Mangiare, Motori, Modena

Fitness-Junkies und Kalorienzähler sollten lieber einen grossen Bogen um Modena machen. Denn hier gibt es alles in Hülle und Fülle, was Waschbrettbäuchen den Kampf ansagt: Prosciutto di Modena, Parmigiano Reggiano, Aceto Balsamico Tradizionale, Tortellini, Gnocco fritto und vieles mehr. Wer jedoch gutes Essen und trinkige Weine liebt, wird sich in der Heimatstadt von Luciano Pavarotti wie im Schlaraffenland fühlen – und sich sogar einen kleinen Vorrat dieser Köstlichkeiten mit nach Hause nehmen wollen.

Einen Besuch in Modena beginnt man am besten mit einem entspannten Bummel durch die Altstadt. Mit ihren gepflegten Gassen und imposanten Arkadengängen, die einen auch bei Regen den Spaziergang geniessen lassen, gehört diese lebenswerte Stadt zu den schönsten Norditaliens. Sehenswert ist vor allem die Piazza Grande mit den historisch bedeutendsten Bauwerken Modenas: der romanischen Kathedrale Santa Maria Assunta e San Geminiano sowie dem Glockenturm Torre Ghirlandina. Diese Meisterwerke mittelalterlicher Baukunst gehören seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Von dort ist es nur einen Katzensprung zum historischen Mercato Albinelli, wo wöchentlich rund 30 000 Einheimische und Touristen ihre kulinarischen Gelüste befriedigen. Hier gibt es eigentlich alles, was Herz und Gaumen begehren. Der Markt ist täglich ausser sonntags von 7 bis 15 Uhr geöffnet. Man kann hier aber nicht nur einkaufen, sondern auch zu Mittag essen – zum Beispiel handgemachte, hauchdünne Tortellini.

Zum Aperò oder für einen Caffè zwischendurch kehren die Modenesi gerne in die Caffetteria Drogheria Giusti in der Via Farini ein. Hier gönnt man sich bei Wirt Alessandro ein Glas hervorragenden Lambrusco und etwas vom köstlichen Prosciutto di Modena. Der aromatische, leicht süssliche Schinken steht völlig zu Unrecht im Schatten des bekannteren Pendants aus dem benachbarten Parma. Perfekt dazu passen die Gnocco fritto, in Fett ausgebackene Teigkissen aus Mehl, Wasser, Schmalz und Salz. Aber Vorsicht: Die luftig-leichten Teigtäschchen machen süchtig!

Lambrusco: Berühmt. Berüchtigt. Unbekannt.

Weinkenner rümpfen beim Namen Lambrusco vielleicht die Nase, doch die Vorurteile gegenüber dem schäumenden Rotwein sollten längst der Vergangenheit angehören. Kein anderer Wein bringt so viel Heiterkeit und Lebensfreude ins Glas wie trockener Lambrusco! Ja, richtig gelesen: Trocken sollte er sein. Denn in seiner Heimat wird Lambrusco traditionell trocken getrunken. Süsser Lambrusco ist eine relativ neue Erfindung und wird nur für den Export erzeugt.

Erst als man in den 1960er-Jahren begann, den Wein in grossen Tanks zu vergären (Charmat-Methode), wurde Lambrusco mit Restsüsse möglich. Als süsser Wein wurde er als «italienische Coca-Cola» zum Exportschlager in Amerika und damit weltberühmt: Auf dem Höhepunkt des Booms gingen jährlich 200 Millionen Flaschen allein in die USA. Das «Lambrusco-Fieber» endete schlagartig mit dem Methanol-Skandal 1986, das Image war ruiniert.

Tropfen für Tropfen: Echter Aceto Balsamico Tradizionale di Modena DOP reift mindestens zwölf Jahre in der Batteria. Foto: Tenzinsherab
Tropfen für Tropfen: Echter Aceto Balsamico Tradizionale di Modena DOP reift mindestens zwölf Jahre in der Batteria. Foto: Tenzinsherab

Bis heute kämpft der Lambrusco mit dem Ruf des süssen Pricklers aus dem Supermarktregal. Dabei gibt es längst eine ganze Reihe von Spitzen-Lambrusco, und er passt hervorragend zum Essen. Lambrusco ist nicht gross, sondern einfach – nicht im Sinn von banal, sondern echt, unkompliziert, frisch, fruchtig, direkt. Ein Wohlfühl-Elixier. Wichtig zu wissen: Lambrusco ist nicht nur ein Wein, sondern viele. Eines aber haben alle guten gemeinsam: Sie sind trocken.

Aceto Balsamico Tradizionale di Modena – eine rare Köstlichkeit

Der echte Balsamessig Aceto Balsamico Tradizionale di Modena DOP ist äusserst rar und kostbar. Mit den eindimensional süssen, klebrigen «Balsamico»-Massenerzeugnissen aus dem Supermarkt hat er nichts gemeinsam – ausser dem Wörtchen Balsamico, das nur ein Teil seines Namens ist. Den Unterschied machen der oft übersehene Zusatz Tradizionale und die geschützte Herkunftsbezeichnung DOP. Als Zutat ist allein Traubenmost aus einheimischen, in der Provinz Modena gewachsenen Reben erlaubt.

Der eingekochte Most reift in immer kleineren Holzfässern, der sogenannten Batteria aus fünf bis zwölf Fässern, auf dem Dachboden der Acetaia – den jahreszeitlichen Temperaturschwankungen ausgesetzt. Frühestens nach zwölf Jahren darf dem kleinsten Fässchen ein Zehntel entnommen werden; erst nach strenger sensorischer Prüfung darf der Essig sich Tradizionale di Modena DOP nennen und kommt in der genormten 100-Milliliter-Flasche in den Verkauf. Eine Flasche kostet meist um die 60 Euro, die Extra-Vecchio-Versionen (mindestens 25 Jahre) gegen 100 Euro. Doch wenige Tropfen genügen, um die vielfältigsten Speisen zu veredeln.

Motor Valley: die Wiege des Motorsports

Emilia-Romagna. Essig und Öl, das schwarze Gold der Region: der weltberühmte Aceto Balsamico und das Motorenöl der zahlreichen Sportwagenmanufakturen, Motorradbauer und Rennstrecken rund um Modena. Nicht grundlos heisst der rund 300 Kilometer lange Abschnitt zwischen Piacenza im Nordwesten und Rimini an der Adria das «Motor Valley». Es ist die Heimat der Pferdestärken, die Wiege des Motorsports. Vier Rennstrecken gibt es, darunter die ikonische von Imola – der «Autodromo Internazionale Enzo e Dino Ferrari» –, auf der bis 2006 Formel-1-Rennen ausgetragen wurden und an einem schwarzen Wochenende 1994 Ayrton Senna und Roland Ratzenberger tödlich verunglückten.

Die Region um Modena ist die Heimat von Ferrari, Lamborghini, Maserati, Pagani und Ducati, die alle Museen für ihre Fans haben und Werksführungen anbieten. Dazu kommen unzählige private Sammlungen – die meisten kaum bekannt und nicht öffentlich zugänglich. Einige wenige, wie das Panini Motor Museum (das inoffizielle Maserati-Museum), können auf Anfrage besichtigt werden. Mehr Informationen zur Region: motorvalley.it

Schwelgen in PS und Schönheit: im Lamborghini-Museum in Sant’Agata Bolognese, hier mit dem Hybriden Sián.
Schwelgen in PS und Schönheit: im Lamborghini-Museum in Sant’Agata Bolognese, hier mit dem Hybriden Sián.

Die Museen und Werke

Museo Enzo Ferrari, Modena: Am Rand der Altstadt wohnte der junge Enzo Ferrari und hatte seine erste Werkstatt; heute beherbergt sein Geburtshaus Archiv und ein Museum rund um Enzos Lebensgeschichte. Via Paolo Ferrari 85, Modena. — Museo Ferrari, Maranello: rund 25 km entfernt, beim Werk; hier dreht sich alles um die Unternehmensgeschichte, die Scuderia und über 70 Jahre Cavallino Rampante in der Formel 1; Werksführungen möglich. Via Alfredo Dino Ferrari 43, Maranello.

Automobili Lamborghini, Sant’Agata Bolognese: Der Legende nach entstand die Sportwagenschmiede aus einem Streit zwischen Enzo Ferrari und Ferruccio Lamborghini. Im Museum stehen die wichtigsten Modelle – vom Geländewagen LM002 bis zum Veneno; die Produktion (aktuell des Hybriden Revuelto) ist besichtigbar. Via Modena 12. — Pagani, San Cesario sul Panaro: Horacio Pagani, einst bei Lamborghini und Ferrari, baut seit 1999 eigene Sportwagen (Zonda, Huayra). Das kleine Museum am Firmensitz ist ein Muss, an Werktagen mit Manufakturführung. Via dell’Industria 26.

Maserati, Modena: 1914 in Bologna gegründet, seit 1940 mit Hauptsitz in Modena, nur drei Querstrassen von Ferrari entfernt; tiefere Einblicke gibt die Factory Tour. Das historische Markenmuseum ist die Collezione Umberto Panini etwas ausserhalb (Besuch auf Anmeldung), mit 19 Strassen- und Rennfahrzeugen. — Ducati, Borgo Panigale (Bologna): Die Panigale ist nach dem Produktionsort benannt. Werksführung und Museumsbesuch lohnen sich gleichermassen. Via Antonio Cavalieri Ducati 3.

Unsere Winzertipps rund um Modena

Cantina della Volta (Bomporto): Christian Bellei erzeugt ausschliesslich flaschenvergorene Schaumweine nach traditioneller Methode – Vorbild ist die Champagne; cantinadellavolta.com. — Cleto Chiarli (Castelvetro): das Spitzen-Weingut der Familie mit eigenen Reben (Vecchia Modena Premium, Grasparossa Vigneto Cialdini); chiarli.it. — Corte Manzini (Castelvetro): Familienbetrieb mit 50 Hektar; die intensiv-fruchtigen Lambrusco Grasparossa zählen Jahr für Jahr zu den besten; cortemanzini.it.

Fattoria Moretto (Castelvetro): Die Brüder Altariva keltern strukturierte Bio-Lambrusco mit Anspruch, Lagenweine von Hand gelesen; fattoriamoretto.it. — Francesco Bellei (Bomporto): seit 1920, heute im Besitz der Familie Cavicchioli, spezialisiert auf Metodo Classico und Lambrusco rifermentato in bottiglia; francescobellei.it. — Paltrinieri (Sorbara): Alberto Paltrinieris Radice aus 100 % Sorbara ist einer der bekanntesten Lambrusco rifermentato in bottiglia; cantinapaltrinieri.it. — Zucchi (San Prospero): zehn Hektar, frische, fruchtige, gradlinige Weine, inzwischen mit eigener Linie von Tochter Silvia; vinizucchi.it.

Eine Halle voller Parmigiano-Reggiano-Laibe ist ein faszinierender Anblick – jeder Laib reift jahrelang.
Eine Halle voller Parmigiano-Reggiano-Laibe ist ein faszinierender Anblick – jeder Laib reift jahrelang.

Unsere Lieblingslokale in Modena und Umgebung

Caffetteria Drogheria Giusti (Via Farini, Modena): Aperò-Pflicht bei Alessandro Nicolini – feinste Lambrusco und kleine Leckereien, bei Regen unter den Arkaden; caffetteriagiusti.it. — Osteria Stallo del Pomodoro (Largo Hannover 63, Modena): handwerkliche Produkte, wechselnde saisonale Gerichte, Weine kleiner Familienbetriebe; stallodelpomodoro.it. — Trattoria Bianca (Via G. B. Spaccini 24, Modena): emilianische Küche auf höchstem Niveau, seit 1948 eine Institution «wie bei der Nonna»; trattoriabianca.it.

Trattoria Entrà (Entrà, MO): abgelegen, ohne Navi kaum zu finden – und doch meist ausgebucht; seit 1969 in Familienhand Previdi, eine der besten Adressen der Gegend; trattoriaentra.it. — Foresteria Cavicchioli (San Prospero, MO): fantasievolle Pizzen aus bekömmlichem «semi-integrale»-Mehl, dazu Lambrusco – nichts passt besser; in der Bottega del Vino gibt’s die Weine der GIV-Gruppe; foresteriacavicchioli.it.

Einkaufstipps

Mercato Storico Albinelli (Via Albinelli 13, Modena): der 1931 eröffnete Markt im Herzen Modenas, ein Paradies für Feinschmecker; mercatoalbinelli.it. — Salumeria Guerzoni (Gorzano, MO): nach dem Ferrari-Museum lohnt der Halt für Prosciutto, Salame, Coppa und Pancetta. — Caseificio 4 Madonne (Lesignana): Führung durch die Reifehallen des Parmigiano Reggiano, mit Verkostung und Shop; caseificio4madonne.it.

Acetaia del Cristo (San Prospero): feine Manufaktur für echten Aceto Balsamico Tradizionale di Modena DOP; man kann die Entstehung verfolgen und verschiedene Sorten verkosten – sogar Michael Douglas lässt hier reifen; acetaiadelcristo.it. — Agrinascente (Fidenza, PR): der perfekte Halt auf dem Heimweg, direkt an der A1 Richtung Mailand, für Prosciutto, Culatello, Parmigiano, Tortellini und mehr; agrinascente.it.

Dieser Artikel erschien im November 2023 in der Ausgabe MEN 2/23.

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