
Stampfende Bässe, röhrende Motoren, das Rauschen der Wellen in der untergehenden Sonne – Biarritz ist eine Welt der Sinne. Tagsüber werden auf alten Motorrädern staubige Rennen gefahren und auf den Wellen vor der Stadt gesurft; abends tanzen im Festival-Village junge Menschen, und in den Bars und Restaurants an der Rue du Port-Vieux geht es kulinarisch und alkoholisch zur Sache. Es ist laut, es ist heiss, es ist Juni – die Zeit von «Wheels and Waves». Der Event an der Atlantikküste ist the place to be.
Und dabei ist es egal, an welchem der vielen Orte man sich trifft. Zur Auswahl stehen das traditionelle «Punk’s Peak», ein 400 Meter langes Rennen auf den Mont Jaizkibel für Oldtimer, Custombikes und skurrile Zweiräder, oder die staubigen Sandraces in Saint-Pée-sur-Nivelle. Für Surfer gibt es Wettbewerbe an der Grande Plage in Biarritz, während junge Skater beim «Blue Banana Surf Contest» im Festival-Village ihr Können zeigen. In diesen Tagen pulsiert Biarritz: Menschen aus aller Welt treffen und messen sich in friedlicher Stimmung.
Kultort Biarritz
Die Kulisse ist ein faszinierender, alter, mondäner Ort, der schon bessere Zeiten gesehen hat – und sie vielleicht bald wieder sieht. Denn sich neu zu erfinden, darin ist Biarritz gut. Der ehemalige kleine Fischerort wurde Mitte des 19. Jahrhunderts zum Spielplatz der europäischen Aristokratie, als Napoleon III. seiner Frau, Kaiserin Eugénie, eine prachtvolle Sommerresidenz baute und damit Könige, englische Lords und spanische Granden an die Küste lockte. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg flanierte der europäische Adel am grossen Strand; dank der schönen Wellen wurde Biarritz in den 1950er-Jahren zudem zum ersten europäischen Mekka des Surfens.

Wo die Schönen und Reichen waren, will jeder hin. Biarritz lockte immer mehr Menschen an, bis es in den 60er-Jahren vom Massentourismus überrollt wurde. Zwischen prachtvollen Villen zwängen sich seither grottenhässliche Hotelbauten mit abblätternden Fassaden. Das wirkt müde – und hat doch Charme. Denn das alte Biarritz ist nicht weg; es beginnt sich wieder an seine glorreichen Zeiten zu erinnern. Durchaus modern: mit einem Festival, mit einem klaren Motto. «Wheels and Waves» – Räder und Wellen. Ein Comeback, das zur DNA des Orts passt.
Dabei war das nie so geplant. Sechs Motorradfreunde aus Toulouse trafen sich hier immer wieder und veranstalteten 2012 eine kleine Party. 80 Teilnehmer kamen, feierten, waren begeistert und erzählten es weiter. Im zweiten Jahr waren es schon 1000 Besucher, heute weit über 10 000 Biker und Surfer, die sich an fünf Tagen im Juni treffen. Das Zentrum ist ein kurzzeitig aufgebautes Village am Meer, wo in Militärzelten und alten Wohnmobilen Hersteller aus aller Welt ihre Waren feilbieten, auf einer Bühne Rocker und Rapper spielen und man an den Food Corners Schlange steht.
Gleich am Eingang thronen die Stände von Breitling und Triumph, die zu den Hauptsponsoren gehören – und dafür sorgen, dass Prominenz auftaucht und sich unters Volk mischt. Das passt zur Strategie von Breitling: Die Schweizer Traditionsmarke hat sich vom Image der Fliegeruhr befreit. CEO Georges Kern schuf «Squads» mit Darstellern aus coolen, antielitären Sportarten wie Radfahren, Surfen oder Triathlon – keine globalen Stars, aber Kultfiguren in ihrer Community. So trifft man am Strand von Biarritz die grössten Surfer der Welt (siehe Interview) oder Promis wie Alicia Agneson aus «Vikings» und Álvaro Morte, den Professor aus «Haus des Geldes».
Unser Geheimtipp bleibt das Hôtel du Palais, die ehemalige Sommerresidenz von Kaiserin Eugénie und heute ein Fünf-Stern-Haus der besonderen Art. Tritt man durch die Drehtür, beginnt eine Zeitreise in die Belle Époque: kaiserliche Pracht, Samtmöbel, Kronleuchter, dicke Teppiche und unauffälliger Top-Service. Wer sich kein Zimmer leisten mag, macht es sich in der Lobby gemütlich oder geniesst ein Dîner mit atemberaubendem Atlantikblick. Der perfekte Ort, um sich kurz vom pulsierenden Festival zu erholen.

«Das beste Gefühl der Welt!»
Was ist am Surfen so speziell? Antwort gibt Stephanie Gilmore, die erfolgreichste Surferin aller Zeiten: Achtmal gewann sie die Women’s World Championship der World Surf League, und sie ist Teil der Breitling-«Surf-Squad». Wir trafen sie in Biarritz.
Ich habe noch nie gesurft. Was habe ich verpasst? – «Oh, das beste Gefühl der Welt. Du paddelst ins Meer und reitest eine Welle, die durch einen Sturm weit draussen entstanden ist. Du teilst diesen Moment mit ihr, fühlst dich, als würdest du fliegen – etwas ganz Besonderes.»
In dem Moment bist du eins mit der Welle? – «Ja, du hast eine Verbindung. Du liest die Welle, platzierst deine Manöver, wirst schneller. Es kann demütigend sein, denn sie kann über dir zusammenbrechen und dich unter Wasser halten. Es ist Freude, Angst, Herausforderung, Aufregung und Freiheit zugleich.»

Aber nur für ein paar Sekunden. – «Nein, ich hatte Wellen, die minutenlang hielten.» Und normale Leute wie ich? – «Auch du kannst es! Du musst nur zum richtigen Spot gehen. Hier in Biarritz ist es natürlich etwas kürzer.» (lacht)
Ich könnte jetzt noch anfangen? – «Ich sehe viele, die mit 40, 50 oder 60 anfangen. Surfen ist wie Meditation, man gelangt in den Flow-Zustand. Ich glaube, das macht die Leute so süchtig danach.» Und was lerne ich von der Besten? – «Surfen heisst nicht nur Erfolg, sondern auch die Herausforderung, wenn etwas nicht funktioniert. Selbst die erfolgreichsten Athleten verlieren häufiger, als sie gewinnen. Man lernt durch seine Niederlagen.»
Wie geht es für dich weiter? – «Es gibt freie Surfer, die um die Welt reisen, perfekte Wellen surfen und Filme machen. Das würde mich reizen.» Und der beste Surfspot der Welt? – «Es gibt so viele. Aber wenn ich ein letztes Mal surfen könnte, würde ich wohl nach Indonesien gehen – perfektes, warmes Wasser, wie das Paradies.»
Dieser Artikel erschien im November 2024 in der Ausgabe MEN 2/24.


