Die Power-Brauer-Frauen

Da stand sie, mitten in einem Feld in Chile: dreckige Stiefel an den Füssen, Blasen an den Händen und eine Erkenntnis – sie muss ihr Leben ändern. «Ich arbeitete als Freiwillige auf einem Bio-Bauernhof. Abends war ich todmüde, aber glücklich, denn ich sah das Resultat meiner täglichen Arbeit. Und ich verstand: Mit den Händen zu arbeiten, Neues zu schaffen, ist meine Bestimmung», erinnert sich Lidia de Petris an jenen Moment vor neun Jahren.

Bis dahin hatte die in Zürich als Kind italienischer Eltern aufgewachsene Lidia nur mit dem Kopf gearbeitet und nach der Matura ein Jurastudium im italienischen Trient abgeschlossen. «Ich sah meine Zukunft im Europäischen Parlament oder bei einer Menschenrechtsorganisation.» Doch der Virus der Veränderung hatte sich längst eingeschlichen: In einem Erasmus-Jahr in Antwerpen taucht Lidia in die belgische Bierkultur ein. «Diese neuen Geschmäcker, die ich als Italienerin nicht kannte – ich war sofort fasziniert.» Lidia packt ihre Sachen und lässt sich in London in der hippen, aufstrebenden Beavertown Brewery zur Bierbrauerin ausbilden.

Ansteckende Leidenschaft

Valeria, die eineinhalb Jahre jüngere Schwester, studierte ebenfalls Jura, hatte aber bald keine Lust mehr auf eine Anwaltskarriere. In den Semesterferien entdeckt sie auf einem Hof im süditalienischen Apulien ihre Liebe zu Pferden, bricht die Uni ab und geht in die Schweiz, um in einem Rennstall zu arbeiten. «Ich fing ganz unten an – Stall ausmisten und so. Niemand hat auf mich gewartet.» Das de-Petris-Gen zeigt sich schnell: Innert Jahresfrist ist Valeria Jockey. Dann besucht sie Lidia in London. «Lidias Leidenschaft ist ansteckend. Ich las ein paar Bücher über Bier in ihrer Wohnung – und war gepackt.»

Auf Londons Bierszene hätte niemand auf die beiden jungen Italienerinnen gewettet. «Man braucht keinen Bart und keine Tätowierungen, um zu brauen», ist Valeria überzeugt. Beide studieren das Brauhandwerk am Institute of Brewing and Distilling und beweisen den «harten Jungs» der Branche ihr Können. Lidia steigt zur Chefbrauerin bei Beavertown auf, Valeria eröffnet und leitet einen Ableger der Brauerei im Stadion von Tottenham Hotspur – und verliebt sich in den deutschen Brauer Max Hartmann, der sich ebenfalls in London weiterbildet.

Der grosse Traum, Teil 1

In der Welt der de-Petris-Schwestern könnte alles gut sein – wäre da nicht der grosse Traum: die eigene Brauerei, und zwar in Zürich, wo sie aufgewachsen sind. Nach sechs Jahren in England treibt sie das Heimweh zurück; zu dritt – die beiden Schwestern und Max – ziehen sie nach Zürich. «Es war schwierig, einen Ort für unsere Brauerei zu finden», erzählt Lidia, «und keine Bank wollte uns finanzieren.» Mit Ersparnissen, der Unterstützung ihrer Familien und einem Crowdfunding schaffen sie es trotzdem und gründen das «Bierwerk Züri». Den Ausbau erledigen sie grösstenteils selbst, in 16-Stunden-Tagen. Am 3. Juli 2021 öffnet das Bar-Restaurant an der Europaallee in Zürich; das Bier wird direkt aus den Tanks am Tresen ausgeschenkt.

«Man hat uns gesagt: Damit kommt ihr in Zürich nie durch. Das ist eine reiche Stadt, die Leute wollen bedient werden.» – Lidia de Petris, Bierwerk Züri

Doch das Konzept funktioniert, die spartanisch eingerichtete Mikrobrauerei boomt vom ersten Tag an. Das Geheimrezept? «Sicher unsere Authentizität – wir sind, was wir sind, und machen bei der Qualität null Kompromisse», sagt Lidia. Und Valeria: «Der grösste Erfolg ist das Bier selbst. Es ist das frischeste, das es in Zürich gibt.» Vier Standardsorten gehören zum Programm, dazu immer wieder Spezial- und Saisonbiere. Vor allem aber nehmen sich die Schwestern Zeit: «Bei den Grossen muss das Bier nach vierzehn Tagen raus. Bei uns darf es sechs bis acht Wochen reifen.»

Der grosse Traum, Teil 2

Das Geschäft läuft, doch der Traum ist noch nicht zu Ende geträumt. Lidia lächelt: «Im nächsten Frühling wollen wir eine Produktionsstätte bauen, in der wir bis zu zehnmal mehr Bier brauen. Eine Abfüllanlage soll dann Restaurants und den Detailhandel beliefern.» Auch die Banken zeigen sich mutiger – «sie waren beeindruckt von unseren Zahlen», sagt Lidia stolz. Beim Tempo bleibt sie dennoch besonnen: «Wenn die neue Anlage läuft, suchen wir neue Mittel. Aber nicht Wachstum um jeden Preis – wir bleiben eine lokale Brauerei.» Wer weiss, was der nächste grosse Traum wird.

Dieser Artikel erschien im November 2022 in der Ausgabe MEN 2/22.

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