
Der Schiffscontainer passt nicht recht ins kleine Dorf Bramboden LU auf dem entlegenen Entlebucher Hügel. Aus dem Innern des Containers dringen rhythmische Schläge und ein metallisches Surren. Drinnen stehen der Messerschmied Jo Wiesner und sein «Schüler» Renato Belchior. Nur der glühende Stahl und das Feuer im Ofen leuchten, ansonsten ist es dunkel. Belchior nimmt den an einer Eisenstange befestigten Würfel gekonnt aus den Flammen und wechselt zum Lufthammer. Dieser schnellt herab und schlägt den Klotz flacher. Danach geht es zurück in den Ofen. So wird das den ganzen Nachmittag gehen, bis der Stahl die gewünschte Länge erreicht hat.
In drei Tagen schmieden die beiden ein Damastmesser. Bei diesem Verfahren werden verschiedene Stähle mit verschiedenen Legierungen miteinander feuerverschweisst und so verbunden. Mehrere Male wird das Metall gefaltet, und so entsteht eines der stärksten Messer der Welt. Renato Belchior hat sich für 100 Lagen entschieden. «Ich bin kein Messerfreak, aber ich wünsche mir ein Messer, bei dem man Handwerk und Wertigkeit sieht», sagt der Luzerner. Eigentlich seien diese Messer ein Kunstwerk.
Mehr als ein Kurs, mehr als eine Form
Der 26-jährige Jo Wiesner gibt diese Kurse hier, seit sein Vater mit seinem Restaurant auf den Bramboden umgesiedelt ist: Stefan Wiesner ist ein famoser Sternekoch und hat sein neues Lokal «Mysterion» getauft. Während der Sohn in der Werkstatt beschäftigt ist, läuft drinnen im Lokal ein Wildkräuterkurs. Die Gäste bekommen gerade den Hauptgang, während der Nachbar Willi mit seiner Handorgel und einem Heubier auf seinen Auftritt wartet.

Sein Angebot bezeichnet Jo Wiesner nicht als Kurs, sondern als Erlebnis. In erster Linie erschaffe er mit seinen Gästen gemeinsam ein Messer. Das Wort Kurs suggeriere, dass man danach selbstständig ein Messer schmieden könne. Das ist nicht der Fall. «Ich möchte den Leuten alles über das Schmieden erzählen. Es geht um mehr, als Eisen in die richtige Form zu bringen.»
Im Funkenregen
Die Faszination für Messer begann bei Jo Wiesner schon im Kindergarten. «Mein Vater hat mir die Messer nicht weggenommen, sondern eher hingestreckt», sagt er und lacht. Damals konnte er noch nicht lesen, blätterte aber andauernd im «Messer Magazin». Nach der Küfer-Lehre hat er sich zurückbesonnen, sich alle nötigen Skills angeeignet und gibt sein Wissen seit vier Jahren weiter.
Wer hierherkommt, bekommt nach drei Tagen ein selbstgeschmiedetes Meisterwerk. Schon nach einem Tag wirken Wiesner und Belchior wie ein Team. Nach der Einführung hat Jo Wiesner das Zepter an den «Schüler» abgegeben, der mit selbstbewussten Handgriffen sein angehendes Messer immer mehr in Form bringt. Ab und zu greift Wiesner ein und macht die Späne weg. Die Funken sprühen.

Entschleunigt, entspannt, entkräftet
Renato Belchior musste einige Entscheidungen fällen, um zu seinem Messer zu kommen. Beim Griff wählt man das Holz. «Da wollte ich vorgreifen und wurde von Jo gebremst», sagt er. Der Kurs enthält Leerzeiten, in denen solche Dinge besprochen werden. Also ein Erlebnis inklusive Entschleunigung.
Und Aggressionstraining: Einige Stunden später – die Zeit scheint hier oben rasend zu vergehen – hört man Belchior rufen: «Ich traue mich nicht richtig zu schlagen.» Doch diese Zurückhaltung ist nach wenigen Minuten verflogen. Er hämmert auf den glühenden Stahl ein, als hätte er in seinem Berufsleben nie etwas anderes gemacht. Dabei arbeitet er sonst als Steuerexperte.
Männer mögen Messer

Nach dem ersten Tag sitzen sie am Feuerring und braten Würste. Dazu gibts Bergkäse, Wildkräutersalat und hausgemachtes Brot. Im Lokal liegt eine Auslage an Messern, die Jo Wiesner gefertigt hat. Bisher hatte der gelernte Küfer 70 Kunden – mehrheitlich Männer –, die eines mit ihm herstellten. Wer keine drei Tage Zeit hat, kann einen eintägigen Messerkurs buchen. «Dann schmieden wir aber nicht, sondern bauen ein Sackmesser zusammen», sagt Jo Wiesner. Beim Erzählen dreht er gedankenverloren die Würste, er ist müde.
Neben ihm blickt Renato Belchior glücklich und zufrieden in die Glut. «Was mich am meisten beeindruckt, ist, dass der Stahl lebt. Ich habe ihn mir immer als tote Materie vorgestellt.» Aufs Messer freut er sich. In zwei Tagen ist es so weit – und zufälligerweise ist es just an seinem 49. Geburtstag fertig.
Dieser Artikel erschien im November 2023 in der Ausgabe MEN 2/23.


