«Beobachten ist die schönste Form des Denkens»

Man darf. Alfredo Häberli ist um Antworten nie verlegen. Er zählt zu den Menschen, die spannend reden können; ihm zuzuhören, ist ein Genuss, der Austausch mit ihm ein Quell an Inspirationen. Sein Arbeitsort ist seit Jahr und Tag ein gleich grosses Loft nahe Zürich Tiefenbrunnen, wo Kreativität ohne Borniertheit geatmet wird. Gerade ist er am Aufräumen, will sich von Dingen trennen – es habe sich zu viel angehäuft. Aber es tut ihm um jedes Magazin leid, das er ins Altpapier trägt; jedes Ding war irgendwann einmal Inspiration.

Entrümpeln, ein Buch schreiben – man könnte meinen, der gebürtige Argentinier lässt sein Leben Revue passieren, sei an einem Wendepunkt angelangt. Aber nein: Das Buch ist schlicht eine seiner kreativen Ideen. Die entstehen, wenn Raum dafür ist, der Kopf frei, wenn man nicht von Terminen gehetzt durchs Leben saust.

So eine Situation gab es, als die Mailänder Möbelmesse Salone del Mobile, die Häberli jedes Jahr mit Enthusiasmus besucht, wegen Covid ausfiel. Eine leere Woche, unerwartet, ein Loch in der Agenda. Häberli überlegte, wie man diese leeren Seiten füllen könnte, und erinnerte sich an all die Leute, denen er seit 1986 in der Designwelt begegnet ist: «Als junger Student träumst du davon, eines Tages für Namen wie Achille Castiglioni, Enzo Mari oder Enrico Astori zu arbeiten. Von meinen zehn liebsten Firmen habe ich im Laufe der Jahre dann für acht gearbeitet.»

Er nutzt die stehengebliebene Zeit und schreibt all diese persönlichen Begegnungen mit seinen Designikonen auf – und das sind viele. «Verbal gekritzelt» nennt er diesen Teil seines Buches. Der andere Teil sind Fragen von Menschen aus der Designszene: Alle hatten eine Wild Card, durften fragen, was sie wollten, der Denker «musste» antworten. Da wird gefragt, welche Superkraft er gern hätte, ob wir zu viel Schönheit haben oder wie er das Unbekannte beschreiben würde. Seine Antworten werden hier nicht verraten – es lohnt sich, das Doppelbuch «Verbal gekritzelt. 30 Jahre, Fragen, Antworten.» selbst zu lesen.

Dem Nachwuchs zugewandt

Alfredo Häberli, einer der berühmtesten Produktdesigner der Schweiz. Foto: Helge Ferbitz
Alfredo Häberli, einer der berühmtesten Produktdesigner der Schweiz. Foto: Helge Ferbitz

Häberli war und ist ein angenehmer Gesprächspartner: gibt gerne Auskunft, lässt sich auf Diskurse ein, wirkt nie überheblich, hängt sein unfassbares Wissen nicht an die grosse Glocke. Nur seine wachen Augen und seine Mimik verraten, wenn das Gegenüber Unsinn faselt. Einer mit so viel Stil sollte Vorbild für alle Designstudenten sein – und tatsächlich begleitet Häberli an der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW in Basel den Masterstudiengang; die jungen Leute kommen dafür zu ihm nach Zürich. «Basel hat möglich gemacht, dass die Studenten zu mir ins Studio kommen und ich sie tagelang eng betreuen kann.» Schon vor zehn Jahren begann er, mit Atelier Pfister Schweizer Jungdesigner zu fördern.

Die Ware Freiheit

Mit schöner Regelmässigkeit trifft man Häberli am Concorso d’Eleganza in der Villa d’Este am Comersee, wo er den Aufmarsch klassischer Karossen in sich aufsaugt. Er hat auch selbst mit Automobilherstellern gearbeitet. «Es ist immer schön, mit der Industrie etwas zu machen. Für mich allein würde ich das nicht tun – der Spass fängt erst an, wenn man es zusammen macht, wenn man Technik entwickelt oder mit neuer Technik experimentiert.»

Und der kommerzielle Aspekt, die Freiheit innerhalb eines Auftrags? «Du hast Restriktionen, musst innerhalb einer eingeschränkten Freiheit eine Lösung finden. Visionäre Projekte bauen kann man – aber richtig bauen, innerhalb von Zonenordnung und Gegebenheiten, das ist komplex, das fasziniert mich mehr. Die Autoindustrie war allerdings nicht so toll, wie ich dachte: die Hierarchien, die Art des Managements, die Blindheit – alles opportunistisch, es geht nur um Umsatz.»

Der grosse Fehler der Autoindustrie? «Dass sie zweieinhalb Tonnen schwere SUVs baut, die keinen Sinn machen, ausser sie teuer zu verkaufen. Das letzte Projekt mit einem Porsche 356 dagegen – zu erkennen, was es heisst, clever zu sein – war genau, wie ich es mag: mit wenig Mitteln, wenig Linien, wenig Material möglichst viel erreichen. Das korrespondierte eins zu eins mit der Haltung von Porsche.» Porsche mag er auch privat: einen alten 911er in Platindiamant, innen mit Kork und Velours, nennt er sein Eigen, dazu einen 928er in Oak Metallic und Sherwood Green.

Liebe zum klassischen Design: Häberli mit einem Porsche 911. Foto: Christian Grund / Christophorus
Liebe zum klassischen Design: Häberli mit einem Porsche 911. Foto: Christian Grund / Christophorus

Design mit Schlagkraft

Zum Schluss ein Satz, der erklärt, wie Häberli zu seinen Inspirationen gelangt: «Beobachten ist die schönste Form des Denkens. Ich brauche das Beobachten, um mir Gedanken zu machen. Ich muss sehen, um Gedanken zu haben. Man braucht den Blick, der nicht gegen Grenzen stösst.» Dann verschwindet er kurz und kommt mit einem Prospekt zurück: «Warum brauchen Golfer 14 Schläger? Seit zehn Jahren arbeite ich mit dem Start-up Golfyr daran, die Schläger zu revolutionieren – aus 100 Prozent Carbon, so leicht, dass man Gewichte verteilen kann; Schläger, die Fehler verzeihen, weil sie sich selbst korrigieren.»

Bald ist das Set aus sechs, sieben Schlägern so weit. Es dauert lange, bis man in der Schweiz eine Erfindung hergestellt hat, die hier kreiert und designt ist; die Schläger seien wie Alinghi, so disruptiv wie nur etwas. Wer mit Häberli etwas designen will, frage ihn – aber er hat eine Prämisse: «Das mag brutal klingen, aber I only work for people I like. Nicht arrogant gemeint, sondern: Ich mag dich, dann machen wir was zusammen.»

Dieser Artikel erschien im November 2024 in der Ausgabe MEN 2/24.

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