
Dann heult er auf. Der rote Ferrari kommt in Bewegung, die Beifahrerin ist aufgeregt und der Fahrer Benedikt Lüchinger wirkt gelassen. «Ich fahre solche Autos nicht mal so gerne», sagt der Gründer des Autovermieters Edel & Stark. Das Unternehmen leiht seit 13 Jahren Luxusautos wie diesen Ferrari aus.
Der 39-jährige Lüchinger ist studierter Hotelier, die Geschäftsidee hatte er mit einem Kollegen nach ein paar Runden Bier: Fahrzeuge der Superklasse zu vermieten. Die Anfänge fasst er so zusammen: «Wir waren ein Airbnb für Luxusautos.» Private Besitzer liehen ihre Boliden aus, dafür wurde für sie der Unterhalt günstiger.
Heute ist das Konzept anders: Händler konnten Occasionsautos wegen des starken Frankens nicht mehr so leicht verkaufen. So lastet Edel & Stark nun ihre Fahrzeuge aus. Diese Kooperation besteht heute noch. Falls schnell ein Porsche her muss, habe er mehrere Möglichkeiten, um jeden Kundenwunsch zu erfüllen, erzählt Lüchinger während unserer aufsehenerregenden Fahrt. Dabei hat er auch selber eine schöne Auswahl: An die 35 eigene Autos stehen bei Edel & Stark in Oftringen.
Und die Flotte lässt sich sehen: In der Garage stehen unter anderem ein Porsche Carrera, ein Mercedes-Maybach oder ein Aston Martin. Die SUVs sind alle vermietet, weil sie sich für grosse Familien und die Skisaison eignen. Auch Kundenautos sind hier in Obhut, die von Edel & Stark gewaschen, gewartet und gehegt werden. Dort steht ein Bodyguard-Auto eines mexikanischen Eisenhändlers, mit einem montierten Aufprallschutz.
Natürlich kommen keine Kunden hierher, die Autos werden zu ihnen gebracht. Bis ein Geschäft steht, muss – je nach Wert des Autos – eine Kaution von 5000 oder 10 000 Franken hinterlegt werden, für allfällige Schäden am Fahrzeug. Solche Kautionen seien schon mit Goldbarren bezahlt worden, erzählt Benedikt stolz und nimmt ein Kilo Gold aus dem Tresor. Der Barren ist kalt, klein und schwer.

Spontan nach Rom
Mittlerweile hat Edel & Stark in München und in Dubai Standorte. Das Geschäft floriert, das Wachstum liegt laut Lüchinger im zweistelligen Bereich pro Jahr. Die Lohnliste ist auf 28 Namen angewachsen. «Wir sind eigentlich ein Logistikunternehmen. Wir vermieten Autos und liefern sie in Europa überallhin», sagt er. So sei einer seiner Angestellten fünf Tage nach Lappland gefahren, damit ein Kunde sich im Schnee vergnügen kann. Oder da sind die Spontantrips nach Rom, bei denen die Angestellten jederzeit Begleitungen mitnehmen dürfen. Unter den 15 Fahrenden seien ehemalige Polizisten, Flight Attendants, Drogenfahnder, Pfarrer, SAP-Berater oder Autohändler. «Wir stellen keine Autofanatiker an, das gibt nur Probleme.» Probleme wie Geschwindigkeitsbussen oder Unfälle. Apropos Bussen: Lüchingers Geschäft ist auch für den Staat rentabel, an die 800 Bussen flattern pro Jahr rein. «Wir verrechnen diese weiter.»
Wer ein solches Geschoss mietet, kompensiert doch damit Minderwertigkeitskomplexe, so die allgemeine Meinung. Grosses Auto, kleiner Schniedel, hört man immer wieder. Benedikt Lüchinger lacht und sagt nach einer Denkpause: «Ich war noch nie mit einem meiner Kunden in der Sauna, daher kann ich das mit der Grösse nicht beurteilen.» Zudem sei ein Drittel der Kundschaft weiblich.
Zurück in den Gokart
Im Büro sitzen zwei Logistiker und nehmen Telefonate und Nachrichten entgegen. Sie schaffen es, ein gewünschtes Auto in anderthalb Stunden an den Flughafen Zürich-Kloten zu bringen. Jetzt ist aber Mittagspause, jeder der beiden schnappt sich ein Auto aus der Garage. Nach dem Essen im Coop-Restaurant waschen sie gleich noch zwei Fahrzeuge sauber.

Auch wir setzen uns wieder in den Ferrari. Man hat das Gefühl, man sitzt am Boden. Der Schalensitz ist nicht nur bequem. Und ich stelle mir fünf Tage in diesem Sitz vor, grauenhaft. Aber als der Motor aufheult, verschiebt sich der Fokus sofort auf die Ohren. Wir fahren auf die Autobahn, Benedikt Lüchinger schaltet in einen kleinen Gang, der Ferrari heult noch lauter, die Tempobeschränkung läutet kurz darauf ebenfalls.
Das Geschäft mit E-Autos
Bereits hat Edel & Stark E-Autos im Angebot. In diesen Wochen bekommt Benedikt Lüchinger als einer der ersten einen Volvo EX90 ausgeliefert. Er ist überzeugt, dass er mit seinem Geschäft trotz Klimawandel, Selbstfahrer-Software und E-Motoren gute Zukunftschancen hat. Dass Versicherungsraten bei selbstfahrenden Autos sinken werden, sei klar, weil Menschen mehr Fehler machen als ein Computer. Aber: «Die Leute lieben es, selber Hand ans Steuer zu legen. Das wird der Luxus sein, nicht das Auto.» Die Zukunft sieht also rosig aus. Oder vielleicht in diesem Fall rot. Ferrarirot.
Dieser Artikel erschien im Mai 2024 in der Ausgabe MEN 1/24.


