Alto Piemonte

Ein Geheimtipp neu entdeckt

Bis vor einigen Jahren waren die Nebbiolo des Alto Piemonte nur einer kleinen Elite von Weinkennern bekannt. Doch spätestens seit Roberto Conterno vom Barolo-Kultweingut Giacomo Conterno die historischen Cantine Nervi in Gattinara gekauft hat, ist ein regelrechter Hype ums Nordpiemont entstanden. Die Preise für Weinberge in den Provinzen Biella, Vercelli und Novara ziehen spürbar an. Quasi über Nacht hat sich der Blick der internationalen Weinwelt auf das bislang wenig beachtete Alto Piemonte gerichtet.

Dabei hat schon zwanzig Jahre zuvor ein berühmter Winzer hier investiert, nur leiser und von der vinophilen Sensationspresse kaum beachtet. 1999 begann Paolo de Marchi vom toskanischen Spitzenweingut Isole e Olena, das alte Familienweingut im verschlafenen Lessona wiederaufzubauen – statt wie andere in der damals hippen Maremma zu investieren.

Das einst grösste Weinbaugebiet Italiens

Was kaum einer weiss: Im nördlichen Piemont wurde schon vor langer Zeit Wein in grossem Stil angebaut. Über Jahrhunderte hinweg wurden hier die Luxusweine Italiens und Europas erzeugt, bereits 1648 gab es detaillierte Karten, auf denen die Crus (Spitzenlagen) verzeichnet waren, lange bevor dies im Burgund geschah. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war das Alto Piemonte das bekannteste und grösste zusammenhängende Weingebiet Italiens. 40 000 Hektar waren hier mit Reben bepflanzt, eine Fläche wie heute in der gesamten Region Piemont. Heute sind diese Hügel mit Wald bedeckt. Wo früher Reben standen, wachsen nun Robinien und Kastanien.

Isola San Giulio im Ortasee.
Isola San Giulio im Ortasee.

Die Gründe für den Niedergang waren vielfältig. Eine starke Fragmentierung des Weinbergbesitzes durch Erbteilung, neue Rebenkrankheiten aus Übersee sowie ein verheerender Hagelsturm im August 1905, der alles zunichte machte. Immer mehr Bauern gaben ihre Weinberge auf und suchten sich einen bequemen Arbeitsplatz in der wachsenden Textil- und Autoindustrie. Die Rebfläche schrumpfte rasant. Auf dem Tiefpunkt, in den 1990er-Jahren, blieben nur noch ein Bruchteil der ehemaligen Weinberge und wenige Erzeuger übrig. Doch seit einiger Zeit geht es bergauf im Alto Piemonte, die Rebfläche wächst wieder, neue Betriebe entstehen.

Geologisches Panoptikum

Im Alto Piemonte treffen die afrikanische und die europäische Kontinentalplatte aufeinander. Das macht das Gebiet zu einer der geologisch interessantesten Gegenden der Welt. Hier treten Gesteinsschichten aus bis zu 25 bis 30 Kilometern zu Tage. Die Verschiedenartigkeit der Böden verleiht den Weinen der Region ihren besonderen Charakter.

Der Monte Rosa schützt das Gebiet vor kalten Nordwinden. Das Klima ist gemässigt und von einer langen Vegetationsperiode geprägt. Die Winter sind mild und schneelos – in den Gärten stehen Palmen und Bananenstauden. Im Sommer bringen frische Winde von den Gletschern und aus den Alpentälern nächtliche Abkühlung. Die Reben treiben früh aus, die Traubenreife zieht sich oft bis weit in den Oktober hinein.

Diese Bedingungen tragen dazu bei, dass im Alto Piemonte aus der Rebsorte Nebbiolo grosse Weine entstehen. In einigen Appellationen sind sie reinsortig, in anderen enthalten sie geringe Anteile von Uva Rara und Vespolina. Faszinierend ist ihr Facettenreichtum. So sind sie in Lessona besonders feingewebt, mineralisch-salzig, beinahe kühl, in Boca dagegen würzig-mediterran, warm und von fester Struktur. Allen Weinen aber eigen ist eine Tiefgründigkeit und enorme Eleganz. Ihren berühmteren Vettern Barolo und Barbaresco stehen sie in nichts nach.

Reife Nebbiolo-Trauben.
Reife Nebbiolo-Trauben.

Pilgerstätten und geheimnisvolle Seen

Das Alto Piemonte hat jedoch nicht nur Wein zu bieten. Zwischen den Winzerbesuchen braucht selbst der grösste Weinfreak eine Pause. Da bietet sich ein Ausflug nach Oropa nördlich von Biella an. Der kleine Marienwallfahrtsort auf 1150 Metern ü. M. wartet nämlich mit nichts Geringerem auf als einer Kopie des Petersdoms, die dank des grandiosen Bergpanoramas im Hintergrund deutlich weniger bombastisch wirkt als das Original in Rom. Sehenswert ist sie allemal, auch wenn man kein Pilger ist.

Historisch wertvoller ist die Basilika aus dem 17. Jahrhundert. Sie beherbergt die in Oropa verehrte gotische Statue der Schwarzen Madonna. Kunsthistorisch bedeutsam sind überdies die zwölf Kapellen aus dem 17. und 18. Jahrhundert in der unmittelbaren Umgebung, in deren Innern das Leben der Muttergottes mit Tonfiguren dargestellt ist.

Wer weniger Kultur braucht und lieber etwas ausspannen möchte, dem sei der Ortasee ans Herz gelegt. Der nur 18 Quadratkilometer grosse See westlich des Lago Maggiore ist ein echter Geheimtipp. Hier wechseln sich uralte Wälder, steile Ufer mit Felsklippen und prächtige Villen ab. Dazu kommt ein spektakulärer Blick auf den Monte Rosa und die kleine, malerische Isola San Giulio, die auf jeden Fall einen Besuch wert ist.

Weisses Gold

Piazza Cavour in Vercelli.
Piazza Cavour in Vercelli.

Wo die Hügel der Voralpen in die weite, fruchtbare Po-Ebene übergehen, beginnt das Reich des weissen Goldes. Hier liegt rund um die Städte Biella, Vercelli und Novara das grösste Reisanbaugebiet Europas. Nach Italien kam der Reisanbau im 15. Jahrhundert mit den spanischen Herrschern, die sich in Neapel und später auch im Norden des Landes ansiedelten. Vor allem in der Po-Ebene boomte der Anbau mit der neuen Kulturpflanze, die viel ertragreicher als Getreide war. Bereits um 1870 erreichte die kultivierte Fläche 232 000 Hektar.

Nach der Eröffnung des Suezkanals 1869 konnte der erheblich billigere Reis aus Asien nach Europa importiert werden. Die Anbaufläche sank stetig und schrumpfte nach dem Zweiten Weltkrieg auf 96 000 Hektar. Als Folge der Kriege in Korea und Vietnam stieg die Nachfrage jedoch wieder an. Heute umfasst der italienische Reisanbau eine Gesamtfläche von etwa 210 000 Hektar, allein im Piemont sind es 114 000 Hektar.

Reis der Spitzenköche

Wer in der Küche etwas auf sich hält, nimmt für einen perfekten Risotto den Reis von Acquerello. Spitzenköche auf der ganzen Welt schwören auf ihn. Seit Anfang der 1990er-Jahre produziert die Familie Rondolino nur eine Sorte Reis: Carnaroli, den König unter den Risottoreis-Varietäten. Das Besondere dieses Reises ist, dass er nach der Ernte ungeschält für mindestens ein Jahr in temperaturkontrollierten Silos gelagert wird. In dieser Zeit intensiviert sich sein Geschmack, und die Kocheigenschaften verbessern sich.

Ausserdem wird der während der Verarbeitung vom Korn getrennte Keim, der die meisten Vitamine und Spurenelemente enthält, dank eines patentierten Verfahrens am Ende wieder reintegriert. Auf diese Weise wird der feine Geschmack von weissem, geschältem Reis mit dem Nährstoffgehalt von Vollkornreis kombiniert. Um Acquerello-Reis herzustellen, sind insgesamt 20 verschiedene Verarbeitungsschritte notwendig.

Piero Rondolino, der Erfinder von Acquerello.
Piero Rondolino, der Erfinder von Acquerello.

Wer mehr über die Reisproduktion und ihre Geschichte wissen will, dem empfehlen wir einen Besuch mit Führung in der historischen Tenuta Colombara in Livorno Ferraris, in der Acquerello seinen Sitz hat. Nach dem Besuch der Tenuta kann man seinen Risotto-Appetit vorzüglich in der Osteria La Colombara stillen. Hier wird ausschliesslich mit Acquerello-Reis gekocht. Ein Fest für Feinschmecker!

Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.

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