Andreas Starlay

Am 17. November 2023 war es so weit: Nach über dreissig Berufsjahren in leitenden Positionen hatte Andreas Starlay seinen letzten Arbeitstag. «Ich konnte meine Karriere mit einem spannenden Projekt abschliessen», erzählt er. Als IT-Manager bei Swiss Casinos war er verantwortlich für die Einführung eines neuen Finanzsystems. «Es war befriedigend, dem Unternehmen den Weg in die Zukunft zu ebnen.»

Nun freute er sich auf den neuen Lebensabschnitt, wusste aber auch: «Der Übergang vom Beruf ins Rentnerdasein kann hart sein.» Ein Nachbar von ihm, ebenfalls Manager, sei nach der Pensionierung in ein tiefes Loch gefallen. «Er starb sechs Monate später – das wollte ich nicht.» Viel lieber wollte er als passionierter Golfer seine Freizeit in Südafrika verbringen. Doch bald wurde ihm klar, dass ihn das auf Dauer nicht erfüllen würde. «Solange ich gesund bin, brauche ich eine echte Herausforderung.» Zudem ist er alleinstehend und ohne familiäre Verpflichtungen.

Reisen! Das war schon immer seine Leidenschaft. Schon als Jugendlicher trampte er mit Zelt und Rucksack durch Europa und Australien. Dieses Gefühl wollte Andreas noch einmal spüren. Wenn nicht jetzt – wann sonst? «Die Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine haben mir gezeigt, dass sich die Welt innerhalb von 24 Stunden ändern kann», sagt er, «ich wollte die Natur in ihrer ganzen Vielfalt geniessen – wer weiss, wie lange wir das noch können.»

Gesagt, getan. Er kündigte seine Wohnung, erledigte ein paar organisatorische Dinge – und genau zehn Tage nach der Abschiedsfeier im Büro ging die Reise Richtung Süden los. Sein neues Zuhause war zunächst das Dachzelt auf dem Land Rover Defender. «Es war herrlich, in der Steinwüste von Marokko in der Mittagssonne zu brüten und dann bei minus sechs Grad zu übernachten.»

Doch bald stellte er fest, dass er besseres Equipment benötigte, um stilvoll zu reisen. Heute lebt er als moderner Nomade in einem wintertauglichen Kabe-Imperial-Luxus-Wohnwagen mit jedem erdenklichen Komfort, von der Fussbodenheizung bis zum Ledersofa. «Ich stelle ihn irgendwo ab und fahre mit dem Defender in Regionen, die sonst unerreichbar wären.»

Er fuhr nach Norwegen, auf die Lofoten und weiter bis ans Nordkap. «Der Moment, als ich am nördlichsten Punkt Europas stand, war unbeschreiblich. Du fühlst dich klein und gleichzeitig unglaublich frei.» Später war er in Spanien. Als er in einem Korkeichenwald campierte, kamen vier Jogger vorbei und leisteten ihm Gesellschaft. Beim Kaffee lud ihn einer von ihnen auf seine Olivenfarm ein, wo er zwei Tage verbrachte. «Solche Erlebnisse sind unbezahlbar.»

Einen festen Tagesablauf kennt Andreas nicht. «Ich lasse mich treiben. An schönen Tagen stehe ich kurz vor Sonnenaufgang auf, erfreue mich am Vogelgezwitscher und bereite mein Frühstück vor.» Jeder Tag bringe etwas Neues – sei es ein Ausflug in die Natur oder eine spontane Begegnung mit wildfremden Menschen. «Es gibt aber auch Tage, an denen ich einfach nur dasitze und die Stille auf mich wirken lasse.»

Die Freiheit, das Leben in vollen Zügen zu geniessen, ist für Andreas das grösste Glück des Ruhestands. Sein Tipp: «Finde etwas, das dich erfüllt. Es muss nichts Grossartiges sein. Manchmal reicht es, morgens aufzuwachen und den Tag ohne Druck zu beginnen.» Das Wichtigste sei, sich nicht mehr über den Beruf zu definieren. «Jetzt bin ich einfach Andreas – der Reisende.»

Dieser Artikel erschien im November 2024 in der Ausgabe MEN 2/24.

Zurück