Gepflegter Notfall

Plötzlich beginnen die Buchstaben auf dem Bildschirm zu tanzen. Du kannst nicht mehr lesen, was du geschrieben hast. Du stehst auf, aber da ist ein heftiger Drehschwindel. Sehstörungen, Schwindel – dein guter Doktor hat dich darauf vorbereitet: sofort den Notfall anrufen! Dies geschieht.

Nach einer gefühlten Viertelstunde sind sie da. Zwei freundliche Rettungssanitäter begleiten dich zum Notfallwagen, am Steuer sitzt eine junge Frau. Im nahen Spital testen sie dich, dann kommst du in einen Raum, halb Krankenzimmer, halb Intensivstation. Sie nennen es «Stroke Unit», und damit ist auch dem des Englischen kundigen Laien die Diagnose klar: Schlaganfall! Es tut nichts weh, es denkt auch noch wie gewohnt.

Später testen sie alles Mögliche, im Schnitt alle sechs Stunden: Sprache, Augenbewegungen, Reaktionsfähigkeit. Und welchen Tag haben wir heute? Das Datum bitte auch! Und wieder muss das Auge dem leuchtenden Stift folgen, mal mit Kopfbewegung, mal mit starrem Genick, schielend.

Am fünften Tag nach dem Vorfall setzen sie dich in ein Taxi und fahren dich in eine Reha-Klinik in der thurgauischen Pampa, nächste menschliche Siedlung: Bischofszell! Der Tagesplan ist eng getaktet, im Schnitt 30 Minuten Ergonomie, Physio, Krafttraining, Laufband, Ernährungstheorie. Wie im Spital ist die Küche tadellos, und am Morgen kannst du die Gipfelisorte ebenso wählen wie die Tageszeitung.

Es bleibt genügend Zeit zum Fernsehen, also schaue ich den Greueln in der Ukraine und im Gaza-Streifen zu. Ich erinnere mich an Reportagereisen nach Indien, Nepal und Afrika und an die Krankenhäuser, die ich dort gesehen habe – wo die Ärzte ungeniert die Hand aufhalten und die Angehörigen vor dem Spital campieren, damit ihr Patient etwas zu essen bekommt. Auch in Europa scheint das Gefälle gross zu sein. Hat mir nicht vor Jahren ein erfahrener Arzt, dem ich von bevorstehenden Italien-Ferien erzählte, mit Anspielung auf eine fällige Operation geraten: «Aber bitte nicht südlicher als Florenz oder Bologna! Und sind Sie schon bei der Rega?»

Neben mir in der Stroke Unit lag ein Bauarbeiter, der mit Sicherheit kein Privatpatient war. Er hat, soweit ich es als Laie erkennen konnte, dieselbe Sorgfalt und Pflegequalität genossen wie der besser versicherte Nachbar. In vier Wochen und zwei Spitälern bin ich keinem einzigen unfreundlichen Pflegenden begegnet – nur auffallend vielen Menschen, die ursprünglich eine andere Sprache gesprochen haben als unsereiner.

Unser Gesundheitswesen wird am laufenden Band gescholten: zu teuer sei es, ja, und viel zu bürokratisch. Aber ich erlebe nicht zum ersten Mal: Man kriegt etwas für das viele Geld. Nachdem mir eine Pflegerin mit über zwanzig Dienstjahren gesagt hat, wie hoch ihr Monatsgehalt ist, habe ich an den berühmten Unterschied zwischen «erhalten» und «verdienen» gedacht – und Mutmassungen darüber angestellt, wer denn wirklich an diesem System verdient.

Und als sie am Abend im Fernsehen zum x-ten Mal die Greuel aus Kiew und Gaza gezeigt haben, habe ich mich beinahe geschämt, ein «Schlegli» mit glimpflichem Verlauf als Schicksalsschlag aufzufassen.

Dieser Artikel erschien im November 2024 in der Ausgabe MEN 2/24.

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