
Linda Jackson persönlich gibt das Rennen frei an diesem Sonntag im Autodromo Nazionale di Monza. Es ist ein heisser Sommertag, die Hitze brennt über der Traditionsstrecke, Staub liegt in der Luft. Die Ränge sind bestenfalls halb voll, als es um 14 Uhr losgeht – kein Formel-1-Rennen, sondern ein Lauf der WEC, hochkarätig, aber weniger im Rampenlicht.
Für Peugeot-CEO Linda Jackson ist es ein grosser Moment: Mit dem 9X8 tritt die Marke zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren wieder zu einem Langstreckenrennen an. Nach 10 000 Testkilometern, die das Team von Peugeot Sport seit Mitte Juni auf fünf verschiedenen Rennstrecken absolviert hat, muss der Löwe nun mehr zeigen als nur die Zähne. Man nimmt den Auftritt ernst, auch wenn er nur ein Vorspiel ist – ein Vorspiel auf die grosse Show im Juni 2023, wenn Peugeot mit dem Hypercar zu den 24 Stunden von Le Mans antritt.
Bestens geeignet

Der Peugeot 9X8 ist nach dem Reglement der neuen FIA-Hypercar-Klasse als LMH-Fahrzeug homologiert. Das bedeutet: Hybridantrieb. Vor der Hinterachse sitzt ein 265 Kilogramm schwerer 2.6-Liter-Biturbo mit 680 PS, hinter der Vorderachse ein 200 kW starker Elektromotor mit Generator. Zwischen Fahrer und Verbrennungsmotor eingeklemmt liegen ein 90-Liter-Benzintank und eine 900-Volt-Batterie. Nach dem 905 mit seinem freisaugenden 3.5-Liter-V10 und dem 908 mit dem abenteuerlichen V12-Diesel soll jetzt also ein Hybrid die Lorbeeren nach Hause bringen.
Beim Antrieb macht das LMH-Reglement wenige Vorgaben: festgelegt sind eine Höchstdrehzahl von 10 000 U/min und ein maximales Vorbeifahrgeräusch von 110 Dezibel, dazu ein Mindestgewicht für den Motor sowie definierte Drehmoment- und Leistungswerte. Die Höchstleistung liegt zwischen 653 und 707 PS. Wie viel es tatsächlich sein darf, entscheidet die Balance of Performance, die die Stärkeunterschiede der Fahrzeuge über die Motorleistung ausgleicht – das sorgt für weniger Gefälle und mehr Spannung. Im Normalbetrieb sind es maximal 680 PS; nur in klar definierten Situationen aktiviert der Elektromotor einen Boost auf bis zu 707 PS. Dann wird der 9X8 für einen Moment zum Allradfahrzeug.
Dass der 9X8 ein Hybrid ist, ist kein Zufall, wie Linda Jackson erklärt. Einerseits schreibt das LMH-Reglement die Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor vor; andererseits gibt es einen Bezug zur Serienproduktion. Inzwischen steht die CEO auf der Tribüne zwischen Fans, Teammitgliedern und Journalisten. Der Einstieg in den Motorsport, sagt sie, möge in Zeiten ökologischen Denkens wie ein Widerspruch wirken – sei es aber nicht. Denn Peugeot könne damit beweisen, dass man es mit der Elektrifizierung ernst meine. Und was wäre besser geeignet, um zu zeigen, dass die Hybridtechnologie funktioniert, als ein 700-PS-Rennwagen, der stundenlang extremster Beanspruchung standhält?

Der 9X8 ist damit auch ein Kompetenzbeweis für alle Beteiligten – und das sind einige: Rund 10 000 Teile stecken in einem LMH-Rennwagen. Der Verbrennungsmotor stammt von Peugeot, die Batterie hat Peugeot Sport gemeinsam mit Saft entwickelt, einer Tochterfirma des französischen Energiekonzerns TotalEnergies. Die «Intelligenz» des Wagens, die das gesamte Energiemanagement steuert, kommt von Peugeot Sport Engineered – jener Abteilung, die auch für die sportlichen Strassenfahrzeuge verantwortlich ist. Die Motor-Generator-Einheit an der Vorderachse entstand zusammen mit dem italienischen Elektromotoren-Spezialisten Marelli.
Dass für den ersten Auftritt des Löwen Monza gewählt wurde, hat auch einen historischen Hintergrund: Hier gab vor genau 15 Jahren der 908 HDi, das Dieselexperiment der LMP1-Klasse, sein Debüt – Peugeots markante Rückkehr auf die Langstrecke nach jahrelanger Pause. Nun, da das Autodromo sein 100-Jahr-Jubiläum feiert, findet sich das Team erneut hier ein. Die beiden Boliden mit den Nummern 93 und 94 fahren gegen die etablierten Teams von Alpine, Toyota und Glickenhaus. Schon im Training kämpften die Fahrzeuge mit technischen Problemen; Nummer 94 musste immer wieder in die Box.
«Wenn es Probleme mit einem Auto gibt, haben wir 60 bis 90 Sekunden Zeit, um eine Strategie zurechtzulegen und die Teile und Werkzeuge vorzubereiten», erklärt Thomas Desforges, Chefmechaniker der Nummer 94. Und genau das passiert zu oft. Die Box der Nummer 93 – der Bolide von Paul di Resta, Mikkel Jensen und Jean-Éric Vergne – wird die Boxengasse an diesem Tag nicht mehr verlassen: Das Rennen ist für sie gelaufen. Zwei Stunden später überquert der siegreiche Alpine A480 nach gut sechs Stunden die Ziellinie.

Auf dem richtigen Weg
Die verbliebene Peugeot 9X8 liegt am Ende 25 Runden zurück. Und doch sind die Fahrer Loïc Duval, Gustavo Menezes und James Rossiter zufrieden, die Renndistanz erfolgreich absolviert zu haben. «Wir sind auf dem richtigen Weg», resümiert Rossiter. Er sollte recht behalten: Beim zweiten Rennen in Fuji (Japan) belegen die beiden Peugeot zwar weiterhin die hinteren Plätze, doch mit deutlich weniger Problemen als noch in Monza. Wenige Tage später nimmt Peugeot für die Nummer 93 einen neuen Werksfahrer unter Vertrag – den jungen Schweizer Nico Müller, der aus der DTM wechselt. Im kommenden Juni soll er den Löwen in Le Mans zu neuem Erfolg fahren.
Dieser Artikel erschien im November 2022 in der Ausgabe MEN 2/22.


