
Die Arbeitsplatte ist in warmes Licht getaucht, im Hintergrund läuft «The First Cut Is the Deepest» mit der Stimme von Rod Stewart. In der Mitte steht eine kostbare, lackierte Schatulle. Unnahbar, glänzend, unwiderstehlich anziehend. Ich atme tief ein und hebe den Deckel. Ohne zu zögern hebe ich mit beiden Händen das Werkzeug heraus, das diese Schatulle seit so vielen Jahren schützt – seit 13, um genau zu sein. Seltsam: Warum wollte dich bisher niemand besitzen?
640 Lagen Stahl
Du bist leichter, als du aussiehst – nur 200 Gramm. Mit der rechten Hand umschliesse ich deinen schwarzen, kalten Griff; ich wage nicht auszumalen, was geschähe, wenn du mir jetzt entglittest. Ich bleibe ruhig, drehe dich sacht in alle Richtungen, das Licht spielt mit deinem unverwechselbaren Muster, das es nur gibt, weil deine 18 Zentimeter aus Damaststahl geschmiedet wurden – in 640 Lagen.
Monatelang hat Meisterschmied Lars Scheidler an dir gearbeitet. Lage um Lage, unermüdlich, präzise, hingebungsvoll. Ich wage nicht, deine Schneide mit den Fingern zu berühren; stattdessen streiche ich sanft über deinen Rücken, prüfe, ob du bereit bist, ob ich dich durch die Zubereitung führen darf. Doch eigentlich brauchst du keine Hilfe – du weisst genau, wohin du willst.
Wohlüberlegter Akt
Ich schiebe das Etui beiseite, um dir Platz zu geben; ich spüre, dass du in meiner Hand deine Balance gefunden hast, nicke zufrieden – du bist bereit, man sieht es. Wie gross wird die Wunde sein, die du mit nur 0,8 Mikrometern schlägst, beidseitig geschliffen – ein Haar ist zehnmal dicker? Ich weigere mich, daran zu denken. Jetzt, allein mit mir selbst, konzentriere ich mich.
Bedächtig, fast ehrfürchtig schiebe ich das Versuchsobjekt in die richtige Position; es verdient Respekt, es hatte ein Leben, es ist nur für mich gewachsen. Der Griff in meiner Hand ist warm geworden, die 5000 Jahre alte Mooreiche erwacht zu neuem Leben – fast wie eine Symbiose. Die 25 Diamanten auf der Platinzwinge und der Solitär auf der Vorderseite blenden mich einen Moment; man hätte auf so viel Bling-Bling verzichten können, du bist ohnehin ein Juwel. Aber sei’s drum. Ich bin bereit. Ich atme tief durch, schicke einen Wunsch ans Universum, dass mein Opfer auf der Arbeitsplatte schmerzlos hinscheide. Und so durchtrenne ich lautlos, mit einem einzigen Schnitt, die enthäutete Zwiebel.
Das Jahrhundertmesser von Nesmuk kostet 90 000 Franken. Manche Träume haben eben ihren Preis – und mancher endet an einer perfekt geschnittenen Zwiebel.
Dieser Artikel erschien im Juni 2023 in der Ausgabe MEN 1/23.


