Pearls for Him and Her

Niemand muss sich dafür entschuldigen, Perlen bisher eher in der – sagen wir mal – konservativen Stilrichtung abgespeichert zu haben. Perlen trug man zu einem gewissen Stil; die einreihige Perlenkette gehörte im Wirtschaftsaufschwung der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zum Deux-Pièces wie der Wackeldackel auf die Hutablage des Audi 80 – und fühlte sich erst ab einem gewissen Alter passend an.

Gerade mal Perlenohrstecker waren irgendwie zeitlos. Sogar junge Frauen aus der Golf- und Segelszene, die Poloshirts unter dem Sakko und Loafers zu schmalen Hosen trugen, sahen mit solchem Ohrschmuck distinguiert aus, eine Klasse für sich. Dass Stars wie Grace Kelly oder Audrey Hepburn Perlen trugen, war okay, es gehörte zu ihrem eleganten Status. Aber Frauen wie du und ich täglich mit Perlen? No.

Das hat sich massivst geändert. Warum das so ist und ob Perlen tragen oder verschenken heute eine Option ist, haben wir mit niemand Geringerem als Europas grösstem Direkt-Importeur von Zuchtperlen diskutiert: Jörg Gellner. Wir treffen den gebürtigen Deutschen in seinem Zuhause im Raum Zürich; er kommt gerade aus Hongkong, Geschäfte lassen den smarten Businesstypen um die ganze Welt fliegen. Trotz Jetlag ist er gut gelaunt – die Perlenpreise steigen gerade heftig, es wird ein gutes Jahr für den weltweit operierenden Händler. Seine Eltern Tove und Heinz Gellner gründeten einst das Business: Der Vater, ursprünglich Handelsvertreter für Schmuck, durfte irgendwann auf eigene Rechnung Perlen verkaufen, gründete 1967 sein Unternehmen und erarbeitete sich einen festen Platz im Perlenhandel.

Dass der Sohn Jörg die Firma einmal übernimmt, war nicht so klar. Der Filius war relativ offen, hatte das Wirtschaftsgymnasium besucht und grosses Interesse an der Wirtschaft an sich. Irgendetwas mit Bank oder im Steuerbereich schwebte ihm vor – aber das elterliche Geschäft mit den schimmernden Preziosen übernehmen? Klang langweilig.

Was hat Sie denn dann doch einsteigen lassen in den Familienbetrieb?

Jörg Gellner: Es war gerade die Zeit der Wende, ich hatte Semesterferien, und von den Handelsvertretern meines Vaters wollte keiner so recht in den Osten gehen und dort Geschäfte machen. Ich sagte: Lass mich das machen – und habe in Ostdeutschland sozusagen Blut geleckt. Ich war erfolgreich, und es hat richtig Spass gemacht. Dann kam dazu, dass mein Vater früh mit Parkinson diagnostiziert wurde und Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr gut beisammen war. Der Firma ging es auch nicht gut, und ich unterbrach mein Studium für ein Jahr, um Strukturen zu implementieren. Meine Diplomarbeit habe ich noch geschrieben, wurde aber regelrecht ins Geschäft reingeworfen. Für mich stimmte es – ich sagte mir, ich hätte ja eigentlich nichts zu verlieren.

Wie haben Sie den Aufschwung für Gellner geschafft?

Weisse Perlen neu interpretiert: Südseeperlen und feinsilberne Akoya-Perlen mit Weissgold und Brillanten aus der Kollektion Swanlake Clubbing. Foto: Andrea D’Aquino
Weisse Perlen neu interpretiert: Südseeperlen und feinsilberne Akoya-Perlen mit Weissgold und Brillanten aus der Kollektion Swanlake Clubbing. Foto: Andrea D’Aquino

Jörg Gellner: Wir waren bis dahin ein Handelsbetrieb, kauften auch Schmuck in Asien. Das habe ich gekappt und mich aufs Design fokussiert. Der nächste Schritt war, alle Handelsstufen zu überwinden und Perlen direkt bei den Züchtern einzukaufen. Das gab den Ausschlag – wir waren damals Pioniere und stiegen zum grössten Direktimporteur von Südseeperlen in Europa auf. Heute unterstützen wir mit dem Kauf von Südseeperlen das Pearlfarming als besonders nachhaltige Form des aktiven Umweltschutzes.

Und den Schmuck, den Sie unter eigenem Namen anbieten, designen Sie selbst?

Jörg Gellner: Ich bin vollumfänglich in den Designprozess involviert, viele Ideen kommen von mir – aber ich kann nicht zeichnen. Die Umsetzung macht unser Werkstattleiter mit seinem Team.

Es heisst, Sie haben das teuerste Perlencollier der Welt im Sortiment?

Jörg Gellner: Das erste High-End-Collier von 2007 hatte Perlen mit 18 bis 22 Millimetern Durchmesser – sehr seltene Grössen. Es wurde in Stuttgart für 1,2 Millionen Euro verkauft. Danach machten wir noch eines, das ging für rund eine Million nach Dubai. Jetzt haben wir eines, «Maxima», das 2,5 Millionen kostet – die Preise sind immens gestiegen. Es ist noch nicht verkauft.

Wieso steigen Perlen gerade so im Wert?

Jörg Gellner: Weil vor allem die Chinesen Perlen kaufen wie verrückt. Man kann die Produktion aber nicht einfach erhöhen wie bei einer Rolex, wenn man wollte. Perlen sind ein langsam nachwachsender Rohstoff: Bis man eine ernten kann, dauert es fünf Jahre. Die Auster braucht drei Jahre bis zur Kernimplantation und die Perle nochmals zwei Jahre zum Wachsen. Bei manchen Austern folgt eine zweite Implantation mit grösserem Kern, nach weiteren zwei Jahren hat man eine viel grössere Perle. In diesem letzten Zyklus stirbt die Auster und wird weiterverarbeitet – etwa zu Kosmetik; das Fleisch wird gegessen, aus dem Perlmutt entsteht Schmuck.

Perlen sind nicht mehr nur Frauensache: Herrenschmuck aus der Kollektion Bold. Foto: Andrea D’Aquino
Perlen sind nicht mehr nur Frauensache: Herrenschmuck aus der Kollektion Bold. Foto: Andrea D’Aquino

Findet man Perlen noch in der freien Natur?

Jörg Gellner: Man muss praktisch 10 000 Austern öffnen, um eine Naturperle zu finden – das ist ökologisch nicht korrekt. Königin Elizabeth I. war eine absolute Perlenfanatikerin: Sie beschäftigte 40 000 Perlentaucher im Persischen Golf, die nichts anderes taten, als nach Austern zu tauchen und Perlen für sie zu finden. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Perlen, weil so selten in der Natur, nur den Königshäusern vorbehalten.

Ist es heute eine gute Idee für einen Mann, einer Frau Perlen zu schenken?

Jörg Gellner: Für mich ist die Perle das einzige Juwel, das Leben hat. Man muss eine Perle einmal anfassen – sie fühlt sich richtig gut an, nicht wie tote Materie, wie Stein oder Gold. Und sie ist das einzige Juwel, das schon perfekt kommt; ich muss nichts schleifen. Perlen sind magisch, und Frauen, die Perlen mögen, empfinden das genauso. Ich habe das Gefühl, gerade die Jungen, die 20-, 30-Jährigen, finden zur ganz klassischen weissen Perlenkette zurück – einfach in viel zeitgemässerem Design. Generell aber finde ich es schwierig für einen Mann, Schmuck zu verschenken: Frauen wollen gerne mitentscheiden, welchen Schmuck sie tragen.

In Ihrer aktuellen Kampagne tragen auch Männer Perlenschmuck. Ist das nur Ihre Idee oder wirklich so?

Jörg Gellner: Die Welt der Zuchtperlen ist bunt – es gibt wunderbare grosse Perlen in satten, mysteriös schimmernden Farben, von Tiefgrün über Braunbronze bis zu metallischem Blau und warmen Auberginetönen. Männer tragen Perlen gerne als Armband. Aber es gibt auch eine Klasse Männer, die Perlenketten tragen wollen.

Sie selbst auch?

Klassisch und doch zeitgemäss: ein Perlen-Choker zum weissen Anzug. Foto: Andrea D’Aquino
Klassisch und doch zeitgemäss: ein Perlen-Choker zum weissen Anzug. Foto: Andrea D’Aquino

Jörg Gellner: Ich trage Perlen am Armband – und immer eine als Glücksbringer in der Hosentasche!

Perlenschmuck von Gellner ist nicht gerade günstig …

Jörg Gellner: Die Preise bewegen sich in einem Rahmen, der hier in der Schweiz geläufig ist. Wir machen ja keinen Modeschmuck. Und wir produzieren alles in Deutschland.

Wie pendeln Sie zwischen der Schweiz und Deutschland? Mit dem Auto?

Jörg Gellner: Zuerst bin ich mit meinem 5er-BMW hin- und hergefahren, dann kaufte ich mein Traumauto, einen 911 Targa – mit dem stand ich aber ständig im Stau, in Sindelfingen oder Zürich. Ich denke in Schwarz-Weiss, ich mag nicht die Mitte. Also machte ich eine Autopause, fuhr vier, fünf Jahre Zug, und wenn ich ein Auto brauchte, Carsharing. Jetzt habe ich mir einen Tesla 3 gekauft. Das ist für mich kein Auto im klassischen Sinn, sondern das Produkt einer Softwarefirma auf Rädern, ein Fortbewegungsmittel. Ich bin ein Technikfreak, brauche immer den neuesten Computer. Der Tesla fährt mich fast autonom von hier nach Pforzheim – sehr entspannend, ich kann beim Fahren wunderbar relaxen.

Alles über die Welt der Züchter, von denen Jörg Gellner exklusiv Perlen kauft und die er regelmässig besucht: gellner.com. Den Schmuck gibt es bei ausgesuchten Juwelieren und in der eigenen Boutique Gellner & Friends in der Strehlgasse in Zürich, wo auch sieben andere Schmuckmarken geführt werden.

Dieser Artikel erschien im November 2023 in der Ausgabe MEN 2/23.

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