
Lieber Flavio Leu, ich gebs zu: Ich finde dich unterhaltsam. Und ja, manchmal gibst du auch schlaue Statements ab. Aber mal ehrlich? Warum schauen wir Videos von Leuten, die wir nicht mal kennen – und die uns Zeit rauben, die wir für anderes nutzen könnten, als scrollend am Bildschirm zu kleben? Ich habe immer gesagt, Influencer interessieren mich nicht. Dann erlebte ich diesen Flavio-Leu-Moment: Ich liege neben meiner Frau im Bett, sie kriegt sich vor Lachen kaum ein – «Kennst du Flavio Leu? Habe ich auf Instagram entdeckt» – und schwups war auch ich einer seiner rund 80 000 Follower.
Menschen wie du und ich
Klingt banal, aber so spielt das Leben – und genau da liegt die Antwort auf die Frage, warum wir uns von Fremden in den Bann ziehen lassen, die weder ein besonderes Talent noch eine spezielle Ausstrahlung haben. Ganz einfach: Influencer sind Menschen wie du und ich. Sie sprechen unsere Sprache, beschäftigen dieselben Themen, haben ein ähnliches Umfeld. Auf Instagram, TikTok oder YouTube nehmen sie uns mit in ihre Wohnzimmer, ins Bad, auf den Sportplatz oder sogar zum Date – und schaffen so eine emotionale Verbindung zur Community. Sie vermitteln Nähe, Vertrauen und Zugehörigkeit.
«Gleich und gleich gesellt sich gern», lautet das Stichwort – und das ist wissenschaftlich erwiesen: Studien zeigen, dass wir Personen, denen wir vertrauen, als uns ähnlicher einschätzen, und aus der empfundenen Ähnlichkeit wächst wiederum das Vertrauen. Den Grund sehen Forschende in der Evolution: Die wahrgenommene Ähnlichkeit soll einst das Überleben gesichert haben. Diese Wirkung haben auch die Marketingfachleute entdeckt. Der Trick beim Influencer-Marketing heisst «affektive Konditionierung»: Ein neutrales Produkt wird mit einer positiv wahrgenommenen Person kombiniert und so mit deren Eigenschaften «aufgeladen». Weil die Influencer ihre Empfehlungen in den Kontext des eigenen Lebens stellen, wirken sie authentisch statt rein kommerziell. So einfach ist das – zumindest von aussen betrachtet.
Geldmaschine Influencer?

Influencer-Sein ist ein harter Job: Drehorte überlegen, Requisiten basteln, Videos schneiden – stundenlang, bis jedes Detail stimmt. Trotzdem lässt sich mit Social Media der Lebensunterhalt verdienen. Wer 5000 Follower hat, kann pro Post etwa 350 bis 800 Franken erwarten; bei zwei Posts pro Woche sind 3000 bis 6000 Franken im Monat drin. So weit die Theorie. In der Praxis sieht es manchmal anders aus – etwa bei Nadja (@dailydoseofnadja), 24, alleinerziehende Mutter. Sie lebt mit ihrer Tochter am Existenzminimum, das monatliche Haushaltsbudget liegt unter 300 Franken. Sie startete ihren Kanal, um die scheinbar perfekte virale Welt aufzumischen; dank Werbepartnerschaften kann sie ihr Einkommen aufbessern. Übrigens: Allein von Werbehonoraren leben in der Schweiz nur rund zehn Prozent der Influencer.
Bei allem Respekt: Es gibt auch Influencer, die einfach nur nerven. Schwierig wirds, wenn Mama Annette ihre Drillinge Arielle, Anastasia und Anouk auf Instagram vermarktet (@therealeisenhardt). Oder wenn «The Bucket List Family» mit ihren Abenteuern rund um die Welt einen auf cool macht. Das ist jedenfalls meine Meinung dazu.
Fünf erfolgreiche Schweizer Influencer
Flavio Leu (@flavioleu), 25, Comedian und Alltagsphilosoph: Vom Instagram-Newcomer hat es der Winterthurer auf die Livebühne geschafft – und startet vielleicht bald als Schauspieler durch. Instagram: 81 300, TikTok: 60 800. · Oluyomi Scherrer (@thispronto), 25, Foodblogger: Als «Thispronto» postet der gelernte Koch aus Bern kulinarische Inhalte und einfach umsetzbare Kochanleitungen. Instagram: 387 000, TikTok: 16,5 Mio. · Nadja Chahdi (@dailydoseofnadja), 24, Armutsbetroffene: Die Aargauerin macht auf die Armut in der Schweiz aufmerksam – mit Erfolg. Instagram: 16 000, TikTok: 29 300. · Nico Capone (@nicoapone.comedy), 33, Comedian: Der gelernte Maler wurde 2019 mit Parodien international berühmt – meist mit seiner Frau in der Hauptrolle. Instagram: 13 Mio., TikTok: 27,8 Mio. · Noemi Nikita (@noeminikita), 22, Beauty Queen: Die Bernerin gibt Schminktipps und ist damit zur erfolgreichsten TikTokerin der Schweiz geworden. Instagram: 531 000, TikTok: 13,4 Mio.
Dieser Artikel erschien im November 2024 in der Ausgabe MEN 2/24.


