einem Omakase teil, das aus acht Gängen besteht. Omakase heisst übersetzt «Ich überlasse es Ihnen» – der Küchenchef bestimmt das Menü. Zwei Stunden tauchen wir in diese kulinarische Welt ein, begleitet von Designergeschirr und einer Sake-Reise. Nach den Suppen – darunter eine Umami-Bombe von Chawanmushi – folgen mit Mayo marinierter Königsfisch mit einem Klecks Kaviar, Blattgold, Shisoblüten und Szechuanpfeffer. Derweil formt Toshiro San die Nigiri aus zwei Reissorten. Diese essen wir von Hand, denn Maki und Nigiri sind in Japan Fingerfood.

Nach zwei Stunden kulinarischem Wellness treten wir kurz auf die Terrasse. Musik dringt aus den Boxen, das Wetter hat die Menschen noch einmal nach draussen gelockt. Meine Begleiterin hat selbst hier gearbeitet und erinnert sich: Damals stand die Rezeption in der Mitte des Hotels; heute ist sie ans linke Gebäudeende versetzt und vergrössert. Als wir dort ankamen, wurde gerade eine chinesische Reisegruppe eingecheckt – bad timing? Zum Glück ging es speditiv, und man kümmerte sich sofort auch um uns. Den Abend schliessen wir mit einem Schlummertrunk auf unserer Terrasse ab. Im Kimono natürlich. Wir sinken in die Betten und hören Schlafmusik über die kleine, mobile Box auf dem Beistelltisch. Wer so erwachen möchte, ist mit einem Doppelzimmer ab 783 Franken dabei; eine Suite wie unsere kostet 1499 Franken pro Nacht.

Wandelbar: Wo morgens das Frühstücksbuffet steht, werden abends Cocktails serviert – die MOLZN Bar & Brasserie. Foto: Mandarin Oriental
Wandelbar: Wo morgens das Frühstücksbuffet steht, werden abends Cocktails serviert – die MOLZN Bar & Brasserie. Foto: Mandarin Oriental

Spa-Türe bleibt verschlossen

Am Morgen hat sich die Funktion der Räume komplett gewandelt. Wo wir gestern japanisch assen, stehen nun Müesli-Ingredienzien und warme Speisen; die Bar von gestern sieht eher nach Bäckerei und Saftladen aus. Die Viennoiseries duften, die Käseauswahl ist üppig. Da das Essen am Vorabend leicht war, füllen wir genüsslich einen Teller und trinken Grüntee aus der Kanne. Der Morgen beginnt allerdings holprig: Weil ich mir die Spa-Öffnungszeiten falsch gemerkt habe, stehe ich zwei Stunden zu früh vor verschlossener Türe – und habe mich obendrein aus dem Zimmer ausgesperrt. So bleibt mir nur der Gang zur Rezeption, im Kimono, wie auf einem Laufsteg, beäugt von einigen verwunderten Frühstücksgästen. In so einem Kimono schnell zu gehen, ist ohnehin unmöglich – der lange Stoff verhindert grosse Schritte.

30 «Gault Millau»-Punkte im Haus

Denkmalgeschützte Eleganz: das geschwungene Treppenhaus des Palace mit Marmorsäulen und Schachbrettboden. Foto: Mandarin Oriental
Denkmalgeschützte Eleganz: das geschwungene Treppenhaus des Palace mit Marmorsäulen und Schachbrettboden. Foto: Mandarin Oriental

Gegen Abend versuche ich es noch einmal – ganz allein. Eine grössere Sauna, ein Dampfbad, Erlebnisduschen und zwei Ruheräume warten. In der Sauna drehe ich die Sanduhr, muss aber nach wenigen Minuten aufgeben: zu heiss, und nirgends ist die Temperatur angeschrieben. Auch im abgedunkelten Dampfbad halte ich es nicht lange aus, weil ich mich zuvor nicht richtig abgekühlt habe. Abends treffe ich eine Begleitung, die in Luzern lebt und Anekdoten aus dem alten Palace kennt. Während die Barkeeper Champagner kredenzen, erzählt sie. Später sitzen wir im Colonnade, wo Chef Gilad Peled und sein Team ein Acht-Gänge-Menü servieren. Peled wurde mit einem Michelin-Stern und 16 «Gault Millau»-Punkten ausgezeichnet – und auch im Minamo kocht Toshiro San auf 14-Punkte-Niveau. Heute esse ich vegetarisch, meine Kollegin Fleisch. Mit liebevoll angerichteten Gerichten starten wir in einen vielversprechenden Abend, dessen Ende ich nicht herbeisehne – ausser vielleicht, um mich wieder in den Kimono zu stürzen.

* Der Aufenthalt wurde von Mandarin Oriental unterstützt.

Dieser Artikel erschien im November 2023 in der Ausgabe MEN 2/23.

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