Ein Leben mit Vollgas

Fünf Sekunden. Es braucht nicht mehr, den ersten Eindruck zu hinterlassen. Wie jemand auftritt, was er trägt, was er sagt. Diese fünf Sekunden lassen sich danach nur schwer korrigieren, brennen sich in die Köpfe ein, die erste Meinung ist gemacht. Das weiss auch Ronnie Kessel, als er mit federnden Schritten, Dreitagebart und wuscheligem Haar im kleinen, aber edlen Empfangsraum der Kessel-Gruppe in Lugano TI auftaucht. «Wenn du jetzt einen elegant gekleideten Geschäftsmann erwartest», sagt er mit einem jungenhaften Lächeln, «dann muss ich dich enttäuschen.» Er zeigt auf seine Turnschuhe, seine Jeans und das T-Shirt mit dem grossen Livefast-Logo. «Das bin ich, etwas anderes bekommst du nicht.»

Kein Problem. Mehr wollen wir auch nicht. Denn wir sind hier, um den Menschen näher kennenzulernen. Den Wunderjungen der Ferrari-Welt, den Vorzeige-Tessiner, den Rennfahrer und Topmanager mit weltweitem Renommée. Und den Mann mit einer tragischen Familiengeschichte.

Die Ausgangslage: Ronnie ist der Sohn von Loris Kessel, dem charismatischen Formel-1-Piloten, Gründer und geachteten Patron eines Autohauses in Lugano. Sohn Ronnie ist in den 2000er-Jahren jung, unbeschwert, studiert Wirtschaft an der Uni Lugano und fährt in der Freizeit Rennen. Mit zwölf Jahren bekam er seine Rennlizenz, mit 14 startete er in einer italienischen Serie und mit 16 in der Ferrari-Challenge. Noch immer ist er der jüngste Fahrer, der jemals in einer offiziellen Ferrari-Serie gestartet ist.

Das alles ändert sich vor 14 Jahren, als Vater Loris an Leukämie erkrankt. Ronnie ist gerade einmal 21 Jahre jung, als er die Firma mit 60 Angestellten übernimmt. Am 15. Mai 2010 stirbt Loris Kessel.

Ronnie, wie übernimmt man eine Firma mit 21 Jahren? Wird man da überhaupt ernst genommen?

Ronnie Kessel: Es war wirklich nicht einfach. Aber es half, dass ich Rennfahrer war. Als Pilot weisst du, dass man ein Rennen nicht allein gewinnen kann. Es braucht ein Team. Einer wechselt die Reifen, ein anderer tankt auf, es braucht Ingenieure, Mechaniker. Du bist am Steuer, aber nicht der Motor. Es ist das Team, das dich weiterbringt. Darauf muss man bauen. Und zweitens bekam ich den besten Rat meines Lebens von einem unserer engsten Mitarbeiter.

Und der wäre?

Nach dem Tod meines Vaters sagte er zu mir: «Wenn du dich durchsetzen willst, dann tu es. Überzeuge uns alle, dass du eine Vision hast, dass wir dir folgen müssen. Aber mache es mit Autorevolezza, nicht mit Autorität.» Das war der springende Punkt.

Autorevolezza lässt sich nicht so leicht ins Deutsche übersetzen. Es bedeutet eine Mischung aus Respekt, Ansehen und Selbstvertrauen. Ist es das, was du damit meinst?

Es gibt einen grossen Unterschied zwischen den beiden Wörtern. Autorität bedeutet, dass du der Chef bist. Du sagst den anderen, was sie zu tun haben. Und sie tun es, weil du die Macht hast. Autorevolezza ist anders. Dann arbeiten die Leute für dich, weil sie dich respektieren. Nicht weil du der Chef bist. Sondern weil sie verstehen, dass hinter deinen Worten eine klare Vision für das Unternehmen steht.

Und mit 21 Jahren hat man eine klare Vision? Die meisten sind dann noch ziemlich naiv und haben keine Ahnung vom Leben.

Der stolze Chef in seiner Rennabteilung. Im Auftrag von Ferrari ist Kessel Racing für alle GT3-Fahrzeuge der Welt verantwortlich.
Der stolze Chef in seiner Rennabteilung. Im Auftrag von Ferrari ist Kessel Racing für alle GT3-Fahrzeuge der Welt verantwortlich.

Da hatte ich Glück. Neben meinem Studium war ich immer in der Firma. Ich hatte die Leidenschaft für schnelle Autos. Und meinen Vater, den besten Lehrmeister. Und dann gibt es noch dieses italienische Sprichwort, das hier auch zutraf: Wenn das Wasser den Hintern berührt, lernt auch der Esel schwimmen.

Also hast du schnell schwimmen gelernt?

Oh ja. Der Tod meines Vaters war ein Schock, der mich extrem schnell reifen liess und mir sofort ein grosses Verantwortungsgefühl gab. Mir war klar, dass ich jetzt auch die Verantwortung für 60 andere Menschen auf meinen Schultern hatte.

Und das war schwer?

Nein, das war es nicht. Es hat bei mir einfach Klick gemacht. Ich war Pilot, voller Adrenalin, wollte gewinnen. Aber jetzt musste ich die Rennstrecke wechseln. Ich nahm Adrenalin und Siegeswillen mit in die neue Welt. Der grosse Unterschied war, dass es nun nicht nur ein einzelnes Rennen war. Wenn im Sport etwas schiefgeht und du rausfliegst oder wenn du bei den Letzten landest, dann hast du am folgenden Wochenende eine neue Chance. Aber das hier war anders. Ich wusste, dass ich keine Fehler machen durfte. Und dass es ein Langstreckenrennen war. Das Rennen meines Lebens.

Man muss Ronnie einfach mögen. Läuft er durch sein Autohaus, begrüsst er jeden Mitarbeiter mit Handschlag und Namen. Weiss immer, was läuft, wer an welchem Auto woran arbeitet. Aber hinter dem lockeren Auftreten, der Unkompliziertheit und der Ehrlichkeit blitzt immer wieder ein unbändiger Wille auf. Ronnie ist ein Racer, einer, der gewinnen will.

In den letzten 14 Jahren hat er die Kessel-Gruppe zu internationalem Ansehen gebracht. Dahinter stand von Beginn weg eine klare Strategie, die mit dem Begriff Cars definiert wird. C steht für die Classic-Abteilung, die sich um historische Autos kümmert. A für Automotive, sprich den Verkauf von Ferrari, Maserati, Bentley und Pagani. R steht für die Racing-Abteilung, sechs Kessel-Lastwagen spulen jedes Jahr 300 000 Kilometer herunter und transportieren 30 Rennautos, die in fünf verschiedenen Meisterschaften starten. Von Monza und Imola (beide I) über Nürburgring (D), Silverstone (GB) bis Le Mans (F). Im Auftrag von Ferrari ist Kessel Racing für alle GT3-Fahrzeuge verantwortlich, die irgendwo auf der Welt im Renneinsatz stehen. Inzwischen arbeiten 140 Spezialisten in der Firma. Mit S ist die Serviceabteilung gemeint.

Woher wusstest du von Anfang an, wohin die Reise geht?

Ich habe viel darüber nachgedacht und wusste, dass ich eine glasklare Strategie brauchte. So ist Cars entstanden. Das Gute dabei: Alle Bereiche unterstützen sich gegenseitig. Wir haben alles im gleichen Haus, Motoren, Getriebe, Karosserie, die Elektrik oder die Polsterung. Das nützt allen Abteilungen. So können wir den Kunden einen 360-Grad-Service anbieten. Egal, ob im Classic-Bereich oder im Motorsport.

Und wie managt man einen solchen Betrieb?

Vielleicht würde man das nicht meinen, aber ich bin ein sehr strukturierter Mensch. Organisation ist das A und O. Jeder Tag ist klar geplant. Am Montag kümmere ich mich um Verkauf und Marketing, der Dienstag gehört dem Racing-Team und so weiter. Und am Wochenende bin ich immer an einem unserer Rennen.

Erinnerung an die GT Open 2008: Vater Loris und Sohn Ronnie Kessel fuhren auch zusammen Rennen.
Erinnerung an die GT Open 2008: Vater Loris und Sohn Ronnie Kessel fuhren auch zusammen Rennen.

Sieben Tage die Woche ohne Pause? Wird das nicht zu viel?

Ja, das ist viel Zeit. Es bedeutet, dass ich mein Leben in das Unternehmen investiere. Aber das ist eben meine Leidenschaft. Da ist es schwierig, zwischen Arbeits- und Privatleben zu trennen. Das ist das Geheimnis. Man muss seine Leidenschaft zu seiner Arbeit machen.

Du bist erst 35 Jahre alt, hast Erfolg und bist weltweit anerkannt. Was gibt es da noch mehr zu erreichen?

Enzo Ferrari, der Guru der Gurus, sagte einmal: Der schönste Sieg ist immer der nächste. Das teile ich. Ich bin im Rennen meines Lebens. Solange meine Kolben auf Hochtouren laufen, mache ich weiter.

Aber immer am Limit zu sein, ermüdet das nicht?

Mein Motto ist «Never off». Das letzte Mail gestern habe ich etwa um ein Uhr nachts geschrieben, das erste heute Morgen um 5.30 Uhr. So bin ich. Das habe ich wahrscheinlich geerbt, das ist unsere DNA. Wir sind eine Familie von Piloten und geben immer Vollgas.

Wie lange kann man das durchhalten?

Ich fühle mich in Höchstform. Aber wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich meine ersten grauen Haare. Mir ist auch klar, dass ich nicht ewig mit 7000 Umdrehungen pro Minute im sechsten Gang fahren kann. Irgendwann muss auch ich zurückschalten. Aber ganz sicher wird es nicht der zweite oder dritte Gang sein.

Und eine eigene Familie ist nicht in Sicht?

Will ich eine Familie? Die Antwort ist ein klares Ja. Es gibt nichts Schöneres. Eines der wirklichen Ziele im Leben ist, etwas zu hinterlassen. Erben zu haben, die diese Leidenschaft weiterführen. Kessel gäbe es heute nicht mehr, wenn ich nicht von meinem Vater und meiner Mutter gezeugt worden wäre. Aber ich habe noch ein paar Jahre Zeit, um in diese Phase einzutreten.

Ist dein Lieblings-Ferrari immer noch der F40?

Ja, und zwar aus mehreren Gründen. Das war das Auto, mit dem mein Vater mich samstags und sonntags immer herumgefahren hat. Er mochte den F40, weil er im gleichen Jahr herauskam, in dem ich geboren wurde. So sind wir wie Zwillinge, beide gleich alt.

Und der zweite Grund?

Der F40 ist noch immer eine zeitlose Schönheit. Es war auch das letzte Auto, das Enzo Ferrari vor seinem Tod noch erlebt hat. Ein Auto, vor dem man grossen Respekt haben muss, denn es ist nicht gerade einfach zu fahren.

Du konntest als kleines Kind am besten zum Ton eines Zwölfzylindermotors einschlafen. Stimmt das?

Ja. Ich war schon mit drei, vier Monaten dabei, wenn mein Vater Rennen fuhr. Damals gab es vor allem Zwölfzylinder auf den Strecken. Ich habe mich so an das Geräusch gewöhnt, dass ich immer gleich einschlief. Und wenn ich zu Hause war, weinte ich. Da kaufte meine Mutter die CD ‹Mechanics Symphonies›, mit dem Sound von Autos. Damit konnte ich wieder einschlafen.

Und was denkt der Liebhaber lauter Zwölfzylindermotoren über leise Elektroautos?

Ich habe kein Problem damit. Wir sind in der Welt von Superautos und versuchen, unseren Kunden immer wieder neue Emotionen zu vermitteln. Als Ferrari einen Achtzylinder anbot, gab es zuerst auch Aufregung. Danach liebten die Menschen das neue Auto. Auch der Hybridantrieb war kein Niedergang. Sondern die Möglichkeit, dank eines Elektromotors noch mehr Leistung zu gewinnen. Wir müssen flexibel sein und immer wieder die Motivationen finden, um solche Autos zu kaufen. Und für den, der den Lärm alter Motoren will, gibt es ja noch die Oldtimer.

Das Interview ist beendet, es ist Zeit für die Fotos. Ronnie bietet an, sich umzuziehen: «Ich habe noch einen eleganten Anzug dabei.» Wir lehnen ab. Mit Turnschuhen, Jeans und T-Shirt – das ist der Ronnie, den alle lieben. Mehr wollen wir nicht.

Dieser Artikel erschien im November 2022 in der Ausgabe MEN 2/22.

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