
Es ist immer wieder eine wahre Freude, mit echten Automobilexperten einen entspannten Austausch zu pflegen. Dieter Jermann, der sich von jeher mit Mobilität beschäftigt hat, ist einer der ganz souveränen Sorte. Seit 2018 amtet er als Brand Director Audi bei der Amag Import AG. Zur Abwechslung haben wir zwei Generationen Journalistinnen aufgeboten: Schreiberin Dörte Welti und ihre Tochter Carla, Content Creator für Automobiles. Kernthema: Elektromobilität. Aber es gab mehr zu bereden. Anmerkung: Man kennt sich schon länger, man duzt sich.
Dörte Welti: Dieter, mit welcher Argumentation würdest du heute einer aus der Generation Z wie Carla ein Elektroauto verkaufen wollen?
Dieter Jermann: Das ist die einzige Antriebsform, die der Nachhaltigkeit wirklich Rechnung trägt und auch die Normen einhält. Ich fahre zum Test zwar auch gern einen Audi RS6, das macht riesig Spass. Aber seit der Markteinführung des ersten e-tron im März 2019 fahre ich als Dienstwagen einen vollelektrischen Audi e-tron. Ich bin begeistert – fahre allerdings zu 90 Prozent in der Schweiz. Für lange Strecken in Südeuropa braucht es mehr Planung; wer hauptsächlich in der Schweiz unterwegs ist, dem empfehle ich E-Mobilität, weil der Strommix hier viel nachhaltiger ist. Ein Fahrzeug abends zu laden und CO₂-emissionslos zu fahren, statt Treibstoff von irgendwoher, aus dem fernen Osten oder von wo auch immer, zu transportieren und aufzubereiten – das tut der Umwelt deutlich besser. Und Elektroautos sind heute sehr sportlich: Das Drehmoment ist direkter, das sorgt für grossen Fahrspass.
Dörte Welti: Fahrspass mit Elektroautos? Mir fehlen da ein bisschen die Emotionen …
Dieter Jermann: Emotionen hast du trotzdem, sie fallen nur nicht so auf. Man hört weniger, aber der Fahrspass ist da. Spannend ist zum Beispiel, das ganze Rekuperations-Management auszuloten.
Carla Welti: Da muss ich zustimmen. Gerade bei Audi funktioniert das Spiel mit der Rekuperation unwahrscheinlich gut – ich mache mir gern eigene Challenges. Bei anderen Marken klappt das weniger gut, da ist man viel stärker von der Ladung abhängig. Wer noch nie elektrisch gefahren ist, kann das schwer nachvollziehen, weil das Offensichtliche fehlt: der Sound, der Geruch, das Gefühl vom Motor. Aber es gibt eben neue Emotionen.
Dörte Welti: Ich fahre gern Alpenpässe mit dem Elektroauto. Aber auch ohne Pass bekommt man überall dort ein gutes Gefühl, wo man rekuperieren kann – jedes Mal ein Erfolgserlebnis, wenn man so Reichweite gewinnt. Mein Sohn ist 22, fährt im Moment noch selbst einen Verbrenner, wird aber sicher einmal vollelektrisch fahren. Weisst du noch, was dein erstes eigenes Auto war?
Dieter Jermann: Ich wollte immer früh Auto fahren und machte den Führerschein gleich am ersten Tag, als ich 18 wurde. In meinem Umfeld fuhren damals alle Golf GTI mit 100 PS. Ich wollte nicht haben, was alle haben – und so wurde ein Fiat Ritmo 105 mein erstes Auto, weil er 105 PS hatte und gut tönte.

Dörte Welti: Hat dein erstes Auto deine Leidenschaft für die Branche geweckt?
Dieter Jermann: Die war immer da. Ich begann in der Velo- und Motorradbranche in der Westschweiz, weil ich Französisch lernen wollte. Beim Marktführer Villiger war ich in der Geschäftsleitung und hatte alles erreicht, was in dieser Branche möglich war. Dann suchte Pirelli einen Marketingleiter Schweiz – das Internationale reizte mich, ein Schritt Richtung Auto. Später leitete ich die Schweiz, dann Zentraleuropa: zehn Märkte, sieben Währungen, viele Sprachen und Kulturen. Nach sieben Jahren wollte ich etwas Neues; Pirelli bot mir Europa an, aber dafür hätte ich nach Mailand ziehen müssen, und ich wollte die Schweiz nicht verlassen. Dann kam die Anfrage der Amag – für Audi, das passte perfekt, denn ich war 18 Jahre lang Audi gefahren. Die richtige Anfrage zur richtigen Zeit. Ich glaube daran: Wenn man sich im Unterbewusstsein Ziele setzt, erreicht man sie auch.
Carla Welti: War der Wechsel zu Audi dann einfach?
Dieter Jermann: Am Anfang war es intensiv und herausfordernd. Man konnte nur einen Teil der Modelle bestellen, andere nicht, weil sie nicht homologiert waren – eine richtige Dauerkrise, die Marke war ziemlich beschädigt. Wir entwickelten eine Strategie, verstärkten das Team. Nach dem dritten Jahr kamen die Erfolge; heute, nach fünf Jahren, haben wir eine Leaderposition unter den Premiumherstellern. Das zeigt: Mit ausgezeichneten Autos, gutem Management und einem leidenschaftlichen Team lässt sich extrem viel erreichen.
Dörte Welti: Hilft Motorsport bei der Markenbildung?
Dieter Jermann: Die Formel 1 ist für Audi die ideale Plattform, um Vorsprung durch Technik zu beweisen. Das neue Reglement ab 2026 mit grösserem Fokus auf Nachhaltigkeit und Elektrifizierung ist einer der Hauptgründe für unseren Einstieg in die Königsklasse. Das Interesse an der Formel 1 ist weltumspannend – 2021 waren es über 1,5 Milliarden TV-Zuschauer, die Reichweite einer Saison ist mit Olympia und Fussball-WM vergleichbar. Ich glaube, die Formel 1 von 2026 wird alles sprengen, was wir uns ausdenken können.
Carla Welti: Vor allem die Jungen werden ganz anders angesprochen, schon jetzt durch die Netflix-Serie «Drive to Survive». Komplett anders.
Dieter Jermann: Komplett. Die Formel 1 ist neben den klassischen Medien vor allem in den sozialen Medien präsent, wo man junge Zielgruppen erreicht. Der Werbewert ist ausserordentlich hoch.

Carla Welti: In der Formel E seid ihr aber schon lange nicht mehr vertreten, im Motorsport seid ihr hauptsächlich in der Verbrennerwelt unterwegs – und auch die neue Formel 1 bleibt eine Form des Fahrens mit Verbrennermotor. Warum bleibt Audi in der Kommunikation an die Endkunden so vehement bei der Batterie, wenn ihr sportlich nicht aktiv mit Elektromotoren involviert seid?
Dieter Jermann: Die Audi AG setzt auf Technologieoffenheit, hat aber eine klare Entscheidung getroffen: 2033 steigen wir aus dem Verbrenner aus, weil das batterieelektrische Fahrzeug die effizienteste Methode für Individualmobilität ist. Geplant ist, bis 2032 noch Verbrenner zu produzieren; ab 2026 führen wir keine neuen Verbrennermodelle mehr ein, bis 2032 laufen die Programme aus. In der Kommunikation setzen wir seit Tag eins konsequent auf Elektromobilität.
Dörte Welti: Zurück zu deiner persönlichen Mobilität. Du fährst ab und zu gern RS – wann üblicherweise? Fährst du ins Wochenende, gehst du surfen, segeln, Ski fahren?
Dieter Jermann: RS-Fahren geht auch elektrisch. Ich fahre unsere elektrische Speerspitze, den Audi RS e-tron GT, liebend gern – das Drehmoment, die Power sind ohne Verzögerung direkt spürbar. Am Wochenende bin ich, wann immer möglich, sportlich unterwegs: im Winter sehr viel auf Ski mit meiner Frau, im Sommer biken wir gern.
Dörte Welti: Mit dem neuen Audi Bike? Und ist das dein Q8 e-tron vor der Tür, mit dem Fahrradträger?
Dieter Jermann: Ja klar. Das Bike gibt es erst seit Anfang Sommer, ich habe es ehrlich gesagt noch nicht ausprobiert, werde es aber nachholen. Es ist ein E-Mountainbike, vom Audi RS Q e-tron inspiriert. Viele Autohersteller bringen neuerdings Bikes – die Technologie ist trendy, das Design ansprechend, und es passt zum Ausgleich, wenn man sportlich unterwegs ist.
Dörte Welti: Wie sieht die nahe Zukunft für Audi aus?
Dieter Jermann: Wir ersetzen die meisten Verbrennermodelle komplett – bis Ende 2025 kommen 20 neue Modelle. Als Nächstes der Audi Q6 e-tron, von innen nach aussen designt, mit Curved Display und sogar einem Screen für die Beifahrerseite, über 600 Kilometer Reichweite und bis zu 270 kW Ladeleistung dank 800-Volt-Technik. 2026 folgt die Formel 1 – das gibt nochmals grosse Emotionen.

Carla Welti: Wie siehst du die Ladeinfrastruktur?
Dieter Jermann: Die Amag Group hat Helion übernommen, die klare Marktführerin in der Photovoltaik. Bald verkaufen wir nicht nur ein Fahrzeug, sondern bieten auf Wunsch auch die Ladestation für zu Hause an – mit Photovoltaik oder Pufferspeicher. Mit diesem Energiekreislauf sind wir einzigartig. Übermorgen werden Parkfelder induktiv laden. Wir leben in einer extrem spannenden Zeit. «Future is an attitude» – das ist unser Credo. Jetzt frage ich euch: Wie steht ihr beide grundsätzlich zu Elektroautos?
Dörte Welti: Ich habe privat einen Volvo XC40 Recharge; die rund 40 Kilometer elektrische Reichweite genügen mir meist für den Alltag. Auf langen Strecken bin ich froh, nicht nach Ladestationen suchen zu müssen. Rein elektrisch – dazu bin ich noch nicht bereit.
Carla Welti: Von April bis Oktober ist Motorsport-Hochsaison, und da es in der Schweiz keine Rundstreckenrennen der Spitzenklassen gibt, muss ich für meine Arbeit ins Ausland – da ist das Thema Ladestationen noch anstrengend. In der Schweiz ist es entspannt: Ich habe eine eigene Wallbox zu Hause, und es gibt überall High-Speed-Charging. Es kommt aber auch aufs Modell an.
Dörte Welti: Du kommst gerade von einer Händlertagung. Wie ist die Stimmung bei den Händlern in puncto gebrauchte Elektroautos?
Dieter Jermann: Für die Händler ist das eine grosse Transformation – eigentlich drei auf einmal. Erstens die Elektrifizierung, vom Verbrenner zum E-Auto. Zweitens das Vertriebsmodell: Heute verkauft der Hersteller uns als Importeur die Autos, wir dem Händler, der Händler dem Kunden – das wird sich ändern. Und drittens das Konsumverhalten der Jungen: Vielleicht wollen sie gar kein eigenes Auto mehr, nur noch Mobility-Service, Leasing oder ein Auto für ein Jahr. Hundert Jahre lief alles ähnlich ab, jetzt geschehen in fünf Jahren drei Transformationen gleichzeitig – eine grosse Herausforderung für die ganze Branche.
Dieser Artikel erschien im November 2023 in der Ausgabe MEN 2/23.


