
Donald Trump trägt sie nur in Rot oder in Blau. Die Konzernherren, die vor einigen Jahren an seinem Tisch in Davos sassen, hatten sich anstandshalber auch eine umgebunden. Aber tagsüber, im Plenum, war die Zeit der Krawatte vorbei, wie jedermann am Fernsehen beobachten konnte.
Dabei reicht die Kulturgeschichte des Halsbinders bis ins alte Rom zurück, wo die Legionäre die sogenannte Focale um den Hals banden, ein längliches Stück Stoff zum Schutz vor der Kälte. Richtig populär wurde sie durch die kroatischen Söldner am Hof des Sonnenkönigs Louis XIV. um 1660. Die Kroaten nannten das weisse Tuch Hrvatska, was die Franzosen in «cravate» umformulierten.
Seit der Belle Epoque, als die Arbeitswelt in «blue and white collar workers» geschieden wurde, hat der Halsbinder den Klassenunterschied angezeigt. Während Generationen war die Krawatte in «gehobenen» Berufen und Kreisen «de rigueur».
Langsam und schleichend ist dieser Dresscode dahingegangen. 2017 brach Dieter Zetsche, damals Vorstandsvorsitzender von Mercedes-Benz, den Bann und präsidierte die Jahrespressekonferenz mit offenem Hemdkragen. Hauptsache, die Zahlen stimmten!
Immer selbstverständlicher treten Unternehmer und Freiberufler auch im Geschäftsleben «casual» auf. Die Pensionierten sind ohnehin entschuldigt. Die meisten geniessen es, nichts mehr müssen zu müssen und im T-Shirt, im Rollkragenpulli oder im Rentner-Etui zu erscheinen: ärmellose Weste mit vielen, vielen Taschen.
Ein Kulturbruch, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet um 1968 ein als besonders autoritär bekannter Zürcher Chefarzt seine Assistenzärzte nach Hause schickte, wenn sie mit offenem Hemdkragen antraten …
Ein kluger Pfarrer hat mir einmal den tieferen Sinn der Krawatte erklärt. Sie diene dem Menschen zur Mahnung, die Grenzen der Gelüste der oberen und der unteren Körperteile zu spüren.
Heute scheint der reale Dresscode so zu lauten: Nur wer etwas zu verkaufen hat, unterzieht sich noch der Anzugs-Folter. Manchen dienen Halsbinder aber noch als Markenzeichen. Erich Gysling erscheint im Fernsehen oft mit eleganter Ascot-Binde; und der frühere Tages-Anzeiger-Verleger Hans-Heinrich Coninx ging nie ohne Fliege aus dem Haus. Und vor einigen Tagen sah ich den Sänger und Impresario Christian Jott Jenny in den Farben der Gemeinde, deren Präsident er ist: blauer Anzug, knallgelbe Krawatte.
Mein persönliches Krawatten-Trauma war die Reise mit dem Aussenminister Pierre Aubert zum Staatsbesuch nach Afrika. Die Journalisten gehörten zur Delegation, waren also gehalten, sich wie Diplomaten zu kleiden. Die enorme Luftfeuchtigkeit bewirkte, dass innert einer Viertelstunde nach der Landung meine Krawatte vor Schweissnässe troff.
Ein immer noch mit dem Krawattenzwang geschlagener Freund, natürlich ein Banker, hat mir den grössten Vorzug seiner Halsfolter so erläutert: «Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie wohl es tut, wenn du am Abend nach Hause kommst und das verdammte Zeug ablegen kannst.»
Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.


