Vererbter Luxus

Neugier, Staunen und Bewunderung – das alles empfindet man, wenn man im ersten Stock der Genfer Boutique von Vacheron Constantin das Dutzend Uhren der Sonderkollektion Les Collectionneurs entdeckt. Eine runde Männeruhr von 1942 weckt die Neugier: ein Chronograph mit Pulsmesser, auf 30 Pulsschläge skaliert. Diese «Medizineruhr» erlaubte es, die Herzfrequenz zu bestimmen – man aktivierte den Chronographen beim ersten gezählten Schlag und stoppte ihn beim dreissigsten, worauf eine Skala die Frequenz pro Minute anzeigte. Ein anderer Zeitmesser, ein Entfernungsmesser von 1952, errechnete dank einer Kilometerskala die Distanz eines Blitzeinschlags – man musste die Stoppuhr nur zeitgleich mit dem Donner auslösen. Diese Stücke sind nur einige Beispiele für das Know-how der prestigeträchtigen Schweizer Marke, die 1755 gegründet wurde.

Am 17. September 1755 stellte Jean-Marc Vacheron, der 24-jährige Uhrmachermeister, vor dem Notar seinen ersten Lehrling ein – so erzählt es Franco Cologni, ehemaliger Präsident der Fondation de la Haute Horlogerie, in seinem Referenzwerk «Vacheron Constantin – Künstler der Zeit» (Flammarion, 2015). Der junge Uhrmacher versprach laut Vertrag, den Lehrling fünf Jahre lang seinen Beruf zu lehren und ihm Kost und Logis zu gewähren; der Vater bürgte, dass sein Sohn die Lehre abschliessen würde. Diese Vereinbarung ist die erste Erwähnung der Marke und macht sie zur ältesten noch aktiven Uhrenmanufaktur der Welt. 64 Jahre später verband sich der Name Constantin mit jenem von Vacheron: Jacques-Barthélemy, der Enkel von Jean-Marc, hatte das Unternehmen übernommen und brauchte einen Partner, der – wie er – ins Ausland reiste, um Uhren zu verkaufen. François Constantin, Sohn eines Getreidehändlers und schon mit 14 Jahren auf Reisen geschickt, war dieser Mann. Der Handelsreisende und der Uhrmacher, beide Genfer und gleich alt, wurden Freunde und verknüpften am 1. April 1819 ihre Namen. Die Geschichte von Vacheron Constantin hatte begonnen.

Technik und Ästhetik

François Constantin, der reisende Kaufmann, der 1819 seinen Namen mit jenem Vacherons verband – Porträt von seinem Bruder Abraham.
François Constantin, der reisende Kaufmann, der 1819 seinen Namen mit jenem Vacherons verband – Porträt von seinem Bruder Abraham.

Welches sind die wichtigsten Etappen? «Eine umfassende Frage!», bemerkt Christian Selmoni, Direktor für Stil und Kulturerbe im Unternehmen mit dem Malteserkreuz. «Schon in den ersten Jahren erkennt man den Willen, sich der Kreation ästhetisch wie technisch hochwertiger Zeitmesser zu widmen. Unsere Archive erwähnen bereits 1806 die Entwicklung komplizierter Uhren, hauptsächlich mit Schlagwerk. Das ist bemerkenswert.»

Ebenso bemerkenswert ist die Fortsetzung dieser Saga. Anfang des 19. Jahrhunderts expandierte das Unternehmen ins Ausland – dank der unzähligen Reisen von François Constantin zuerst in Europa, dann im Orient und Fernen Osten und schliesslich in Amerika. «In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts widmete sich die Maison dem Streben nach Präzision, schloss Partnerschaften für wissenschaftliche Forschung und bot Taschen-Chronometer an, die von Seefahrern, Forschern und Wissenschaftlern sehr geschätzt wurden», so Selmoni. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden komplizierte Uhren, insbesondere grosse Komplikationen als massgeschneiderte Taschenuhren für berühmte Sammler; komplizierte Armbanduhren erschienen bereits 1917.

Übernahme durch Richemont

Lebendiges Erbe: eine Vacheron-Constantin-Armbanduhr von 1921, daneben historische Register der Maison.
Lebendiges Erbe: eine Vacheron-Constantin-Armbanduhr von 1921, daneben historische Register der Maison.

Natürlich besteht das Leben eines Unternehmens nicht nur aus Höhepunkten. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre musste sich die Maison wegen des Aufkommens der Quarzuhren in einem schwierigen Umfeld neu erfinden. 1977 feierte sie ihren 222. Geburtstag und präsentierte die 222 – eine Uhr mit frechem, sehr maskulinem Design, die zu einem ihrer bekanntesten Modelle wurde: gekerbte Lünette, direkt ins Gehäuse graviertes Malteserkreuz, integriertes Metallband. «Sie galt als erste Uhr der Maison, die zugleich luxuriös und sportlich war, und inspirierte massgeblich die zwanzig Jahre später erschienene Overseas», hält Cologni fest. Noch heute ist die Kollektion Overseas bemerkenswert erfolgreich: Auf watchcharts.com erreichen einige Modelle ein «Rating» von 99 – sie entwickelten sich also besser als 99 Prozent aller Uhren auf dem Occasionsmarkt.

1996 ging die Maison an die Richemont-Gruppe über. Diese Veränderung, so Selmoni, habe eine Entwicklung auf technischer wie auch auf geschäftlicher und kommunikativer Ebene ermöglicht. «Die Integration in die Richemont-Gruppe verschaffte uns Zugang zu vielfältigen Synergien. Vacheron Constantin ging aus der schwierigen Periode 1975–1988 ziemlich geschwächt hervor, und seine heutige Position wäre ohne den Beitrag von Richemont zweifellos nicht so günstig.»

Zwischen 2000 und 2015 entwickelte die Maison eine komplette Palette eigener Uhrwerke; den Höhepunkt bildete 2005 die Tour de l’Ile, damals die komplizierteste je in Serie gefertigte Armbanduhr. 2015 erlebte die Uhrmacherwelt mit der Referenz 57260 eine unglaubliche technische Meisterleistung: eine Taschenuhr aus 2826 Komponenten mit 57 Komplikationen – «ein bislang ungebrochener Rekord», so der Direktor für Stil und Kulturerbe. Und was bleibt heute vom Erbe Jean-Marc Vacherons? Selmoni ist kategorisch: «Alles! Es ist ein lebendiges Erbe: über 400 Laufmeter Archive, eine Privatsammlung von mehr als 1600 Vacheron-Constantin-Uhren von 1755 bis heute sowie zahllose Dokumente. Wir geben es weiter – von Meister zu Lehrling, von Eltern zu Kind, von Generation zu Generation, so wie es Jean-Marc Vacheron, François Constantin und alle taten, welche die Maison seit 1755 geführt haben.»

Dieser Artikel erschien im Mai 2022 in der Ausgabe MEN 1/22.

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