
«Schauen Sie sich diese frei hängende Treppe an. Auch das ist ein Meisterwerk», sagt Emanuel Probst in den ersten zwei Minuten beim Rundgang durch den Jura Campus – noch bevor er die eigentliche Aufgabe des neuen Gebäudes erklärt hat. Was der CEO mit dem Hinweis auf die Glaskonstruktion sagen will: Bei der Jura Elektrogeräte AG zählt jedes Detail. «Wir haben eine einheitliche Philosophie: Diese steckt nicht nur in den Maschinen, die wir entwickeln, sondern auch in der Architektur», erklärt der 66-Jährige. Leidenschaft, permanente Verbesserung und kompromissloser Fokus auf ein Thema – das sind die Erfolgsfaktoren von Jura. Und diese verkörpert eben auch das Innovationszentrum, das das Traditionsunternehmen im Sommer 2022 auf dem eigenen Firmenareal in Niederbuchsiten SO eröffnet hat.
Das rund 5000 m² grosse Gebäude dient der Forschung und Entwicklung der nächsten Generation von Kaffee-Vollautomaten, aber auch der Verbesserung bestehender Maschinen. Das Herzstück bilden 102 Dauerteststationen, die rund um die Uhr in Betrieb sind. «Vorher hatten wir rund 35 Testplätze. Mit diesen kamen wir immer wieder an die Kapazitätsgrenze», so Probst weiter, während er nun die Geräte präsentiert, die sich säuberlich hinter der grossen Scheibe aufreihen. Und er ergänzt: «Natürlich hätten wir für die Teststationen genügend Platz gehabt auf dem Areal, aber wir wollten die besten Voraussetzungen für die Entwicklung unserer Innovationen schaffen. Nicht zuletzt auch für die Leute, die bei uns arbeiten möchten.»
Das Ziel: Indem Jura das ideale Umfeld bietet, schafft es das Unternehmen, die besten Talente anzuziehen. «Wir konnten bereits viele talentierte Leute anstellen», freut sich der CEO. Zurzeit beschäftigt Jura auf dem Campus 55 Mitarbeitende. Es sind erfahrene Berufsleute, aber auch junge Talente, die direkt von der Universität kommen. «Es ist wichtig, dass wir immer wieder neue Generationen nachziehen», betont Probst, der bereits seit 33 Jahren an der Spitze des internationalen Kaffeekonzerns steht. Wie sehr der Jura-Chef seine Mitarbeitenden schätzt, erkennt man unter anderem am freundlichen Lächeln, das er seinen Angestellten jeweils schenkt, wenn sie beim Rundgang seinen Weg kreuzen. Trotz der Grösse mit 280 Vollzeitstellen vor Ort ist die Stimmung bei Jura genauso locker wie bei einem mittelständischen Familienbetrieb.

Automatisierte digitale Prozesse
«Mit den neuen Teststationen kommen wir schneller zu Ergebnissen», erklärt Probst und ergänzt: «Der Roboter füttert die Maschinen mit zwei verschiedenen Bohnensorten.» Auch unterschiedliche Härtegrade von Wasser werden getestet, und es gibt fünf verschiedene Kombinationen aus Voltstärken und Hertzfrequenzen, die man zuführen kann. Den Kaffeesatz der Testmaschinen erhält ein Biobauer aus der Region, der diesen kompostiert und als Dünger einsetzt. Tipp vom Chef: «Auch Rosen lieben Kaffeesatz. Probieren Sie es aus.»
Ganz im Sinn der Industrie 4.0 laufen alle Prozesse digitalisiert und automatisch ab. Modernste Sensorik liefert dabei riesige Datenmengen, die – von intelligenter Software ausgewertet – zur Optimierung selbst kleinster Details dienen. Was das anschaulich bedeutet, erfährt man im Untergeschoss des Gebäudes, wo die Besucherinnen und Besucher hinter die Kulissen der Teststationen und in die vier Speziallabors blicken dürfen. Der Zutritt über die eingangs erwähnte gläserne Treppe ins Obergeschoss bleibt Aussenstehenden übrigens verwehrt. Dort arbeitet der innere Zirkel unter Verschluss an den neuen Produkten. «Dieses Jahr bringen wir zum ersten Mal eine Maschine auf den Markt, die unter den neuen Bedingungen entwickelt werden konnte», verrät der Jura-Chef.

Vier spezielle Testlabore
Jura verkauft seine Kaffee-Vollautomaten in rund 50 Ländern. Damit die Schweizer Traditionsfirma ihre Kundschaft weltweit zufriedenstellen kann, muss jede Maschinenserie ins Testlabor. Im Klimalabor simuliert Jura verschiedene Bedingungen: von feucht-heissen Temperaturen wie in Singapur bis hin zur eisigen Kälte wie in Nordschweden. Im Akustiklabor tüfteln die Forschenden am richtigen Sound. «Unser Motto ist: frisch gemahlen, nicht gekapselt. Das wollen wir auch hören», betont Probst.
Das EMV-Labor prüft die elektromagnetische Verträglichkeit der Vollautomaten. Denn es ist nicht erlaubt, wenn eine Kaffeemaschine andere Geräte stört. Und schliesslich werden im Kaffeelabor die Mühlen getestet. «Das Ziel muss sein, dass das Mahlwerk möglichst lange eine 100-prozentige Leistung erbringt», erklärt der CEO von Jura. Eines ist jedenfalls sicher: Der Campus sorgt mit seiner Innovationsleistung dafür, dass der Kaffee von Jura zu einem immer noch besseren Genusserlebnis wird.
Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.


