Fast 100 Jahre alt ist sie geworden, Georgia O’Keeffe, und in dieser langen Lebenszeit hat sie ein umfangreiches Werk geschaffen, das stets eine sehr weibliche Sicht auf die Dinge verrät. Ob frühe Abstraktionen, die ikonischen Blumen oder die stilisierten Landschaften aus dem Südwesten der USA — immer ist ihre originelle, einfühlsame Optik zu lesen, die zum Kern der Dinge vorstösst. «Man nimmt sich selten die Zeit, eine Blume wirklich zu sehen. Ich habe sie gross genug gemalt, damit andere sehen, was ich sehe», erklärte sie ihre Vorgehensweise.

Es sind diese übergrossen Blumendarstellungen, die die 1887 auf einer abgelegenen Farm in Wisconsin geborene Künstlerin weltweit bekannt machten. Der Fokus auf das Detail, die satten Farben, die üppige Darstellung verleihen ihren Bildern eine erotische Ausstrahlung; nicht wenige assoziieren die Blüten mit weiblichen Genitalien, auch wenn O’Keeffe dies nie als Absicht erklärte. Wie es bei Kunst, die den Namen verdient, der Fall ist, bieten ihre Bilder vielfältige Interpretationsmöglichkeiten.

Georgia O’Keeffe, «Jack-in-the-Pulpit No. IV», 1930, Öl auf Leinwand. National Gallery of Art, Washington, Alfred Stieglitz Collection. © Fondation Beyeler.
Georgia O’Keeffe, «Jack-in-the-Pulpit No. IV», 1930, Öl auf Leinwand. National Gallery of Art, Washington, Alfred Stieglitz Collection. © Fondation Beyeler.

Zu einer Zeit, in der männliche Künstler und ihre Sicht auf alles — auch auf den weiblichen Körper — dominierten, schuf O’Keeffe ganz bewusst eine eigene feminine Bildsprache, voller Sinnlichkeit und fernab von Klischees. «Bevor ich den ersten Pinselstrich mache, frage ich mich: Bin das wirklich ich? Hat mich vielleicht ein Gedanke beeinflusst, den ich von einem Mann übernommen habe? Ich versuche, ein Bild so zu malen, dass es ganz allein eine Sache der Frauen und gleichzeitig ganz allein meine Sache ist», umschrieb sie ihren Ansatz, der auch männliche Betrachter berührt.

In ihren späteren Werken fokussierte die Künstlerin auf Landschaften — vorwiegend auf die karge Schönheit New Mexicos —, die sie mit dem gleichen Eigensinn und der gleichen Intensität wiedergab wie zuvor die Blumen. Als sie 1986 im Alter von 98 Jahren starb, galt sie längst als Ikone der modernen amerikanischen Kunst. Nun präsentiert die Fondation Beyeler eine umfassende Auswahl aus ihrem Lebenswerk, mit zum Teil selten gezeigten Bildern — eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte. (Fondation Beyeler, Riehen, 23. Januar bis 22. Mai 2022.)

Dieser Artikel erschien im November 2021 in der Ausgabe MEN 1/21.

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